Seit gut einer Woche müssen Schüler in Bayern wieder die Schulbank drücken, allerdings nicht im wahrsten Sinne des Wortes. Für die meisten heißt das: Unterricht daheim mit Videokonferenzen, Telefonaten und Übungen. Auch Susanne Thomas aus Iphofen und ihre drei Kinder Franziska (1. Klasse), Klemens (3. Klasse) und Johanna Holzheimer (5. Klasse) müssen den Alltag im Homeschooling stemmen.

Um 8.30 Uhr ist der Heimunterricht am großen Küchentisch schon im vollen Gange. Seit einer halben Stunde sitzen Franziska, Johanna und Klemens über ihren Aufgaben in Deutsch, Mathe und Naturwissenschaften. Es wird diskutiert, gegrübelt und nachgefragt – ähnlich wie im ganz normalen Schulunterricht. Der Unterschied: Alle gehen in verschiedene Klassen. "Da können die Kleinen auch schon mal von den Großen profitieren", sagt Susanne Thomas. Wenn ein Kind mal Ruhe braucht, geht es ins Wohnzimmer. "Aber gemeinsam an einem Tisch habe ich einfach einen besseren Blick auf die Kinder. Das hat ein bisschen was von Großraumbüro", erklärt die Mutter.  

"Das hat ein bisschen was von Großraumbüro."
Susanne Thomas, Mutter aus Iphofen

Die zwei Kleinen in der Grundschule arbeiten im Unterricht weniger mit digitalen Angeboten. Die Abläufe für die Kinder seien trotzdem gut geplant. Es gibt einen Wochenplan, in denen die Aufgaben angegeben sind. "Damit kommen die beiden auch gut klar", sagt Susanne Thomas. Natürlich könne es auch mal länger dauern, bis das richtige Buch, Heft oder Kapitel gefunden ist. Aber die Familie habe sich damit arrangiert und umstrukturiert. Das macht sich auch im Haus der Familie bemerkbar.

Es gibt Ablagefächer für Unterlagen sowie einen Drucker in der Küche und zu Weihnachten gab es Tablets für die Kinder. "So haben wir alles an einem Ort und es geht weniger Zeit verloren", erklärt die dreifache Mutter. Am Ende der Woche gibt die Mutter alle Aufgaben bei der Klassenlehrerin ab. Über das Wochenende werden die kontrolliert und die Lehrerin gibt danach Rückmeldung. So steht Susanne Thomas in regelmäßigem Austausch und kann auch jederzeit Gesprächstermine mit den Lehrern ausmachen.

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Um 9.30 Uhr macht die Familie eine kurze Obst- und Trinkpause. Zu dieser Zeit ist Franziska schon mit ihren Aufgaben fertig. Klemens und Johanna haben aber noch zu tun. Deswegen geht die Erstklässlerin ins Wohnzimmer und kümmert sich um die Katzen. Dann ist auch das Arbeiten bei ihren Geschwistern kurz vergessen. Jetzt wird mit den Stubentigern gekuschelt. "Wir lassen uns auch gerne mal ablenken oder gehen kurz an die frische Luft. Die Katzen liegen auch manchmal quer über den Tisch", sagt Susanne Thomas lachend.

"Da muss man schon ganz schön technikaffin sein, um das alles zu bewerkstelligen."
Susanne Thomas

In der Mittagspause um 12 Uhr kommt auch ihr Mann nachhause und die Familie isst gemeinsam. Doch vorher hat Johanna noch eine Videokonferenz in Musik. Der Tagesablauf für die Gymnasiastin sieht etwas anders aus als der ihrer Geschwister. Für Johanna stehen fast täglich Videokonferenzen auf dem Plan. Heute: Musik, Mathe und Englisch. Und auch sonst bekommt sie ihre Aufgaben für den Tag über verschiedene digitale Plattformen. "Da muss man schon ganz schön technikaffin sein, um das alles zu bewerkstelligen", merkt Susanne Thomas an. 

Die Anforderungen an die Eltern seien durch das Homeschooling ziemlich hoch, findet die Mutter. "Ich muss alle Fächer begleiten: Mathe, Deutsch, Musik, Englisch und das von der 1. bis zur 5. Klasse. Im Zusammenspiel mit den technischen Hürden ist das wirklich eine Herausforderung", sagt die Mutter. Und wenn die Technik dann versagt oder Plattformen abstürzen, sei das Chaos perfekt. "Aber generell laufen die Prozesse sowohl bei Lehrern als auch Schülern deutlich besser als im ersten Lockdown", sagt sie.

"Deswegen freue ich mich darauf, wenn die Schule wieder richtig losgeht."
Johanna Holzheimer geht in die 5. Klasse des Kitzinger Gymnasiums 

Viele Lehrer seien mittlerweile auch sehr kreativ bei ihren Aufgaben. So muss Johanna zum Beispiel für den Englischunterricht drei Mitschüler anrufen und fragen, wann sie ins Bett gehen und wann sie aufstehen. Die Lehrer tun Susanne Thomas in der aktuellen Situation leid. "Viele müssen neben dem Unterricht auch noch ihre eigenen Kinder im Homeschooling unterrichten und teilweise Korrekturarbeiten über das Wochenende erledigen", erklärt sie. Das und die Koordination der Unterrichtseinheiten und Materialien sei alles andere als einfach.

Um 10.30 Uhr startet für Johanna die Videokonferenz. Nach und nach schalten sich Schüler und die Lehrerin dazu. Sie besprechen ein Arbeitsblatt der vergangenen Woche. Auf den ersten Blick läuft die Sitzung reibungslos. Johanna kommt mit den Videokonferenzen inzwischen gut zurecht: "Aber es ist natürlich was anderes, als im Klassenraum zu sitzen. Deswegen freue ich mich darauf, wenn die Schule wieder richtig losgeht."

Das merkt auch Susanne Thomas: "Den Kindern fehlt der persönliche Kontakt zu ihren Freunden sehr." Die Perspektivlosigkeit mache die ganze Situation noch schwerer. Niemand weiß, wann ein Treffen wieder möglich ist oder die Kinder ihren Hobbys nachgehen können.

"Den Kindern fehlt der persönliche Kontakt zu ihren Freunden sehr."
Susanne Thomas

Aber ihrer Familie befinde sich noch in einer Luxussituation. "Ich kann mir die Zeit nehmen, um mich im Homeschooling mit den Kindern zu beschäftigen", sagt die Mutter. Sie erledigt die Büroarbeiten für die Gärtnerei ihres Mannes. Im Winter sei es da sowieso eher ruhig. Für Eltern, die ihre Kinder nicht bei den Aufgaben betreuen könnten, falle noch mehr Arbeit und Organisation an. 

Die Familie ist normalerweise bis etwa 14 Uhr mit Schularbeiten beschäftigt. Johanna hat ihre letze Videokonferenz um 12.45 Uhr und danach warten noch Hausaufgaben. Ob der Lerneffekt zu Hause mit dem in der Schule vergleichbar ist, kann Susanne Thomas nicht abschätzen. "Das wird sich erst zeigen, wenn auch wieder die ersten Leistungskontrollen erfolgen", vermutet sie. Und auch wenn das Homeschooling für sie funktioniert, hoffen die Kinder, bald wieder in den Präsenzunterricht zu dürfen.