Es ging um einen „Ergänzungsbeschluss“, um eine Kleinigkeit demnach. Wasserdicht wollte der Iphöfer Stadtrat in seiner Sitzung am Montagabend die Bewerbung für das bayernweite Pilotprojekt Weinbergsbewässerung machen. Was sich dann aber im Sitzungssaal der Karl-Knauf-Halle abspielte, war keine Petitesse mehr, sondern hatte längst das Zeug zu Größerem. Begriffe wie „Wahnsinn“ und „Irrsinn“ flogen wie Geschosse durch den Raum, von Unwägbarkeiten und „zu vielen Risiken“ war die Rede, und je länger die Debatte dauerte, umso mehr verfestigte sich der Eindruck: Hier ging es nicht um Kleinigkeiten, sondern vielmehr um Grundsätzliches. Die anwesenden Winzer, ein halbes Dutzend an der Zahl, saßen im hinteren Teil der Halle und warfen sich Blicke zu, die zwischen irritiert, ratlos und entsetzt changierten.

Nicht nur Bürgermeister Dieter Lenzer schien verblüfft von der Dynamik der Diskussion, die ihm zeitweise zu entgleiten drohte und die er nur mit Mühe wieder einfangen konnte. Auch andere wunderten sich über das Fass, das an diesem Abend vor allem der am längsten gediente Stadtrat Otto Kolesch aufmachte. „Es ist doch skurril“, sagte Dritter Bürgermeister Jörg Schanow, „dass wir zu diesem Zeitpunkt eine Grundsatzdiskussion führen.“ Tatsächlich hatte sich Kolesch – nicht zum ersten Mal – an dem Projekt abgearbeitet, das seit 2009 regelmäßig auf der Agenda des Stadtrats auftaucht und mit zahlreichen Voten längst auf den Weg gebracht ist. Noch sind zwar etliche Fragen zu klären, vor allem jene, wer für die auf 18 Millionen Euro geschätzten Investitionskosten aufkommen soll. Doch bei der Ausschreibung des staatlichen Pilotprojekts zu nachhaltiger Bewässerung hat die Stadt schon einmal ihren Hut in den Ring geworfen.

Genau an diesem Punkt setzte Kolesch mit seiner Kritik an. Noch immer seien entscheidende Fragen offen: Welche Winzer beteiligen sich an dem Projekt? Wie viel Geld sind sie bereit zu investieren? Gelingt das Vorhaben auch, wenn sich einige sträuben? Welche Kosten rollen auf die Stadt zu? Schon im vergangenen Sommer habe er diese Fragen im Stadtrat aufgeworfen. Antworten habe er nicht erhalten. „Es ist ein Irrsinn, wie wir vorgehen. Wir binden zu viele Risiken an die Stadt“, sagte Kolesch. Zwingend erforderlich sei es, für das 262 Hektar große Projektgebiet einen Wasser- und Bodenverband zu gründen, der relativ einfach an Kredite komme und weitreichende Rechte bei der Verlegung von Versorgungsleitungen durch private Grundstücke habe. „Wenn einer der Bodenbesitzer nein sagt, wie soll das dann funktionieren?“

Wie viel sollen die Winzer zahlen: 40 Prozent oder doch nur 25?

Drittem Bürgermeister Schanow ging die Fundamentalkritik eine Spur zu weit. „Wir sollten das Projekt nicht immer neu in Frage stellen.“ Wenn Iphofen nicht nur auf Gips und Holz stolz sein wolle, sondern auch auf seinen Weinbau, dann brauche es die Bewässerung – unter zwei Bedingungen: Die Stadt müsse sich die Sache leisten können, und die Winzer sollten sich „angemessen“ an den Kosten beteiligen. Schanow machte auch gleich klar, welchen Anteil der Winzer er für angemessen hält: nicht wie von der Verwaltung kalkuliert 40 Prozent, sondern 25 Prozent. Dafür solle die Stadt ihren Anteil von zehn auf 25 Prozent erhöhen. Die Rechnung setzt voraus, dass Iphofen den Zuschlag bei dem Projekt erhält, der Freistaat würde dann die andere Hälfte der Kosten tragen. So weit ist es noch lange nicht. Eine Entscheidung des zuständigen Umweltministeriums – angekündigt für das erste Quartal 2021 – lässt weiter auf sich warten.

