Die Luft ist klar und kühl. Altes Laub und herabgefallene Ästchen knacken bei jedem Schritt. Ab und zu dringt die Sonne durch die Wolken. Dann leuchtet der Wald in goldbraunem Licht. Frisches Grün drängt zwischen den welken Blättern vom Vorjahr hindurch, Vögel zwitschern um die Wette. Der Mensch atmet tief ein, genießt die Idylle. Bis sein Blick auf Fichten mit nackten Kronen und tote Birkenstämmchen fällt.

Selbst der Laie erkennt: Den fränkischen Wäldern geht es nicht gut. Die Folgen von Trockenheit und Hitze, bedingt durch den Klimawandel, sind nicht wegzudiskutieren. Selbst die meisten Fachleute sind von dem Tempo überrascht, mit dem manche Baumarten flächendeckend kränkeln und sterben.

Was kann man dagegen tun? Wie immer, wenn es um Leben und Tod geht, lässt die Frage kaum jemanden kalt. Umso wichtiger ist eine nüchterne Analyse der Fakten. Auf deren Grundlage soll gegengesteuert werden. Den Wäldern soll geholfen werden, ohne das Wild, das den jungen Bäumen zusetzt, zu stark zu dezimieren oder gar „auszurotten“, wie manche wettern.

Achim Volkamer ist einer von vielen Dutzend Förstern, die in diesen ersten Frühlingstagen eine wichtige Aufgabe wahrnehmen: Sie machen in den Wäldern quasi Inventur. Es geht um die Verjüngung, sprich den Nachwuchs der Bäume. Die Ergebnisse dieser Walduntersuchungen liefern die Grundlage für die „Forstlichen Gutachten“, die alle drei Jahre erstellt werden – und die den Abschussplänen fürs Schalenwild zugrunde liegen. Diese Abschusspläne geben die unteren Jagdbehörden, die Landratsämter, alle drei Jahre neu heraus – das nächste Mal im Herbst dieses Jahres. Oft genug waren sie in der Vergangenheit Grundlage für Zoff.

Heute ist Volkamer im Privatwald „Gnötzheimer Holz“ unterwegs. Von den Besitzern ist niemand gekommen, aber Jagdpächter Winfried Koschnicke hat Volkamers Angebot angenommen und will den Förster begleiten. Volkamer befördert allerhand Utensilien aus dem Kofferraum seines Autos: lange Holzstickel, Messinstrumente, farbige „Wäschzwickerli“ und außerdem ein robustes Notebook, Toughbook genannt.

Auf dessen Bildschirm ist eine Karte der Umgebung zu sehen. „Ganz Bayern ist mit einem einheitlichen Gitternetz überzogen. An allen Schnittpunkten werden nun systematisch Daten zur Verjüngung erhoben“, erklärt Volkamer. Der Revierleiter aus dem Kitzinger Forstamt zeigt auf einen grünen Punkt in der Bildschirmmitte: „Das ist der nächste Gitterpunkt. Da müssen wir hin. Das GPS gibt uns die Richtung an.“

Gemeinsam machen sich der Förster und der Jäger auf den Weg. Als das GPS ihnen zeigt, dass sie schon ganz nah am Messpunkt sind, entdecken Volkamer und Koschnicke eine lichte Fläche, 60 Meter lang und mehrere Meter breit. In diese Schneise fällt genug Sonnenlicht und ringsum stehen verschiedene Samenbäume – gute Voraussetzungen für eine natürliche Verjüngung des Waldes.

Die beiden Männer schlagen fünf Holzstickel in den Waldboden, auf einer Geraden in jeweils rund zehn Metern Abstand. An diesen fünf Stichproben-Punkten vollziehen sie nun fünfmal das gleiche Prozedere. Zuerst markieren sie die nächstgelegenen 15 „Baumkinder“ rund um den Holzstickel mit Wäscheklammern. Sie bestimmen jeweils die Baumart, die Höhe und ob die Pflanze verbissen oder verfegt ist – so nennt man es, wenn Rehböcke ihr Territorium markieren oder ihre alte Geweihhaut, den Bast, abreiben. Jäger Koschnicke zückt den Maßstab: „Bergahorn, 38 Zentimeter, nicht verbissen“, diktiert er und Volkamer gibt die Daten sogleich ins Tough-book ein. „Esche, 59, verbissen. Linde, 48, nicht verbissen…“ So geht es weiter, bis alle 15 Forstpflanzen registriert sind.

„Kein Interpretationsspielraum“

Nun messen Volkamer und Koschnicke den Radius, in dem sich die 15 Bäumchen befinden. Zudem suchen sie nach Mini-Bäumen, die kleiner als 20 Zentimeter sind. Auch bei ihnen nehmen sie Anzahl und Verbissschäden auf. Zuletzt schauen die Männer, ob es im Umkreis junge Bäume gibt, die 1,20 Meter oder höher sind – und damit dem Äser, dem hungrigen Maul der Rehe, entwachsen sind.

