Man sieht nur ihre Augen. Der Rest des Gesichts ist hinter einer Maske verborgen. So bleiben die Sorgen versteckt, die Erzieher und Kinderpfleger, Heil- und Sozialpädagogen plagen. Corona hat ihren gesamten Alltag verändert – in der Kinderkrippe genauso wie in der Vorschulgruppe. Die Arbeit ist extrem kräftezehrend geworden. Der Lockdown seit Mittwoch ändert daran nicht viel.

Kathrin Stamm ist kein Mensch, der jammert. Die Leiterin des Kindergartens Friedenskirche in Kitzingen und ihre Kollegen haben einen Beruf gewählt, für den Humor, Offenheit und Menschenfreundlichkeit Voraussetzungen sind. Doch Corona bringt selbst solche Menschen an ihre Grenzen. Stamm sagt: „Wir fühlen uns zum Teil vergessen und möchten darstellen, wie es uns im Kindergarten geht.“

Dass zu Krippen- und Kindergartenkindern die eigentlich erforderliche Distanz schlicht und einfach nicht gewahrt werden kann, ist nur das Eine. Wenn ein kleines Kind weint, wird es nach wie vor in den Arm genommen und getröstet, wenn jemandem die Nase läuft, wird Letztere geputzt, wenn ein Kind Hilfe beim Toilettengang braucht, bekommt es diese. „Abstand ist da nicht zu halten.“ Auch andere Vorschriften seien praxisfern – und das empfinden die Pädagogen als richtig schlimm. Ebenso wie die vermehrte Bürokratie und den dafür deutlich höheren Arbeitsaufwand. „Dadurch fehlt uns die Zeit für die direkte Arbeit mit den Kindern. Alle Kollegen, egal wo sie arbeiten, berichten das Gleiche“, stellt Kathrin Stamm fest. Die Situation in den Kindertagesstätten sei mindestens so schwierig wie in Schulen.

„Für uns ist nicht das Kultusministerium zuständig, sondern das Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales“, berichtet Stamm. „Oft kommen dessen Verordnungen sehr kurzfristig.“ Die Vorschrift, ab dem 16. Dezember nur noch eine Notbetreuung vorzuhalten, kam zum Beispiel am Sonntag vorher. Bis Dienstagabend musste sie umgesetzt sein, der Bedarf in den Familien musste abgefragt, die Präsenz- sowie Homeoffice-Mitarbeiter mussten organisiert werden.

Stamms Team besteht aus 16 Erziehern und Kinderpflegern. Nicht nur, dass sie immer wieder neue Vorschriften verinnerlichen müssen, sie müssen diese auch gegenüber den Eltern vertreten. „Unsere Sicherheitsbeauftragten Petra Jung und Marina Friedrich sowie die Kindergartenleitung sind ständig damit befasst, wieder neue Rahmen-Hygienepläne und solche Dinge umzusetzen, Dienstpläne umzuschreiben und die Neuerungen dem Team mitzuteilen. Die Informationsflut ist Wahnsinn.“

Durch fortwährende Änderungen entstehe Verunsicherung. Zum Beispiel durften die Kinder nach einer Erkrankung zunächst nur mit einem ärztlichen Attest wieder in die Kita kommen, eine Woche später reichte eine Erklärung der Eltern aus.

89 Kinder werden, wenn kein Lockdown verordnet wurde, täglich in den Kindergarten Friedenskirche gebracht und wieder abgeholt, der Gesprächsbedarf ist enorm. Doch „Tür-und-Angel-Gespräche“ sollen wegen der Ansteckungsgefahr äußerst knapp gehalten werden. „Dem pädagogischen Personal fehlt der Austausch ebenso wie den Eltern. Wir stellen auch fest, dass das soziale Miteinander und das Gemeinschaftsgefühl immer mehr verloren gehen, je länger gemeinsame Aktionen und Feste verboten bleiben.“ Im Kindergartenalltag arbeitet jede der drei Regelgruppen sowie die Krippengruppe geschlossen für sich. Die Kinder haben keinen Kontakt untereinander, „Garten-Gänge“ finden nacheinander und minutiös gestaffelt statt. Wer wann welchen Gemeinschaftsraum nutzt, muss akribisch geplant werden. „Das bedeutet in der Praxis natürlich Mehrarbeit fürs Personal. Zum Beispiel kann die Vorschule nicht mehr gruppenübergreifend stattfinden, sondern muss in allen Gruppen extra organisiert werden“, berichtet Kathrin Stamm.

