Michael Krapf und Edwin Engert sitzen in der verglasten Kanzel gut zehn Meter über der Entladestation und blicken konzentriert auf die Rübenflut, die ein Lastwagen gerade unter ihnen entlädt. Sie sind zwei der zwölf Schätzer, die während der Rübenkampagne in der Ochsenfurter Zuckerfabrik rund um die Uhr über die Qualität des gelieferten Rohstoffs wachen – heuer wird ihr Dienst früher beendet sein als in vielen Jahren zuvor.

Der Blick der beiden Schätzer ruht starr auf den kullernden Feldfrüchten. Schnell sind sie sich einig. Fünf Prozent beträgt der Erdanhang an den Rüben, ein weiteres Prozent lose Erde ist auf der Fuhre gelandet. Ob die Erde trocken oder feucht ist spielt dabei eine im wahrsten Sinn des Wortes gewichtige Rolle.

Drei Prozent beträgt der Grünanteil, also der Anteil das Blattansatzes, der beim Roden an den Zuckerüben zurückgeblieben ist. Auch er führt zu Abzügen, weil dieser Grünanteil kaum Zucker enthält, dafür viele Mineralstoffe, die die spätere Kristallisation des Weißzuckers behindern und so zu Ausbeuteverlusten führen.

Für Michael Krapf aus Frankenwinheim ist es nach 26 Jahren die letzte Kampagne. Edwin Engert aus Gaubüttelbrunn gehört seit vier Jahren zum Schätzer-Team. Engert wurde von der Südzucker AG bestellt, Michael Kraft vom Verband der Zuckerrübenbauern. Mit dem Vier-Augen-Prinzip soll Unstimmigkeiten zwischen den Landwirten und der Fabrik vorgebeugt werden. Und die vier Augen arbeiten mit erstaunlicher Präzision. Das zeigen die regelmäßigen Waschproben, bei denen die Schätzergebnisse stichpunktartig überprüft werden.

„Auf diese Weise eichen sich die Schätzer praktisch selbst“, sagt Ernst Merz von der Rübenabteilung der Fabrik. Die Ungenauigkeit liege im Durchschnitt bei höchstens 0,2 Prozentpunkten. In einigen anderen Werken hat Südzucker die technische Probenahme eingeführt. Dort wird mit einem langen Rohr eine Probe aus der Ladung gestochen, gewogen, gewaschen und erneut gewogen, um den exakten Schmutzanteil zu ermitteln. Genauer sei diese Methode nicht, so Ernst Merz, erfordere aber mehr Personal.

Über Förderbänder gelangen die Rüben von der Entladestation auf die Halde im Rübenhof, von wo sie ein riesiger Radlader dem „Verdauungsapparat“ der Fabrik zuführt. Sie werden gewaschen, zerkleinert, in Wasser ausgelaugt. Die dünne Brühe gekocht und eingedickt, bis sie so konzentriert ist, dass der Zucker zu kristallisieren beginnt. Gebrannter Kalk kommt zwischendurch hinzu, der die letzten Fremdstoffe an sich bindet und als weiß-gelber Schlamm zurückbleibt, bevor Zentrifugen die blütenweißen Kristalle vom braunen Melasse-Sirup trennen.

So funktioniert das Verfahren seit Jahr und Tag, und doch ist heuer einiges anders. Das wird schon an der Rübenhalde deutlich. Zwischen stattlichen Knollen fallen die vielen kleinen Exemplare auf, kaum größer als ein Rettich. Sie sind Ausdruck der anhaltenden Trockenheit während der gesamten Vegetationszeit.

Zwischen 25 und 80 Tonnen pro Hektar variiert der Rübenertrag nach Angaben des Verbands fränkischer Zuckerrübenbauer deshalb heuer, je nach Standort. Der fränkische Durchschnitt von 57 Tonnen liegt weit hinter dem Vorjahreswert von 86,3 Tonnen. Lediglich der hohe Zuckergehalt von über 19 Prozent versüßt die Bilanz.

Rechnet man hinzu, dass die Anbaufläche wegen des ertragreichen Vorjahrs um 20 Prozent verkleinert wurde, so sind es rund 40 Prozent weniger Rüben, die heuer in Ochsenfurt verarbeitet werden, sagt Werksdirektor Stefan Mondel. Das hat Folgen für die Dauer der Kampagne. Drei Wochen verspätet hat sie angefangen. Und Schluss ist voraussichtlich schon am 15. Dezember. Den 120 Mitarbeitern im Drei-Schicht-Betrieb der Produktion steht nach mehr als zehn Jahren wieder ein freies Weihnachtsfest bevor.

Die befürchteten Erschwernisse durch einen hohen Anteil von Unkräutern, die die Schneidwerke verstopfen, und durch den hohen Zuckergehalt, der die Extraktion erschwert, sind ausgeblieben. Es hätte eine ruhige Kampagne werden können, wenn der Kohlekessel, die Energiezentrale des Werks, nicht Mitte Oktober kaputt gegangen wäre.

Der Kalk, der dem Rauchgas zur Entschwefelung beigemischt wird, hatte das Röhrensystem, in dem der Prozessdampf erzeugt wird, förmlich durchgeschmirgelt. Während der aufwändigen Reparatur musste die Fabrik drei Wochen lang mit dem Gas- und dem Schweröl-Kessel betrieben werden, die für solche Notfälle bereitstehen, so der Werksdirektor. Höhere Energiekosten waren die Folge.

Inzwischen läuft die Zuckerfabrik wieder rund. Und auch die Rodung der Rüben ist nahezu abgeschlossen. Hier hat sich die Trockenheit positiv aufgewirkt. Kaum Erde haftet den Rüben an. Der Verband fränkischer Zuckerrübenbauer beziffert den durchschnittlichen Schmutzanteil auf unter fünf Prozent. Ruhige Zeiten für die beiden Schätzer Michael Krapf und Edwin Engert in ihrer gläsernen Kanzel.

Und auch die Verbraucher kann Werksdirektor Stefan Mondel beruhigen. Die niedrigen Erträge lassen keine Zuckerknappheit befürchten. In anderen Teilen der Republik und im restlichen Europa liegen die Erträge im Durchschnitt.