Stur nach Schema geht es von Stickel zu Stickel. „Wir setzen hier einfach nur Vorgaben um, ohne Wenn und Aber“, analysiert Achim Volkamer. „Bei der Datenerhebung gibt es keinen Interpretationsspielraum. Da kann niemand was drehen.“ Insgesamt hat der Kitzinger Förster in diesen Tagen 60 Punkte aufzunehmen, die auf zwei Hegegemeinschaften verteilt sind. „Bei zirka der Hälfte kommen Jäger und/oder Waldbesitzer mit. Die andere Hälfte erledige ich alleine.“

„Absolut auf Jäger angewiesen“

Volkamer sagt, er freue sich immer, wenn er Begleitung bekommt. „Natürlich ist es auch schön, wenn so viel Vertrauen da ist, dass die Leute einen machen lassen. Aber noch besser finde ich es, wenn Jäger, Jagdpächter oder Waldbesitzer mitgehen, denn man kommt dabei auch miteinander ins Gespräch.“ Die Förster, sagt Volkamer, seien beim Waldumbau „absolut auf die Jäger angewiesen“. Man könne unmöglich alle Flächen einzäunen, das wäre viel zu aufwändig und zu teuer. „Damit der Wald dem Klimawandel etwas entgegensetzen kann, brauchen wir genetische Vielfalt, also viele unterschiedliche junge Bäume.“ Waldangepasste Wildbestände seien nötiger denn je, der Verbiss müsse sich in Grenzen halten. „Deswegen hoffen wir auf neue, effektive Bejagungsstrategien. Andererseits können wir von den Jägern nichts Unmögliches erwarten.“

Jäger Koschnicke nickt: „Wir haben in den letzten, trockenen Katastrophenjahren schon ein paar Tiere mehr geschossen als wir gemusst hätten.“ Doch die Jagdbedingungen seien oft nicht ideal. Das „Gnötzheimer Holz“ etwa sei ein Inselwald, umgeben von freier Fläche. Auf der Suche nach Äsung und Deckung, also Nahrung und Unterschlupf, dränge das Rehwild immer stärker in den Wald – auch weil Äsungsflächen außerhalb, etwa Senfäcker, in den kalten Nächten abgefroren seien. „Das hat den Druck auf den Wald noch erhöht.“

Jäger Koschnicke ist sich grundsätzlich einig mit Förster Volkamer: Man müsse und wolle zusammenarbeiten. „Wenn es dem Wald gut geht…“, beginnt Volkamer und Koschnicke ergänzt: „…dann geht es auch dem Wild gut.“

Die Daten, die beide gemeinsam erhoben haben, werden nach Freising übermittelt und ausgewertet. Den Forstämtern stehen dann für jede Hegegemeinschaft gesicherte Informationen zur Verfügung, zum Beispiel zur Zusammensetzung der Baumarten und zur Entwicklung des Leittrieb-Verbisses. Auf dieser Basis fertigen die Förster die Forstlichen Gutachten an. Diese wiederum dienen den Landratsämtern als Grundlage für die Wildabschusspläne.

„Das sind verlässliche Zahlen auf neutraler Grundlage“, sagt Achim Volkamer. Er hofft, dass es im Herbst, wenn die Abschusszahlen bekannt werden, kein Hauen und Stechen gibt. Sondern Einsicht und Zusammenarbeit. Ein Wunsch, den Winfried Koschnicke grundsätzlich teilt.

Was kann das „Forstliche Gutachten“?

Abschuss-Empfehlung: Die Bayerische Forstverwaltung erstellt seit Mitte der 1980er-Jahre alle drei Jahre für die rund 750 bayerischen Hegegemeinschaften so genannte „Forstliche Gutachten“, auch Vegetationsgutachten genannt. Sie beleuchten die Situation der Waldverjüngung. Auch der Einfluss durch Schalenwild wie Rehe wird bewertet. Die Forstbehörden geben Empfehlungen zum künftigen Abschuss in den Hegegemeinschaften und deren einzelnen Revieren.

Genauere Analyse: Heuer gibt ein paar Änderungen im Vergleich zum bisherigen Verfahren: „Revierweise Aussagen“ werden für mehr Jagdreviere als bisher erstellt. Bereiche, in denen das Wald-Wild-Verhältnis noch nicht passt, werden genauer als bisher untersucht. „Die Forstlichen Gutachten 2021 sollen die Beteiligten vor Ort in die Lage versetzen, für die Schalenwild-Abschussplanperiode 2022/25 einvernehmlich gesetzeskonforme Abschusspläne aufzustellen“, heißt es aus dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten.

Erstmals werden ab heuer auch für alle Jagdreviere in den Hegegemeinschaften, die beim Forstlichen Gutachten 2018 „grün“ (unbedenklicher Verbiss) waren und 2021 nach „rot“ (bedenklicher Verbiss) wechseln, ergänzende „Revierweise Aussagen“ erstellt. (ldk)