Die Kinder sind überglücklich. Manche Lehrer sind es nicht. Der Präsenzunterricht in den Grundschulen ist herausfordernd – und nicht ohne Risiko.

„Wir fühlen uns wie die Versuchskaninchen“, sagt Sabine Huppmann, Vorsitzende des BLLV im Kreis Kitzingen und selbst Grundschullehrerin. Nach Wochen des Wechselunterrichtes wurde zwei Wochen vor den Osterferien auf Präsenzunterricht umgestellt. „Auf Biegen und Brechen“, wie Huppmann meint. Die zwei Wochen hätte man sich sparen können, findet auch eine Schulleiterin aus Unterfranken, die anonym bleiben möchte. „Gerade hatte sich alles eingespielt, die Eltern wussten, womit sie planen müssen“, sagt sie und fügt resignierend an: „Wenn nun ein neuer Quarantänefall eintritt, gehen Lehrer und Kinder halt wieder ganz in Distanz. Wen kümmert es?“

An der Grundschule von Sabine Huppmann sind bereits einige Kinder schon wieder in Quarantäne. „Das stärkt nicht gerade unser Gefühl, sicher zu sein“, sagt sie. Die CO2-Messgeräte in den Klassenzimmern helfen da auch nur bedingt. „Die schalten schon nach wenigen Minuten auf Rot“, berichtet sie. Die Folge: ständiges Lüften, Frieren. Unter diesen Voraussetzungen soll derzeit ein geregelter Unterricht ablaufen. „Das läuft teilweise wie in einem schlechten Film.“

Am meisten ärgern sich die Pädagogen über die Idee aus München, dass sie künftig mit Hilfe von Schnelltests die Schulkinder auf Corona testen sollen. „Geht's noch?“, fragt Huppmann und spricht vom „Oberwahnsinn“. Auch Jürgen Wolff, der Rektor der Grund- und Mittelschule in Iphofen hält das für ausgeschlossen. Jeder Apotheker habe dafür einen extra Raum zur Verfügung und vor allem den nötigen Schutz, erinnert er. „Wir wollen diese Verantwortung nicht übernehmen“, betont auch die Schulleiterin aus Unterfranken. Die Lehrer wollen und sollten unterrichten – und nichts anderes. Etliche Eltern hätten sich schon bei ihr gemeldet und sich dagegen ausgesprochen, dass ihre Kinder in der Schule getestet werden. Sabine Huppmann sieht das genauso, erinnert an den Datenschutz, fragt sich, wer haftet, falls ein Kind beim Test verletzt wird, und möchte sich gar nicht vorstellen, wie so eine Testung im Klassenverbund abläuft. Mit jedem einzelnen Kind müsste die Lehrkraft für die Zeit des Tests in einen separaten Raum. Bei 20 und mehr Kindern geht da eine Menge Zeit verloren. „Und was macht die Gruppe währenddessen?“, fragt sie.

„Das geht gar nicht. Wir werden uns wehren.“
Sabine Huppmann, BLLV-Vorsitzende, über die Schnelltest-Idee

„Wenn wir mit der Klasse im Schullandheim sind, dürfen wir nicht mal eine Zecke entfernen – und plötzlich sollen wir als Pädagogen medizinische Aufgaben übernehmen.“ Sie kommt zu dem Schluss: „Das geht gar nicht, wir werden uns wehren.“

Die Lehrerverbände BLLV, GEW und KEG haben bereits ihr Veto eingelegt. „Lehrkräfte sind kein medizinisches Personal“, schreibt auch Hans Rottbauer vom BLLV. Schulleitungen und Lehrkräfte würden immer mehr an den absurden Ideen verzweifeln, die von einem Ministerium vorgegeben werden, das den Blick für die tägliche Praxis an den Schulen völlig verloren habe. Sein Vorschlag: Tests finden nicht in der Schule, sondern vor dem Schulbesuch unter Aufsicht der Eltern statt.

Jürgen Wolff kann sich vorstellen, die Schnelltests an die Eltern zu verteilen. Dort ist die Testung auch nach Meinung der Schulleiterin angesiedelt.

„Die Eltern haben die Verantwortung für die gesundheitlichen Belange der Kinder“, sagt sie und fragt: „Was sollen die Schulen denn noch alles schultern?“ Sabine Huppmann bricht hier eine Lanze für die Schulleitungen: „Alle paar Wochen muss gefühlt ein neues Schuljahr organisiert werden.“

Vorerst sind die Schnelltests für Schüler noch gar nicht vorrätig, wie Schulamtsdirektor Veit Burger auf Nachfrage informiert. Alle Lehrkräfte sind dagegen für die kommenden fünf Wochen ausgerüstet – mit je zwei Schnelltests pro Woche. Burger sieht den Start in den Präsenzunterricht als durchaus gelungen an. Es habe eine Woche Vorlauf gegeben, alle seien vorbereitet gewesen. Eine Einschätzung, die nicht alle teilen. Der Rahmenhygieneplan sei erst am Freitag letzter Woche gekommen, sagt die Schulleiterin. „Also null Tage Vorlauf.“

Die niedrigen Inzidenzwerte im Landkreis Kitzingen spielen den Beteiligten derzeit in die Karten. Erst ab einer Inzidenz von 50 müssen Grundschulen wieder auf Wechselunterricht umschalten, bei 100 auf Distanzunterricht. Jeweils am Freitag wird die Bekanntmachung für die folgende Woche verschickt. Burger geht davon aus, dass der Präsenzunterricht bis zu den Osterferien auf jeden Fall gesichert ist.

Jürgen Wolff sieht das ähnlich. In Iphofen hat er genug Platz, um alle Jahrgangsstufen von 1 bis 9 sicher zu beschulen.

„Was sollen die Schulen denn noch alles schultern?“
Schulleiterin aus Unterfranken

Die Lehrer nutzen sogar die Räume der benachbarten Bildungs- und Tagungsstätte der Agentur für Arbeit. Die Hygienekonzepte könnten gut eingehalten werden. „Aber in der Pause und auf dem Heimweg wackelt das Ganze“, sagt er. Manches strenge Hygieneprogramm in den Schulen werde in der Freizeit der Schüler ad absurdum geführt. „Ich bin mir sicher, dass einige Schulen in Bayern in der nächsten Woche wieder dichtmachen müssen“, sagt Wolff. Und für die Zeit nach den Osterferien sieht er – angesichts steigender Inzidenzwerte – grundsätzlich schwarz. Viele Lehrer stecken deshalb große Hoffnung in die Impfungen. Grundschullehrer sind in die Prioritätenliste 2 vorgerückt.

Bislang sind die Impfungen sehr unterschiedlich angelaufen, wie Veit Burger informiert. Es gibt Schulen, in denen nahezu alle geimpft sind, und solche, in denen „längst nicht alle“ geimpft wurden. In der Kitzinger Siedlungsgrundschule sind alle Mitarbeiter, die eine Impfung wollten – mehr als 60 – bereits zum ersten Mal geimpft worden, wie Rektorin Heike Schneller-Schneider auf Nachfrage mitteilt. Zusammen mit dem Impfzentrum konnten die Impftermine schnell organisiert und realisiert werden, freut sie sich.

In anderen Grundschulen geht es deutlich schleppender voran. „Jetzt erst mal bis Ostern kommen, ohne sich anzustecken“, formuliert Sabine Huppmann das Ziel. Für die Zeit danach wünscht sie sich vor allem eines: mehr Kontinuität. Viel Hoffnung hat sie aber nicht. „Der Wunsch wird eh nicht in Erfüllung gehen.“