Im Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" blickt die Redaktion auf die Geschichte der Juden im Landkreis Kitzingen  zurück. Gastautor Wolf-Dieter Gutsch aus Wiesentheid hat dazu mehrere Familien-Schicksale zusammengetragen, die wir in einer Serie vorstellen.

Hermann Fleischmann wurde am 3. März 1850 in Prichsenstadt als fünftes von sieben Kindern des "Landesproduktenhändlers" Löw Fleischmann und seiner aus Kirchschönbach stammenden Frau Adelheid, geb. Dornheimer, geboren.

Die Fleischmanns zählen wohl zu den ältesten jüdischen Familien in Prichsenstadt und lassen sich mindestens bis ins frühe 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Den Familiennamen Fleischmann wählten Hermanns Großvater Jacob Oscher und dessen Bruder Hirsch Oscher, als im Jahre 1817 auch in Unterfranken das bayerische Juden-Edikt von 1813 Gültigkeit erlangte und alle jüdischen Familien bürgerliche Namen annehmen mussten. Bis dahin war es üblich, dass dem Vornamen der Vatersname beigefügt wurde, wie es heute zum Beispiel noch Brauch in Island ist.

Während Hermann Fleischmann und seine Geschwister Hanna, Babette und Jacob in Prichsenstadt blieben, zogen die anderen teils nach Heirat fort: Oscher nach Schweinfurt und später nach Nürnberg, Isaak nach Mainstockheim und später nach Kitzingen, Julie nach Gaukönigshofen und später nach Apolda. Fast alle folgten der Familientradition und wurden Vieh- und Pferdehändler oder mit solchen verheiratet. Nur Isaak heiratete die Witwe eines Weinhändlers und betätigte sich daraufhin in diesem Beruf.

Bedeutender Vieh- und Pferdehändler mit 18 Kindern

In Prichsenstadt wurde Hermann Fleischmann zu einem der bedeutendsten und wohlhabendsten Vieh- und Pferdehändler. Er übernahm 1875 das Haus Nr. 6 (heute: Kirchgasse 9) von seinem Bruder Oscher und heiratete 1878 die aus Aschbach stammende Mathilde Sussmann (1853-1886). Nach deren Tod ehelichte er 1887 die in Brünnau geborene Johanna Klein (1863-1919). Mit seinen beiden Ehefrauen hatte er insgesamt 18 Kinder, sechs von ihnen starben jedoch schon in jungen Jahren.

Etwa um 1905 gründete Hermann Fleischmann in Bamberg eine Filiale seiner Vieh- und Pferdehandlung, die später von seinem Sohn Jakob übernommen wurde und in der auch die Brüder Gustav und Sigmund tätig waren.

Der Sohn Lulu betrieb in Würzburg eine große Pferdehandlung, der älteste Sohn Justin war Landmaschinenhändler in Theilheim bei Schweinfurt, der Sohn Ludwig Bankbeamter in Bamberg und später Kaufmann in Nürnberg. Die Tochter Bertha war in Bad Mergentheim verheiratet, die Töchter Dora und Rosalie in Nürnberg.

In Prichsenstadt blieben die Söhne Max, der 1924 das landwirtschaftliche Anwesen samt Pferdehandlung von seinem Vater übernahm, und Leo, außerdem die jüngste Tochter Frieda. Während des Ersten Weltkrieges waren zahlreiche Söhne von Hermann Fleischmann als Soldaten der bayerischen Armee aktiv oder beteiligten sich zumindest an der Versorgung der Truppen mit Material und Pferden. Justin und Gustav dienten von Anfang bis Ende des Krieges und brachten es bis zum Sergeanten bzw. Unteroffizier.

Auszeichnung des bayerischen Königs für Sohn Jakob

Jakob erhielt 1917 vom bayerischen König als Auszeichnung für seine Dienste als Pferdelieferant der Armee die König-Ludwig-Medaille. Am 22. Juni 1918 rückte sogar noch der gerade einmal 18-jährige Leo Fleischmann für ein paar Monate zum Kriegsdienst ein.

