Da war dieses Brummen. Der Rasierer kam immer näher. Die zehnjährige Anna Helbig rutschte auf dem Friseurstuhl unruhig hin und her. Ganz schön aufregend: Seit sechs Jahren waren höchstens mal die Spitzen geschnitten worden – ansonsten ungebremstes Wachstum. In ein paar Sekunden würde sich das nun ändern. Und so aufgeregt die Zehnjährige war – so wild entschlossen war sie auch: Sie wollte ihre Haarpracht einem guten Zweck zukommen lassen.

Das Mädchen aus Hüttenheim (Lkr. Kitzingen), das in die 5. Klasse des Marktbreiter Gymnasiums geht und gerne reitet, malt und backt, hatte einige Zeit zuvor zufällig mitbekommen, dass es möglich ist, seine Haare für kranke Kinder zu spenden. Lange überlegen musste sie nicht: Die Sache wurde mit Mama Tanja besprochen. Wobei die sofort grünes Licht gab: „Ich war stolz auf Anna, dass sie so viel Elan in dieser Sache entwickelt hat!“

Der Rasierer setzte an. „Wie ich wohl danach aussehen werde?“ fragte sich die Schülerin noch, als es auch schon passiert war. Ein vorsichtiger Blick in den Spiegel – ungewohnt, gar nicht so schlimm. Aber ums Aussehen ging es jetzt gerade nicht. Anna hatte zu tun: Sie verpackte ihren 28-Zentimeter-Zopf und schicken ihn nach Rosenfeld zu der Initiative „Rapunzel“ des Bundesverbandes der Zweithaar-Spezialisten (BVZ) .

Dort werden alle Zöpfe gesammelt und in den nächsten Wochen an Perückenmacher versteigert. Das Geld wird dann an krebskranke Kinder gespendet, damit Eltern beispielsweise in der Nähe der Klinik wohnen können.

Die Kurzhaarfrisur war schnell Alltag. Klar, die besten Freundinnen haben erst mal geguckt und waren vor allem „erstaunt, dass ich mich so etwas traue“. Inzwischen findet auch die Zehnjährige ihre neue Frisur „wunderschön“ – und sie ist auf den Geschmack gekommen: Sie will jetzt ihre Haare wieder wachsen lassen, um sie dann in zwei Jahren erneut spenden zu können.

Allein schon wegen des guten Gefühls, etwas vollbracht zu haben: „Man fühlt sich viel erwachsener und ist froh, dass man ein anderes Kind, das sowieso schon leiden muss, glücklicher machen kann.“ Und weil Anna so richtig bei der Sache ist, verbindet sie ihre Haarspende gleich mit einem Aufruf: „Ich freue mich, wenn das viele nachmachen!“

Erfahren hat Anna von der Aktion übrigens von ihrer Frisörin Tina. Die erzählte ihr, dass es möglich ist, Haare zu spenden. Dann wurde ein wenig gegoogelt, welche Organisationen es gibt – letztendlich entschied sich die Schülerin für „Rapunzel“.

Mutter Tanja hat durch die Recherche und durch die Reaktionen nach dem Haarelassen vor allem eines gemerkt: „Kaum einer weiß, dass man Haare spenden kann! Viele Zöpfe landen vielleicht im Friseurmüll, weil keiner weiß, das europäische Haare für Kinderechthaarperücken absolut wertvoll und rar sind.“

Es ist sozusagen doppelte Hilfe: Während mit den Perücken einerseits auch Kranken geholfen werden kann, kommt andererseits durch die Versteigerung Geld zusammen, über das sich dann beispielsweise die Ronald Mc Donald Stiftung freuen darf. So wie vergangenes Jahr, als bundesweit mehr als 35 Kilogramm Haare auf der Waage landeten, was bei der Versteigerung die Rekordsumme von 10 000 Euro einspielte.

Mutter und Tochter haben damit nicht nur gute Erfahrung gemacht – sonder nun auch eine große Hoffnung: Vielleicht lassen sich durch den Zeitungsbericht ja „viele Leser zu einer Sommerfrisur für den guten Zweck animieren“.