Für viele von uns ist sie das i-Tüpfelchen des Nord- oder Ostsee-Urlaubs. Dabei vollführt die weiß-graue Lachmöwe, der Pirat der Lüfte, nicht nur am Meer kesse Flugmanöver, sondern auch am „Mee“ und an anderen fränkischen Gewässern. Wer eine Lachmöwe sichtet – vielleicht sogar eine mit Fußring – , kann sich an einem einzigartigen Bürgerwissenschafts-Projekt beteiligen.

„Mitmachmöwen“ heißt es. Was es damit auf sich hat, verraten Stefan Böger vom Sachgebiet Naturschutz an der Regierung von Mittelfranken und Johannes Kroiß vom Bund Naturschutz Kitzingen.

Es gibt Möwen am Main? Ich hab? Möwen bisher immer mit Meer statt mit Main verbunden…

Stefan Böger:

Da sind Sie sicher nicht die Einzige. In der Tat kann man Möwen aber auch bei uns beobachten, sogar das ganze Jahr über. Vereinzelt sind Schwarzkopfmöwen zu sehen, ab und zu auch mal Mittelmeer- oder Steppenmöwen, aber zu 99 Prozent sind „unsere“ Möwen Lachmöwen.

Wo kann man „unsere“ Möwen beobachten?

Johannes Kroiss: Gerade jetzt im Winter sind die Chancen gut, sie sogar mitten im Ort anzutreffen. Hier profitieren die unkomplizierten Vögel vom reichen Nahrungsangebot. Sie sind quasi Allesfresser und fühlen sich daher auch in der Stadt wohl. Außer Essen brauchen sie nichts weiter als einen sicheren Schlafplatz. Früher konnte man die Lachmöwen zum Beispiel gut auf der Alten Mainbrücke in Kitzingen beobachten, wo sie gern auf den Stangen überm Fluss saßen. Auch heute kann man hier Möwen sichten – wann, ist ein bisschen Glückssache. Das gilt auch für alle anderen Bereiche am Main, am Altmain und an unseren Seen in der Umgebung.

Was zeichnet die fränkischen Möwen aus?

Böger: Sie sind schlau und reagieren schnell aufs jeweilige Angebot. Philipp Herrmann, mein Naturschutzkollege an der Regierung von Niederbayern – er hat 2016 den Grundstein für das Mitmachmöwen-Projekt gelegt –, hat mir von einer Schule in Landshut erzählt. Dort fand sich bis zum Lockdown in der Pause immer ein Schwarm Möwen ein – und zwar am liebsten am Grundschul-Pausenhof, weil die Grundschüler offenbar mehr Krümel fallen lassen als die Gymnasiasten.

Woher kommen die Möwen, die bei uns überwintern?

Kroiss: Genau das soll durch die Aktion „Mitmachmöwen“ herausgefunden werden. Das Schöne daran ist, dass sich jeder, der Spaß daran hat, an diesem wissenschaftlichen Projekt beteiligen kann, und das, ohne großen Aufwand betreiben zu müssen.

Böger: Wir wissen zwar, dass viele gefiederte „Wintertouristen“ zwischen Ende Oktober und März aus Osteuropa stammen, etwa aus Polen oder Tschechien, aber die genauen Zugbewegungen müssen noch belegt werden – auch im Hinblick auf den Klimawandel, der das Verhalten der Tiere beeinflussen könnte. Deshalb freuen wir uns über jeden, der eine beringte Möwe meldet!

Was verrät Ihnen der Ring?

Böger: Wenn wir die Ringnummer kennen, nehmen wir Kontakt zur jeweiligen Beringungszentrale auf und erfahren, woher das Tier kommt und wo es schon überall gesehen wurde. Diese Infos sammeln wir und geben sie auch dem jeweiligen Melder weiter, damit er erfährt, woher „seine“ Möwe stammt.

Wie meldet man eine Beobachtung?

Böger: Auf der Homepage mitmachmoewen.de kann man entweder mit dem Smartphone von unterwegs oder daheim am PC den Button „Sichtung melden“ anklicken und dann mitteilen, wo man was gesehen hat. Wir freuen uns über jeden Schnappschuss sehr – sei es vom Handy oder von einer richtigen Kamera. Gut kann man die Nummer des Fußrings auch mit einem Fernglas ablesen.

