"So einen wissbegierigen und von seiner Arbeit begeisterten Auszubildenden hatten wir noch nie", schwärmt die Chefin der Kitzinger Friseursalons "II wie Lewring", Birgit Nauth, über den Afghanen Hossein Rezae. Tatsächlich gelang es dem 31-Jährigen als erster Lewring-Azubi, drei Einser beim Herrenschnitt in der Gesellenprüfung hinzulegen. In einem noch anderen Licht erstrahlt seine Leistung angesichts der Tatsache, dass er erst vor fünf Jahren nach Deutschland kam, kein einziges Wort Deutsch konnte und bis heute nicht einen Sprachkurs absolvieren durfte.

Sein bisheriges Leben war kein Zuckerschlecken, denn in Afghanistan ist es üblich, dass Jungs spätestens mit zehn Jahren neben der Schule arbeiten gehen, um die Familie mit zu ernähren. Denn: In seinem Heimatland dürfen Frauen nicht arbeiten. Er arbeitete in einer Schuhfabrik, da es dort keine Berufsausbildung gibt. Nach der siebten Klasse verließ er die Schule in seiner Heimatstadt Harat und litt wie viele seiner Landsleute darunter, dass in Afghanistan schon seit 40 Jahren Krieg herrscht.

Da er optisch eher als Iraner daherkommt, traute er sich die Flucht in den Iran, wo er einige Jahre unter der ständigen Angst lebte, aufgegriffen und ausgewiesen zu werden. Die nächste Station seiner jahrelangen Flucht-Odyssee führte ihn in die Türkei, wo er sich als Mitarbeiter in einem Istanbuler Restaurant durchschlug und sich der Hoffnung auf ein besseres Leben hingab.

Mit dem Zug nach Deutschland

Als im Jahr 2015 die Flüchtlingswelle aus Syrien und anderen Ländern nach Europa schwappte, wagte er mit einem Bus den Aufbruch nach Griechenland und marschierte von dort aus wochenlang Richtung Österreich. Dann kam die gute Nachricht, dass er mit dem Zug nach Deutschland einreisen durfte und er kam in Münster an.

Danach ging es mit der Bahn nach Schweinfurt, wo er zuerst eine Nacht unter einer Brücke schlief. Ein paar Tage später wurde er der Flüchtling-Sammelunterkunft im Kitzinger Innopark zugewiesen. Ab 2016 wohnte er zusammen mit elf Syrern in einer dezentralen Einrichtung in Castell, wo ihm eine Nachbarin den Tipp gab, beim Berufsfortbildungszentrum (bfz) den Kurs "Perspektive für Flüchtlinge" zu belegen.

Nach wie vor war er der deutschen Sprache nicht mächtig und kam auch nie in den Genuss eines Deutsch-Kurses. Mittlerweile hatte er seine Familie schon acht Jahre nicht mehr gesehen und nur per WhatsApp Kontakt. Trotzdem versuchte er sich in zwei Praktika, musste danach erst eine Einstiegsqualifizierung durchlaufen, ehe er vor drei Jahren im Salon "II wie Lewring" seine Ausbildung beginnen durfte.

Chefin half ihm bei Behördengängen

"Der Friseurberuf hat mir sofort gefallen", erzählt der junge Mann mit ausgeprägtem Anstand. Er ging und geht mit Begeisterung zur Arbeit und das Friseurteam sah er bald als eine Art Familie an. Er spricht von einer "tollen Chefin" Birgit Nauth. Sie erledigte mit ihm viele Behördengänge und Schreibkram und ebnete ihm den Weg zum Führerschein.

Hossein Rezae vertiefte sich in ein Übersetzungswörterbuch von Afghanisch nach Deutsch und war dankbar, wenn ihm eine Kundin immer wieder Deutschstunden gab. Er musste sich im ersten Lehrjahr sehr bescheiden, da er von seinem 300-Euro-Lohn für über 70 Euro eine Monatskarte zur Berufsschule in Karlstadt kaufen musste. Da blieb kaum etwas zum Einkaufen.

Was ihn neben seiner bescheidenen Art mit sehr gutem Benehmen auszeichnet, ist, dass er nie nach staatlicher Hilfe rief oder irgendeine finanzielle Unterstützung erhielt und sich trotzdem nicht von seinem Weg abbringen ließ. Seine Chefin sorgte für seinen Umzug nach Kitzingen, in eine Gemeinschaftswohnung mit sechs anderen Asylbewerbern. Jetzt ist Hossein Rezae zwar nicht glücklich, aber zumindest zufrieden, durfte er doch kürzlich seinen Gesellenbrief entgegennehmen. Sein Asylantrag wurde wenigstens für ein Jahr anerkannt und er ist stolzer Besitzer eines Führerscheins.

Vom Islam zum katholischen Glauben konvertiert

Zudem nutzte Birgit Nauth Kontakte, damit Hossein Rezae jetzt erstmals in seinem Leben eine eigene Wohnung in der Falterstraße hat. Zudem machte er die Bekanntschaft mit dem Münsterschwarzacher Bruder Abraham, was ihn dazu bewog, im vergangenen Jahr vom Islam zur katholischen Kirche zu konvertieren und sich taufen zu lassen.

Wenn er von seiner Arbeit erzählt, beginnen seine Augen zu leuchten. Am liebsten schneidet er Harre und zupft Augenbrauen. Im ersten Lehrjahr durfte er bereits sein Können beweisen und ein Freund saß Modell, mit dem Ergebnis, dass ihm seine Chefin bescheinigte, besser geschnitten zu haben als andere im dritten Lehrjahr. Er entwickelte sich als Friseur, ist im Team vollständig akzeptiert und im Arbeitsmarkt integriert, und er berichtet stolz, dass er schon die erste Stammkundin hat.

"Hossein ist nett, zuverlässig und hilfsbereit, und deswegen ist er im Team und bei den Kunden sehr beliebt", lobt Birgit Nauth ihn und ist froh, dass sich der enorme Aufwand für die Integration des Afghanen als Paradebeispiel für die Eingliederung in unsere Gesellschaft und den Arbeitsmarkt gelohnt hat.

Berufliche Integration von Geflüchteten

Der Freistaat Bayern hat mit einer Arbeitslosenquote von 6,3 Prozent unter den Flüchtlingen die beste Quote im Bundesgebiet; die Quote in anderen Bundesländern ist teilweise doppelt so hoch. Im Freistaat trug die Initiative "Integration durch Ausbildung und Arbeit" Früchte.
Von 2015 bis 2019 wurden in Bayern 283 400 Flüchtlinge in Praktika, Ausbildung oder Arbeit gebracht. "Damit haben wir unser Ziel von 60 000 Personen weit übertroffen", sagt Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger, der bislang 116 000 Arbeitsverhältnisse registrierte. "Die Flüchtlinge tragen einen guten Teil zur Fachkräftesicherung und zum beruflichen Nachwuchs bei", konstatiert Franz-Xaver Peteranderl, Präsident des Bayerischen Handwerkstags.
Nach den aktuellen Zahlen der Handwerkskammer für Unterfranken haben bis Ende August 106 junge Menschen aus den acht häufigsten Asylantrag-Ländern Afghanistan, Eritrea, Irak, Iran, Nigeria, Pakistan, Somalia und Syrien in diesem Jahr eine Ausbildung beginnen. Das entspricht einer Quote von rund fünf Prozent. Die Industrie- und Handelskammer verzeichnet 75 neu abgeschlossene Verträge bei Personen mit Fluchthintergrund. Bezogen auf die Gesamtzahl ist das einem Anteil von 2,7 Prozent.
Quelle: hhe