Wer häufiger durch die fränkische Natur wandert, dem dürfte nicht entgangen sein, daß die Bäume auf den Streuobstwiesen zunehmend stärker mit Misteln besetzt sind. Thomas Riehl, Fachberater für Obstbau am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen, informiert über diese alte Kulturpflanze, die Glücksbringer, Heilpflanze und  Schädling zugleich sein kann.

In den Wintermonaten, bzw. der laublosen Zeit, fallen sie besonders stark auf. Die Mistel ist ein immergrüner Halbschmarotzer, der auf den Ästen von Bäumen sitzt. Mit Hilfe ihrer grünen Blätter kann sie zwar selbst Photosynthese betreiben, durch ihre Wurzeln, die in die Bäume eindringen, entzieht sie diesen jedoch auch Wasser und darin gelöste Nährstoffe. Die Mistel blüht im Februar und März, ab Ende Juni entwickeln sich die weißen, kugelrunden Beeren, die im Spätherbst/Winter dann reif sind. Der Samen im Inneren der Beeren ist von einem klebrigen Fruchtfleisch umgeben. Misteln sind zweihäusig; es gibt männliche und weibliche Pflanzen. Die Verbreitung erfolgt durch Vögel, die die Beeren fressen und die unverdauten Samen wieder ausscheiden. Die jungen Mistelpflanzen dringen mit Hilfe sogenannter Haustorien (Saugorgane) in das Gewebe ihrer Wirtspflanzen ein. Durch das Dickenwachstum der Äste werden die Wurzelansätze im Laufe der Zeit immer stärker überwallt, so dass eine stabile Verbindung zwischen Mistel und Baum entsteht.

Die Mistel kann langfristig Büsche mit beachtlichem Ausmaß bilden. Im Winter sehen stark befallene Streuobstbäume daher häufig wie immergrüne Pflanzen aus. Der Nährstoffentzug durch den Schmarotzer führt zu nachlassender Vitalität und Fruchtbarkeit der Obstbäume, bis hin zum Eintrocknen von Ästen und langfristig zum Absterben des ganzen Baumes. Für den Erhalt der Streuobstwiesen ist es daher wichtig, dass die Misteln entfernt werden. Hauptproblem dabei ist es, dass viele Streuobstbäume heutzutage kaum mehr regelmäßig geschnitten werden und der Mistelbesatz dadurch immer mehr zunimmt. Beim Herausschneiden großer Mistelbüsche ist darauf zu achten, dass großzügig, oberhalb der Ansatzstelle geschnitten oder wenn möglich der ganze Ast entfernt wird, da sich die Mistel sonst aus ihren Absenkern wieder regenerieren kann. Falls dies nicht möglich ist, sollten die Triebe der Mistel kontinuierlich herausgebrochen werden. So kann zumindest das Samenpotenzial minimiert und die weitere Verbreitung eingeschränkt werden.

Vielfach hält sich auch das Gerücht, daß Misteln nicht entfernt werden dürften. Diese Aussage ist falsch. Misteln stehen nicht unter Naturschutz und dürfen jederzeit beseitigt werden. Nur wer erwerbsmäßig mit Misteln handelt und diese beispielsweise zu Dekorationszwecken weiterverkauft, muss gegebenenfalls hierfür eine Einwilligung bei der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt einholen. Aber auch eine solche Genehmigung wird in aller Regel erteilt, da die Mistel keine bedrohte Pflanzenart darstellt.

Die Laubholzmistel oder Weiße Mistel (Viscum album) ist die bei uns verbreitetste Mistelart. Sie wächst bevorzugt auf Apfelbäumen, Weiden, Pappeln, Weißdorn, Robinien, Linden, Ahorn und Hainbuche, nicht aber auf Rotbuche, Walnuss, Platane, Kirsche oder Pflaume.

Die Tannenmistel kommt lediglich auf Weißtannen vor; die Kiefernmistel befällt verschiedene Kiefernarten. Gelegentlich findet man sie aber auch auf anderen Nadelbäumen.

In der Mythologie und im Brauchtum vieler Kulturen spielte die Mistel eine besondere Rolle. So glaubten beispielsweise die Germanen und Kelten, die Mistelsamen würden von den Göttern in die Bäume gestreut. Die Mistel war für sie also ein Geschenk des Himmels und wurde von den Druiden mit einer goldenen Sichel von den Bäumen geschnitten und in einem weißen Tuch aufgefangen. Wir kennen diesen Brauch von Asterix-Heften, er ist aber auch schon von Plinius, einem römischen Schriftsteller etwas um 50 n. Chr. überliefert.