Hermann Fleischmann lebte ab 1924 im Hause Nr. 159 in Prichsenstadt mit seiner Tochter Frieda und seinem Sohn Leo, der 1932 ein eigenes Pferdehandelgeschäft anmeldete und im gleichen Jahr die aus Scheinfeld stammende Flora Adler heiratete. 1933 kam die Tochter Hanna zur Welt, 1938 die Tochter Ilse.

1935 zog Hermann Fleischmann mit seiner Tochter Frieda nach Bamberg zu seinen Söhnen Jakob, Gustav und Sigmund. Er starb dort am 5. August 1938, wurde aber auf dem Israelitischen Friedhof in Gerolzhofen – in der Nähe seiner beiden Ehefrauen – begraben.

Fast allen Kindern Hermann Fleischmanns gelang mit ihren Familien noch rechtzeitig vor dem Holocaust die Flucht aus Nazi-Deutschland. Sie konnten ihr Leben und das ihrer Familien durch Emigration, meist in die USA, retten. Gustav Fleischmann emigrierte nach seiner Entlassung aus dem KZ Dachau 1939 nach Chile.

Max Fleischmann gehörte zu den ersten jüdischen Opfern des Nazi-Regimes in unserer Gegend. Nach einem Gerichtsverfahren in Würzburg wurde er im Februar 1934 in "Schutzhaft" genommen und in das KZ Dachau eingeliefert. Dort trieben ihn einige SS-Leute – in erster Linie ein Otto P. aus Würzburg – durch unbeschreibliche Bestialitäten in den Selbstmord; er erhängte sich am 9. März 1934.

Der ältesten Tochter gelingt die Flucht nach Spanien

Seine Frau Frieda Fleischmann, geb. Strauß, und seine Töchter Inge und Trude wurden im April 1942 nach Krasnystaw in Ostpolen deportiert und dort vermutlich in einem der Vernichtungslager ermordet. Nur der ältesten Tochter Hilde gelang im September 1941 noch die Flucht nach Spanien, kurz bevor Auswanderungen aus Deutschland verboten wurden.

Leo Fleischmann hatte seine Pferdehandlung in Prichsenstadt abmelden müssen. 1938 zog seine Frau Flora mit den Töchtern Hanna und Ilse zunächst nach Scheinfeld zu ihren Eltern, dann zur Schwägerin Bertha Rosenthal nach Bad Mergentheim. Leo löste den Haushalt in Prichsenstadt auf und versuchte noch, seine letzten Besitztümer zu verkaufen. Am 19. September 1938 verließ auch er seinen Heimatort und fuhr tags darauf von Hamburg mit dem Schiff nach New York. Die Bürgschaft, die für die Erteilung eines Visums für die USA unabdingbar war, hatte sein Bruder Sigmund gegeben.

Es gelang Leo Fleischmann mit vielen Mühen, auch seine Frau und die beiden Töchter in die USA nachkommen zu lassen. Die Familie ließ sich in Houston/Texas nieder, wo Leo Arbeit als Gärtner auf dem jüdischen Friedhof gefunden hatte und seine Familie bescheiden ernähren konnte. Er starb 1969 in Houston im Alter von 69 Jahren, seine Frau Flora im Jahr 2000, 92 Jahre alt.

Die beiden Töchter, Hanna Cweren und Ilse Felsen, leben noch in Houston. Sie sind wohl die letzten jüdischen Menschen, die in Prichsenstadt geboren oder aufgewachsen sind.

Ausstellung und Vortrag

Zum Jubiläumsjahr "1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland" wurde die Dauerausstellung im Malerwinkelhaus Marktbreit "Frauen-Zimmer, Lebensstationen in einer fränkischen Kleinstadt" akzentuiert. Sie zeigt nun auch Aspekte jüdischen Lebens in Marktbreit zwischen 1900 und 1940.
Dazu findet am Donnerstag, 16. September, um 19.30 Uhr in der Rathausdiele in Marktbreit eine Multimedia-Präsentation von Museumsleiterin Dr. Simone Michel-von Dungern statt. Wegen der coronabedingten Beschränkung der Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung bis Freitag, 10. September, nötig: Tel. (09332) 405-401, E-Mail: stadt@marktbreit.de
Quelle: Stadt Marktbreit

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  • Juden im Landkreis Kitzingen: Emigration oder Ermordung
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