Wenn die Weihnachtsferien beginnen, dann heißt es normalerweise für die Internatsschüler am Wiesentheider Gymnasium, Koffer packen und ab nach Hause. Das gilt auch für die rund 35 ausländischen Schüler. Mehr als 15 Nationen sind in Wiesentheid an der Schule und die Schüler kommen aus Ländern wie Russland, Ukraine, Tschechien, China, Vietnam oder gar Ägypten und  Äthiopien. In Corona-Zeiten jedoch ist das Heimreisen nicht so einfach wie sonst. Manche Schüler müsse bei der Reise ins Heimatland, andere bei der Rückreise erst einmal in Quarantäne. Dazu gesellen sich oft noch andere Schwierigkeiten, so dass sogar die Jugendlichen auf Weihnachten zuhause verzichten – obwohl sie schon lange nicht mehr zuhause waren.

Wie etwa Linh, eine Vietnamesin aus Haiphong, in der Nähe von Hanoi. Sie ist seit drei Jahren an der Schule ist. Es gebe derzeit ohnehin kaum Flüge nach Vietnam, weil das Land wegen der Pandemie die Grenzen dicht gemacht habe. Die Regierung bestimme, wer rein darf. Sie fragte zwar bei den zuständigen Stellen nach, doch sie hat wenig Hoffnung. „Ich denke nicht, dass ich fliegen darf", sagt das Mädchen. "Und wenn, dann weiß ich nicht, ob ich wieder zurück kann.“ Sie fliege ein bis zweimal im Jahr heim, und sei es gewohnt, weg von ihrer Familie zu sein. Linh wird wohl hier bleiben, auch um ihr im Sommer anstehendes Abitur nicht zu gefährden. Schließlich könnte sich die Rückkehr verzögern.

Quarantäne im Hotelzimmer 

Dieses Problem hatten im Frühjahr einige, die im Wiesentheider Internat leben. Auch die 17-jährige Yana aus Moskau. Sie konnte nach dem ersten Lockdown vor Ostern nicht mehr zurück. „Unterricht war nur online möglich, damit kam ich schon zurecht", erzählt sie. "Das Zeugnis wurde dann geschickt.“ Wenn Yana nun zu Weihnachten heimgeht, muss sie bei der Ankunft einen Corona-Test machen. Außerdem wird die Elftklässerin fünf Tage vor Schulbeginn wieder nach Wiesentheid reisen, weil sie nach der Rückkehr in Deutschland in Quarantäne muss. Allerdings nicht im Internat, das wäre wegen der möglichen  Ansteckungsgefahr zu gefährlich. Internatsleiter Elmar Halbritter erklärt, dass sich die Schüler ein Zimmer außerhalb mieten müssen. Die Vermittlung laufe oft über Bekannte oder Mitschüler.

Genauso ergeht es Robert, der auch aus Moskau kommt und die zwölfte Klasse der internationalen Bildungseinrichtung besucht. Vor Corona besuchten ihn ab und zu seine Eltern, doch auch das ist nicht mehr möglich oder viel zu umständlich.

Noch schwieriger ist die Situation für Yassin. Seine Familie lebt in Ägypten und den USA. „Meine Mutter habe ich seit eineinhalb Jahren nicht mehr gesehen, so lange war ich nicht mehr in Ägypten.“ Die Ferien habe er zuletzt meist bei seinem Bruder verbracht. "Er studiert Gott sei Dank in Aachen“, sagt Yassin. Zu Weihnachten will der Junge nach Kairo reisen, wo seine Mutter lebt. Dazu benötigt er einen negativen Corona-Test. Leichter ist die Situation für die junge Koreanerin Hyunhee, die erst in den Herbstferien in Seoul war. Die Quarantäne, die für die Schülerin der elften Klasse nach ihrer Ankunft im Heimatland Korea Pflicht ist, verbringt sie dort in der Wohnung.

Ist die Rückkehr möglich?

Einen deutlich kürzeren Heimweg hat Josefina. Die 17-Jährige ist eine von vier Gastschülerinnen aus dem tschechischen Liberec. Dort waren die Bestimmungen zuletzt sehr strikt, in den Herbstferien konnten Josefa und die anderen drei Tschechen nicht nach Hause. „Da war ich für neun Tage bei einer Mitschülerin privat untergebracht.“ Das ist diesmal nicht nötig: Josefa und ihre Landsleute dürfen heim, wissen aber aktuell nicht, ob die Rückkehr ohne weiteres möglich sein wird.

Dieses Problem betrifft viele der ausländischen Internatsschüler, zu denen auch neun Chinesen zählen. Internatsleiter Halbritter kennt die Sorgen. „Das ist schon sehr belastend für die jungen Leute", sagt er. "Zum einen sind die kurzfristigen Flüge oft viel teurer. Zum anderen ist da die Ungewissheit: Komme ich wieder zurück?“ Er ist skeptisch, ob tatsächlich alle zum Schulbeginn nach Weihnachten in Wiesentheid sein werden. Halbritter und seine Kollegen helfen den Schülern, wo es geht, bei den Visa-Anträgen und Bestätigungen, die zum Reisen oft gefordert werden.

Doch nicht nur bei den internationalen Schüler sorgt die Corona-Pandemie für Schwierigkeiten. Das Internat blieb bisher zum Glück verschont, aber der Alltag hat sich geändert. So gibt es derzeit nur noch Einzel- oder Zweierzimmer.  Eine Vierer-Belegung wie sonst teilweise üblich gibt es nicht mehr.

Um kleinere Gruppen im Speisesaal zu haben, werden die Zeiten aufgeteilt. Gemeinsame Veranstaltungen, wie Filmabende, oder Sportstunden, fallen aus. Gerade das, was ein Internat ausmache, fehle eben, was auch die Schüler bedauern. „Es war sonst viel lebendiger“, sagt Heimleiter Halbritter. Nicht nur er hofft, dass sich das bald wieder ändern wird.