Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach hat in Aschaffenburg das Verdienstkreuz am Bande des Bundesverdienstordens an Ingrid Werner (64) aus Obernbreit verliehen. Sie pflegt seit über drei Jahrzehnten aufopferungsvoll ihren pflegebedürftigen Ehemann Reinhard Werner (68). Zurück in Obernbreit gab es für sie zur Überraschung einen Empfang am Gemeindehaus.

"Wir fahren jetzt mal durch Obernbreit", habe ihr Gerhard Müller gesagt, der sie nach Aschaffenburg zusammen mit Tochter Kathrin Lenti gefahren hatte und sie auch für die Ehrung vorgeschlagen hatte. Beim Halt am Gemeindehaus war dann auch schon alles vorbereitet, denn ihre Familie wusste ja Bescheid.

Viel Applaus brandete ihr von der Familie, von Freunden und Bekannten und Mitgliedern der MS-Selbsthilfegruppe Ochsenfurt entgegen, die sie seit 2001 leitet. Zudem gehört sie auch seit 2006 dem Vorstand der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Obernbreit an. Kaum war das Überraschungsmoment vorbei, Tochter Kathrin war vorausgeeilt, hatte ihren Vater schon umarmt und ihm die Auszeichnung in den Schoß gelegt, eilte Ingrid Werner zu ihrem Mann, umarmte ihn und gab ihm einen langen Kuss.

Etliche Untersuchungen später stand die Diagnose fest

Bei Reinhard Werner, von Beruf Landmaschinenschlosser, hatten sich 1989 die ersten Symptome beim Fußballspielen gezeigt, als er des Öfteren mit dem Fuß im Gras hängenblieb. Etliche Untersuchungen später stand die Diagnose fest: Reinhard Werner ist an Multipler Sklerose (MS) erkrankt. Er bekam einen Rollstuhl und war im Alter von 36 Jahren berufsunfähig.

Seine Familie hielt zu ihm. Von Beginn an begleitete Ingrid Werner ihren Mann im Kampf gegen seine Krankheit. Dies griff Pfarrer Sebastian Roth auf. Als Pfarrer predige er oft zu jungen Ehepaaren über die Bedeutung des Eheversprechens und dieses klein Sätzchen: "… in guten wie in schlechten Tagen". "Sie beide haben einen Weg gefunden, diesem Versprechen eine Realität zu geben, es zu leben", sagte Roth. Es sei eine Herausforderung, sich selbst anzunehmen, wie man sei. Es könne herausfordern, den geliebten Nächsten so anzunehmen, wie er geschaffen sei, würdigte er die Lebensleistung des Paares.

"Wenn jemand eine solche Ehrung verdient, dann ist es Ingrid", sagte Gerhard Müller, Kassier der MS-Selbsthilfegruppe. Von Anfang an pflege sie ihren Mann. Sie nehme keinen Pflegedienst in Anspruch. Die Auszeichnung sei für sie und die ganze Familie, sagte Obernbreits Bürgermeisterin Susanne Knof. "Sie erbringen jeden Tag eine große Leistung", sagte Knof, auch wenn es für sie wohl selbstverständlich sei.

"Ein freundlicher, humorvoller und liebenswerter Mann"

Jochen Radau von der Würzburger Beratungsstelle der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft hatte die Familie vor 18 Jahren kennengelernt. Er erzählte von einem beeindruckenden Besuch im Hause Werner, das schon damals barrierefrei umgebaut war. "Bei Ihnen traf ich auf einen freundlichen, humorvollen und liebenswerten schwerstbetroffenen Mann, der fortan für mich ein positives Beispiel für den Umgang mit schwerster Krankheit wurde." Seine Frau sei seine Stütze, sie gebe ihm Kraft. Er sei schwer krank, aber gut drauf. Das bestätigte auch Reinhard Werner, der voll Optimismus ist, wieder an Treffen der Selbsthilfegruppe teilzunehmen: "Es geht wieder los", verkündete er.

Bei Reinhard Werner hatte sich die Krankheit in ihrem chronischen Verlauf gezeigt. Heute kann er nur noch den Kopf bewegen, steuert mit dem Kinn seinen Elektrorollstuhl. Doch dank der Versorgung durch seine Frau und die Unterstützung der drei Kinder Kathrin Lenti, Silke Sussner und Fabian Werner, der seinen Vater nur mit MS kennengelernt hatte, konnte Reinhard Werner in seiner gewohnten häuslichen Umgebung bleiben. Auch die Kinder sind alle in Obernbreit geblieben. Sieben Enkelkinder bringen Leben ins Haus und kümmern sich auch schon um ihren Opa.

"Ihr seid die besten Vorbilder und wir unterstützen Euch, solange wir können", versprach Silke Sussner für sich und ihre Geschwister. "Wir hoffen, dass wir Euch noch lange haben."

Regelmäßig unternimmt Ingrid Werner mit ihrem Mann, mit dem sie seit 42 Jahren verheiratet ist, Rolli-Touren in die Obernbreiter Flur. Glücklich und dankbar ist sie über die Unterstützung der Kinder und Enkelkinder.