Zwei Mark hat das gelb-braune Buch gekostet. „Das war damals ein stolzer Preis – vor allem für einen Maler- und Verputzerlehrling wie mich“, sagt Oskar Kerzner. Er streicht über den gut erhaltenen Einband des Sammelalbums der Fußball-Weltmeisterschaft 1954. Als er sich das Heft leistete, war er 15 Jahre jung – und dezimierte seinen kargen Wochenlohn von damals sechs Mark drastisch. Sechs Jahrzehnte später ist seine Enkelin Julia froh darüber. Denn Opa Oskar hat ihr nun ein einzigartiges Geschenk gemacht.

Das „Wunder von Bern“ hat vor 60 Jahren die Welt und vor allem Deutschland aufgewühlt. Als Außenseiter gewann die deutsche Nationalmannschaft überraschend das Finale. „Als wir gegen Ungarn mit 3:2 gesiegt haben, waren wir wieder wer. Deutschland war Weltmeister!“ In Oskar Kerzners Stimme schwingt heute noch jede Menge Begeisterung mit, wenn er an den ersten Stern für sein Heimatland denkt.

„Ich stamme aus recht ärmlichen Verhältnissen. Mein einziges Paar Schuhe habe ich mir mit meiner älteren Schwester geteilt. Es war die Zeit, in der zehn Pfennige noch was wert waren“, erinnert sich der 75-Jährige, der in Schwarzenau aufwuchs und dessen Mutter früh starb.

Als die Weltmeisterschaft 1954 lief, waren Fernsehgeräte noch rar. „Wir haben uns während der deutschen Spiele alle um ein Radio gedrängt und dem Kommentator gelauscht“, berichtet Kerzner. „Ihr habt praktisch 'public hearing' gemacht“, wirft Schwiegertochter Micha Loschky ein – und hat damit die Lacher auf ihrer Seite.

Die roten Nummern

Oskar Kerzner war schon seit jeher fußballbegeistert – und während der WM befiel den leidenschaftlichen Club-Fan auch noch das Sammel-Virus. „Mein Kosmos-Einklebe-Buch sollte ja voll werden“, erinnert er sich. „Auf jeder Zigarettenschachtel der Marke 'Zuban' war eine rote Nummer aufgedruckt, die man gegen das jeweilige Bild der Fußballhelden von 1954 eintauschen konnte.“

Es hat seine Zeit gedauert, bis Kerzner alle Nummern beisammen hatte. „Lange bin ich Zuban-Rauchern hinterhergejagt, habe Bilder getauscht oder dafür gearbeitet.“ Jede weggeworfene Zigarettenschach- tel im Straßengraben wurde kontrolliert. Und im Wirtshaus konnte wohl niemand mehr ungestört rauchen.

Als der 15-jährige Oskar alle Nummern eingesammelt hatte, tauschte er sie gegen die knapp 100 Einklebebildchen der Fußball-Profis. Darunter waren nicht nur Profilbilder der WM-Spieler, sondern auch viele Eindrücke abseits des Rasens – vom Trikot-Waschen bis hin zu Schnappschüssen beim Feiern. „Das macht das Buch heute so interessant“, findet Marianne Kerzner, die seit über 50 Jahren mit ihrem Oskar verheiratet ist.

In feines Papier gehüllt, hat das WM-Buch von 1954 nun viele Jahre in einem Schrank der Kerzners in Kleinlangheim verbracht. „Wir haben es immer mal wieder rausgeholt und angeschaut. Und dann wieder eingepackt und in den Schrank gelegt“, erzählt Oskar Kerzner. Nun aber sei es Zeit, dass das Zeugnis der Fußballgeschichte einen neuen Besitzer findet. „Und da gibt es keinen besseren als unsere Julia.“

Warum? „Wenn Sie uns während der WM gesehen hätten, dann wüssten Sie es“, stellt der Kleinlangheimer fest. Micha Loschky erklärt: „Opa und Enkelin haben die deutschen Spiele am liebsten gemeinsam angeschaut.“ Julia nickt: „Mit dem Opa kann man gut Fußball gucken. Der ist nicht so aufgeregt wie die Oma, aber er kommentiert schon alles mit.“ Dass Oskar eingefleischter FCN-Fan ist, Julia aber den BVB unterstützt, ist nie ein Problem gewesen. „Wir tun uns ja nichts.“

Im Gegenteil. Oskar hat quasi live erlebt, wie Deutschland den ersten Stern holte; sechs Jahrzehnte später haben er und seine Enkelin gemeinsam die Daumen gedrückt – und den vierten Sterne auf dem Nationaltrikot gefeiert. Zu Julias 14. Geburtstag und ihrer Taufe – die Gymnasiastin ließ sich auf eigenen Wunsch vor wenigen Wochen taufen – hatte Oskar Kerzner ein ganz besonderes Geschenk für seine fußballbegeisterte Enkelin: sein geliebtes Sammelalbum. „Vielleicht gibt sie dieses Büchlein ja in 60 Jahren auch an ihre Enkel weiter?“