„Warum darf das Personal gruppenübergreifend arbeiten? Da bleibt ein mulmiges Gefühl.“
Kathrin Stamm, Kindergartenleiterin

Auch sonst müssen die Mitarbeiter viel Dokumentationsarbeit leisten: „Wir müssen genau aufschreiben, wer wann in welcher Gruppe ist. Ebenso, welches Elternteil wann ein Kind gebracht oder abgeholt hat – die Eltern stehen während der Bring- und Abholzeiten im Freien an und dürfen nur nacheinander ins Gebäude gelassen werden.“

Zur körperlichen Belastung durch den Zeitdruck kommt die emotionale: „Wir können unseren Bildungsauftrag aktuell nicht so ausfüllen, wie wir das gerne hätten.“ Zum Beispiel müssen die regelmäßigen Besuche im Seniorenheim Mühlenpark wegen Corona ebenso entfallen wie die beliebten Naturtage. Da sich alle 16 Team-Mitglieder nicht auf einmal begegnen dürfen, fallen direkte Team-Besprechungen weg. „Das fehlt schon sehr. Digitale Möglichkeiten sind einfach nicht so effizient wie der persönliche Austausch.“

Durch das fortlaufende Tragen des Mund-Nasen-Schutzes entstehen gleichzeitig Kommunikationsprobleme – untereinander, mit den Kindern und auch mit den Eltern.

„Die Kinder können die Mimik des pädagogischen Personals nur schwer einschätzen. Besonders in der Krippe sind die Masken hinderlich, weil die Kinder erst anfangen zu sprechen und Sprachvorbilder brauchen.“ Familien mit Migrationshintergrund, die noch nicht gut Deutsch sprechen, fehlt die Mimik ebenfalls. „Manche rücken dann immer näher an einen heran – sie möchten ja gerne verstehen, was man sagt. Aber der geforderte Abstand ist dann weg.“ Michael Bausenwein, evangelischer Pfarrer, weiß um die vielfältigen Schwierigkeiten, die in Kigas und Kitas aktuell zu bewältigen sind. Als Vertreter des Kindergartenträgers zollt er dem Personal großes Lob. Es habe sich konstruktive, kreative Lösungen überlegt, um die Kinder vor negativen Folgen der Pandemie zu bewahren. „Ob an Sankt Martin oder zu Nikolaus: Die Mitarbeiter haben es trotz der schwierigen Situation geschafft, Kultur und Tradition und deren Werte hochzuhalten. Sie haben den Kindern die christliche Botschaft der jeweiligen Feste mit viel Liebe vermittelt.“ Kathrin Stamm und ihre Stellvertreterin Irene Müller freut das Lob. Aber noch viel lieber hätten sie einheitliche Regeln für alle Kindergärten. Kathrin Stamm fragt: „Warum legt das Ministerium zum Beispiel Schließzeiten nicht einheitlich für alle fest?“ Ebenso fragt sie sich, warum die Kinder zwar streng getrennt werden, das Personal aber gruppenübergreifend arbeiten darf, auch wenn der Inzidenzwert hoch ist. „Da bleibt ein mulmiges Gefühl.“

Pfarrer Bausenwein versteht das gut. „Die Ungewissheit kostet Kraft.“ Die nächsten Monate seien für alle Menschen, insbesondere für die Mitarbeiter in Kindergärten und Krippen, eine echte Herausforderung.