Das Fenster steht weit offen – draußen ist es kalt, ein eisiger Wind bläst in die kleine Stube, hoch oben über den Köpfen der Iphöfer Bürger. Es ist sechs Uhr. Johann Mader nimmt sein Horn vom Haken und meldet „so viel, als es geschlagen“. Kurz später eilt der Türmer von Sankt Veit geschickt die steilen Stufen hinunter, denn er muss in der Morgenmesse mit seinem Gesellen „die Music in der Kirchen versehen“.

Zur höchsten Ehre Gottes

Lange Zeit ging es so oder ähnlich in der bischöflichen Amtsstadt Iphofen zu, in der über Jahrhunderte hinweg ein reiches musikalisches Leben gepflegt wurde, wie Historiker Josef Endres bei Nachforschungen in den Stadt- und Pfarrarchiven herausfand. Türmer, Schuldirektoren, Singbuben, sogar ein Berufskirchenorchester prägten im Laufe der Jahrhunderte die musikalische Gestaltung der Gottesdienste.

Der Leiter des Gesangvereins, Oberlehrer Johann Ruckdeschel, wusste 1950: „Schon seit alter Zeit wurde ja in Iphofen die Kirchenmusik besonders gepflegt. Zur höchsten Ehre Gottes ertönten alle Sonn- und Festtage vierstimmige Lobgesänge und Messen vielfach mit Musikbegleitung in unserer schönen Pfarrkirche, und religiöse Volkslieder verherrlichten die Gottesdienste und frommen Wallgänge . . . “

Mehr als 1000 Jahre

Seit dem Jahr 741 lenkten die Würzburger Bischöfe mehr als 1000 Jahre lang die Geschicke der Stadt. Iphofen war für sie ein strategisch wichtiger Stützpunkt vor den Toren Würzburgs. Schon im Mittelalter wurden dort lateinische Gesänge in der Kirche vorgetragen: Endres entdeckte ein Pergament aus dem 11. oder 12. Jahrhundert mit gregorianischen Chorälen, das später als Umschlag für ein Zinsregister wiederverwendet wurde.

Nach der Gegenreformation war die Stadt ein katholisches Bollwerk in einem überwiegend protestantischen Umfeld.

Mit der Kirchenmusik konnte man sich deutlich von den evangelischen Gemeinden abgrenzen. Im Jahr 1559 untersagte Bischof Friedrich von Wirsberg das Singen „aufrührerischer lutherischer Psalmen“ ausdrücklich. Dennoch verdrängten nach und nach auch im katholischen Iphofen deutsche und mehrstimmige Lieder sowie Instrumentalmusik die lateinischen Wechselgesänge.

Blütezeit

Eine musikalische Blütezeit erlebte Iphofen laut Endres vor etwa 200 Jahren. Obwohl es damals in der Zeit der napoleonischen Kriege große politische Umbrüche und wechselnde Herrschaften gab, zeigen die Archivalien, dass sich die knapp 2000 Einwohner zählende Stadt ganzjährig ein 21-köpfiges Musikensemble leistete, das in der Stadtpfarrkirche berühmte Orchesterwerke und Messen aufführte.

Johann Erwin Gräfner (1756 bis 1838), zugleich Schulleiter und Kirchenmusikdirektor, bestimmte als oberster musikalischer Leiter die Musikauswahl. Zusammen mit seinen Schülern und dem Kantor unterstützte er den Chorgesang, wartete die Orgel und begleitete außerhalb der Schulzeit Beerdigungen, Seelmessen und frühmorgendliche Stundengebete. Außerdem sorgte er für die Beschaffung und Abschrift von Noten.

Davon zeugen heute noch Teile einer Sammlung von Musikhandschriften, der „Musica sacra“, die Gräfner für die Stadtpfarrkirche Sankt Veit angelegt hatte. Das hohe musikalische Niveau und die durch Gräfner vorangetriebene musikalische Ausbildung in Iphofen fanden überregional Anerkennung, sogar von höchster Stelle: 1829 „haben sich Seine Majestät der König … allergnädigst bewogen befunden, dem Rector … Erwin Gräfner die Ehrenmünze des königlichen Ludwigsordens huldvollst zu verleihen.“

Feuer, Feinde und Wetter

Der zeitgleich angestellte Türmer Johann Mader (1761-1821) sollte nicht nur Feuer, Feinde, das Wetter, Reisende, die Zeit und das neue Jahr „herumblasen“, sondern auch bei der Kirchenmusik „musiciren helfen“. Mit seinen Musikern spielte er zudem bei Feierlichkeiten der Stadt auf, etwa beim Festbankett zur offiziellen Übergabe der Stadt an Preußen im Jahr 1805.

Wie Endres aufzeigt, bestätigte der Stadtrat dem „Stadtmusicus“ im Januar 1800, dass er bei „Zunfttagen und Heiratsfeierlichkeiten ganz allein aufzuspielen berechtigt wäre“, wie das auch schon früheren Türmern gestattet war. Einträge im Stadtarchiv zeigen, dass dabei auf Anstand zu achten war: unsittliche „Nachtschwermereyen“ der jungen Leute und „der ärgerliche sogenannte Schleifferstanz“ im Dreivierteltakt wurden 1765 von Stadtrat und Kirche angemahnt, blieben aber ungeachtet der „von der Canzel gegebenen Ermahnungen“ noch bis ins 20. Jahrhundert ein Ärgernis in Iphofen.

Ein ausführlicher Beitrag von Josef Endres über seine Archivrecherche zur Iphöfer Musikgeschichte – „Singen wie die Engel im Himmel“ – Musica sacra in Iphofen – wurde in die Würzburger Diözesangeschichtsblätter, Band 80, aufgenommen, die kürzlich im Echter Verlag erschienen sind: ISBN 978-3-429-04436-7.