Während Kolesch vor allem die finanziellen Risiken betonte und vor einer einseitigen Subventionierung der Winzer warnte – „es gibt auch noch andere, denen es schlecht geht“ –, kritisierte Jürgen Kößler die generelle Ausrichtung des Projekts. Das Vorhaben, das den Bau einer sieben Kilometer langen Leitung vom Main nach Iphofen und eines großen Speichersees vorsieht, stehe unter der Prämisse „Klimawandel“. Aber dies bedeute mehr, als bloß Wasser bereit zu stellen. Und einem ohnehin gebeutelten Fluss wie dem Main Wasser zu entziehen, könne sich noch zum Problem auswachsen. „Ich bin mir nicht sicher, ob das die Antwort ist, die wir brauchen.“

Auch bei diesem Einwand sprang Schanow den Winzern bei. Kößler, der neu im Stadtrat ist, solle zum Beschluss seiner „Vorgänger“ stehen. Nachdem die Stadt „mehrere hunderttausend Euro“ für eine Machbarkeitsstudie bezahlt habe, finde er es „absonderlich“, das Projekt jetzt in Frage zu stellen. „Früher haben wir in Iphofen großzügiger gedacht und Visionen entwickelt“, sagte Schanow.

Für den Weitblick war bei den Winzern an diesem Abend Andrea Wirsching zuständig. Die eloquente Winzerin vom gleichnamigen Weingut nutzte die Chance, die ihr der Stadtrat bot, für ein pathetisches Plädoyer. Die Bewässerung steigere nicht, wie viele meinten, den Ertrag, sondern schütze die Qualität, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Wenn wir nicht mehr in der Lage sind, Qualitätsweinbau zu betreiben, dann ist hier Schluss“, meinte sie. Und was dann? Was, wenn auch der Global Player Knauf eines Tages seinen Hauptsitz von Iphofen abziehe? „Dann ist der ewige Geldregen weg.“ Dann brauche es den Weinbau umso mehr. Fast beschwörend erklärte sie: „Sie bestimmen heute die Geschicke Iphofens für die nächsten Jahrhunderte.“ Ein Ja zur Bewässerung sei eine „Strukturentscheidung, die weit in die Zukunft wirkt“. Und was den Zuschuss der Stadt angeht, sagte sie: „Ich bitte Sie, dass Sie jetzt nicht kleinlich sind.“

Der Stadtrat will erst den Zuschlag und dann über die Kosten reden

Wie hoch dieser Beitrag letztlich sein wird, blieb am Montag offen. Jörg Schanow wollte zwar noch in dieser Sitzung eine Diskussion dazu in Gang bringen, doch der Stadtrat will über die Kostenverteilung erst verhandeln, wenn feststeht, ob Iphofen den Zuschlag aus München bekommt. Uwe Matheus, Geschäftsführer des mit 90 Hektar Rebfläche größten fränkischen Privatweinguts Wirsching, sagte, er sei laufend im Gespräch mit den Iphöfer Winzern und wisse: Der größte Teil – der 200 der insgesamt 262 Hektar Rebfläche bewirtschafte – sei bereit, die Finanzierung des Projekts mitzutragen. Auch der Stadtrat hat sich am Ende noch einmal mit breiter Mehrheit zu dem Vorhaben bekannt. „Wir brauchen jetzt eine klare Richtung“, sagte Zweiter Bürgermeister Hans Brummer. „Sonst sind wir aus dem Rennen.“