Kroiss: Je mehr Leute mitmachen, desto besser! Wer mit der Online-Meldung Probleme hat, kann sich gerne an den Bund Naturschutz werden; wir von der Kreisgruppe Kitzingen helfen gerne weiter. Einfach anrufen unter 09321 / 24 75 7 oder eine Mail schreiben: bn-kitzingen@t-online.de.

Wie wahrscheinlich ist es, dass man in Franken eine Möwe entdeckt?

Böger: Wer die Augen offenhält, hat sehr gute Chancen. Im Winterhalbjahr findet man die Lachmöwen in Städten, in Flussnähe, gern sitzen sie auf Geländern an Brücken. Nach der Mauser im März/April tragen sie eine dunkelbraune Kopfhaube und ziehen in Schwärmen in die Brutgebiete an Seen und größeren Gewässern. Dort folgen Balz und Brutplatzsuche. Nach 24 Tagen schlüpfen die Jungen.

Wie viele „unserer“ Möwen tragen einen Fußring?

Böger: Philipp Herrmanns Erfahrung nach ist eine von 100 Möwen beringt. Die Wahrscheinlichkeit, eine solche zu entdecken, ist gar nicht so gering, wenn man die Tiere erst mal entdeckt hat. Vor allem, wenn man bedenkt, dass die Vögel 30 Jahre alt und älter werden können und relativ standorttreu sind, also gerne wieder an bekannte Orte zurückkehren. Philipp hat mir von einer erzählt, die jedes Jahr auf dem gleichen Geländer in Landshut sitzt.

Das „Mitmachmöwen-Projekt“ ist eine Kooperation der Regierungen von Niederbayern und Mittelfranken. Sind Meldungen aus anderen Teilen Frankens überhaupt erwünscht?

Böger: Aber selbstverständlich, sehr sogar! Jede Meldung ist wichtig. Unser Projekt ist grundsätzlich ein bayernweites. Es setzt die bayerische Biodiversitätsstrategie und das Biodiversitätsprogramm Bayern 2030 um und wird aus Mitteln des Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz finanziert.

Kroiss: Wir als Bund Naturschutz finden das Projekt sehr gut und unterstützen es gerne. Ich bin sehr gespannt, wie viele Möwen im Kreis Kitzingen gesichtet werden – und wo!

Johannes Kroiß: Der Biologe aus Kitzingen ist Schriftführer beim BN und von jeher sehr an der Natur interessiert, vor allem an Amphibien. 2018 hat er ein Schutzprojekt für Gelbbauchunken ins Leben gerufen. Auch die Lachmöwe sei ein interessantes Tier, sagt Kroiß. „Es macht Spaß, die wendigen Flieger zu beobachten.“

Dr. Stefan Böger: Der Regierungsangestellte liebt es, mit Kamera und Fernglas durch Franken zu streifen und die Natur zu beobachten. Umweltbildung liegt ihm sehr am Herzen. Er betreut Projekte wie den Kreuzotternschutz am Main-Donau-Kanal oder das Nürnberger Wanderfalkenprojekt an der Kaiserburg. Auch die Vogelkunde (Ornithologie) fasziniert den Biologen immer mehr. „Ich werde immer wieder überrascht, was man bei uns in Franken alles entdecken kann.“

Steckbrief Lachmöwe

Lebensraum: Das ganze Jahr über ist „Chroicocephalus ridibundus“ („die reichlich Lachende“) bei uns in Franken anzutreffen. Im Sommer brütet sie an Seen. Im Winter sucht sich der Allesfresser gern ein Quartier in Städten, in denen viel Nahrung für ihn abfällt.

Nahrung: Die Lachmöwe frisst alles, was ihr vor den Schnabel kommt. Am liebsten sind ihr Regenwürmer, die sie mit einem Trick aus der Erde lockt: Sie trippelt an geeigneter Stelle schnell auf dem Boden herum. Der Wurm denkt, es beginne zu regnen, und wenn er sich zeigt, packt sie ihn beim Schopf und verspeist ihn.

Schlicht- und Prachtkleid: Zweimal im Jahr wechselt die knapp 40 Zentimeter große Lachmöwe ihr Gefieder. Im Frühling mausert sie sich vom schlichten weiß-grauen Winterkleid ins Prachtkleid mit schokobrauner Kopfhaube und weißen Halbringen hinter den Augen. Im Herbst legt sie wieder ihr Schlichtkleid an. (ldk)