Vater und Mutter stehen fest hinter ihm. In der Verhandlungspause im Kitzinger Amtsgericht eilen sie sofort zu ihrem Sohn, sprechen ihm aufmunternd zu. Es ist das Bild einer Familie, die fest zusammenhält. Man könnte meinen, es wäre schon immer so gewesen. Vor nicht allzu langer Zeit war das anders. Da floh die Mutter ein Mal barfüßig zu einer Nachbarin, sie hatte panische Angst - vor dem eigenen Kind. Eine Szene wie nun auf dem Gerichtsflur in Kitzingen wäre damals unvorstellbar gewesen.
Dass der 20-Jährige trotz einer Vielzahl von Anklagepunkten nicht in den Jugendknast muss, sondern mit einer 15-monatigen Bewährungsstrafe davonkam, hat er auch der Unterstützung seiner Eltern zu verdanken. Diese haben etliche Strafanzeigen zurückgezogen, ihn wieder in die Familie integriert und einen Ausbildungsplatz besorgt. Die "bedingt positive Sozialprognose" spiegelt sich auch im Urteil wider.
Die Probleme mit dem Sohn traten nicht plötzlich zu Tage, sie existierten schon seit Jugendjahren: Das Sozialverhalten sei gestört, sagten Jugendpsyschiater. Er flog von mehreren Schulen, ein Arzt diagnostizierte schließlich eine Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Trotz familiärer Hilfestellung fand er keinen Halt im Leben, suchte sich die falschen Freunde und begann, Drogen zu nehmen. Ausgerechnet in einer Therapieeinrichtung kam er durch andere Jugendliche erstmals mit Marihuana in Kontakt, später sollte noch das aufputschende Amphetamin dazukommen. "Sein Leben ist komplett aus dem Ruder gelaufen, die Eltern wussten sich nicht mehr zu helfen", sagte der Anwalt. Die Drogen entwickelten sich zu einem ständigen Begleiter. Auch eine Lehre brach er ab, die Situation zuhause wurde immer schlimmer.

Kontaktverbot missachtet


Es war Mitte vergangenen Jahres, als die Eltern die Aggressionen des Sohnes nicht mehr ertragen haben, die ständigen Forderungen nach Geld, das eh zum Großteil für Drogen draufgehen würde. Sie haben ihn rausgeschmissen, sahen sich gezwungen, ein polizeiliches Kontaktverbot zu verhängen. Zum Eigenschutz. Auch dem elterlichen Anwesen durfte sich der 20-Jährige fortan nicht nähern, Mindestabstand: 50 Meter.
Er hielt sich nicht daran, im Gegenteil. Was folgte, war ein regelrechter Exzess an Straftaten, zum Großteil binnen weniger Monate begangen: Diebstahl, Beleidigung, räuberische Erpressung, Sachbeschädigung, Einbruch, Betäubungsmittelbesitz und noch mehr - die Liste ist ellenlang.
20 Minuten benötigt der Staatsanwalt für die Verlesung der Anklageschrift, ein außergewöhnlich langer Vorgang. Sechs Verfahren gegen den
20-Jährigen sind gebündelt worden. Alleine bei einem Verfahren haben sich 16 Anklagepunkte angesammelt. "Es gab ja eine Phase, da haben sie fast täglich Straftaten begangen", sagte Jugendrichter Wolfgang Hülle. Damit ist die Zeit nach dem Rauswurf gemeint. Regelmäßig kehrte der Angeklagte trotz des Kontaktverbots zurück, versuchte ins Anwesen zu gelangen - oder zumindest an der Haustüre ein paar Euro abzugreifen. "Ich war ja obdachlos", sagt er.

Terror vor dem eigenen Haus


Der 20-Jährige auf der Anklagebank wirkt blass, seine Antworten sind knapp, er spricht leise. Das, was in der Anklage steht, passt eigentlich nicht zu der Person auf der Anklagebank. Dass er etwa mit einem Gartentisch die Scheiben am elterlichen Haus eingeworfen hat, nur wenige Tage später wieder kam und mit einer Axt die als provisorischen Fenster-Ersatz angebrachten Pressspanplatten zerlegte. Dass er nachts im Gartenhäuschen übernachtete und früh die Schwester abpasste, um unter Gewaltandrohung Geld zu erpressen. Oder dass er mitten in der Nacht plötzlich im Wohnzimmer stand, hochaggressiv und wieder Geld fordernd. "Das ist mir jetzt alles sehr peinlich", sagt der 20-Jährige. Fast sämtliche Verstöße gegen das Kontaktverbot haben die Eltern bei der Polizei angezeigt.
Höhepunkt der Straftaten-Serie sollte schließlich ein Einbruch in ein TÜV-Gebäude im Landkreis sein. Mittags ließ der 20-Jährige ein Toilettenfenster offen stehen, abends kam er wieder, um Computer, Laptops, Bildschirme und ein Navigationsgerät mitgehen zu lassen. Das Diebesgut veräußerte er - für Essen und Drogen.
Ein Annäherung erfolgte Ende vergangenen Jahres, als ihn der Vater zu einem mehrwöchigen Aufenthalt in ein südamerikanisches Kloster mitnahm. Nur kurz danach, an Weihnachten 2011, kehrte der 20-Jährige in die Familie zurück und hat - bis auf eine selbst eingeräumte Ausnahme - seither keine Drogen konsumiert. Bei einem Praktikum im Betrieb des Onkels sei der Zeitplan randvoll mit Arbeit gewesen, von früh bis spät. "Dieser innerfamiliäre Stabilisierungsprozess hat gefruchtet. Das Familienleben ist viel entspannter. Es bleibt aber eine wacklige Geschichte, ein Rückfall ist nicht auszuschließen", sagte der Vertreter der Jugendgerichtshilfe.
Nach reiflicher Überlegung und durch die positiven Erfahrungen der vergangenen Monate haben sich die Eltern entschlossen, die Strafanzeigen zurückziehen. Es bleiben aber genügend Vorwürfe übrig, etwa das Fahren unter Drogeneinfluss oder der Einbruch beim TÜV - sie mündeten in der 15-monatigen Bewährungsstrafe, ausgesetzt auf drei Jahre. Garniert ist die Strafe mit einem regelmäßigen Drogen-Screening und einem Bewährungshelfer. Auch der Führerschein muss noch neun Monate warten. Mit dem Strafmaß orientierte sich Richter Hülle an den Plädoyers von Verteidigung und Staatsanwaltschaft.
Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.