Ein unvergesslicher Abend. Bombenstimmung. Zwei Beschreibungen, über die sich Veranstalter von Faschingssitzungen normalerweise freuen. Am 19. Januar 1991 war das anders: Eine Bombendrohung unterbrach die Sitzung der Kitzinger Karnevalsgesellschaft jäh. Das Dekanatszentrum musste geräumt werden. Passiert ist glücklicherweise nichts, aber Besucher und Akteure haben den Abend auch nach 30 Jahren noch genau in Erinnerung.

Norbert Schober ist seit Jahrzehnten in der Fastnacht aktiv. Er war lange Sitzungspräsident und Gesellschaftspräsident der Kitzinger Karnevalsgesellschaft, ist heute deren Ehrenpräsident und auch beim Fastnachtverband Franken sehr engagiert. Unzählige Ansprachen hat er in all den Jahren gehalten. Und doch ist ihm die von 1991 im Gedächtnis geblieben. „Es war die unangenehmste Situation, in der ich je war“, sagt er. „So etwas würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.“

1991 war das Jahr des Golfkrieges. Tausende Kilometer entfernt und doch nah. Es herrschte große Unsicherheit, ob der Krieg sich womöglich auf Europa ausweiten würde. Friedensgebete wurden abgehalten, in Kitzingen zogen Menschen in einem Schweigemarsch durch die Straßen. Sollte in einer solchen Situation Fasching gefeiert werden? Darüber gab es viele Diskussionen. Ein Teil der geplanten Veranstaltungen im Landkreis wurde abgesagt, andere durchgeführt. So fiel, wie ein Blick ins Archiv der Kitzinger Zeitung verrät, eine ursprünglich für 17. Januar geplante Sitzung der Kitzinger Karnevalsgesellschaft zunächst aus. Nach Rücksprache mit den Pfarrern beider Konfessionen sowie dem Fastnachtverband Franken als Dachverband beschlossen die Verantwortlichen dann allerdings, die Sitzungen am 19. und am 24. Januar in gewohnter Weise durchzuführen und die ausgefallene Sitzung nachzuholen.

So saß an jenem Samstag, 19. Januar, Sitzungspräsident Norbert Schober wie gewohnt an seinem Platz hoch oben auf der Bühne inmitten des Elferrates. Zeremonienmeister Franz Hildebrand führte die Akteure in den Saal. Walter Vierrether bereitete sich als einer von vielen Aktiven hinter der Bühne auf seinen Auftritt vor. Anfangs ging alles seinen gewohnten Gang. Bis plötzlich ein Mitglied der Regie einen Elferrat bat, ins Foyer zu kommen. „Ein Elferrat verlässt nie die Bühne“, sagt Norbert Schober. „Das ist ehernes Gesetz.“ Wenn also jemand aufsteht, muss das einen sehr guten Grund haben. Und dass es sein Vizepräsident Reinhold Hohm war, machte die Sache noch ernster. Hohm war Polizist.

„Du musst den Saal sofort räumen“, flüsterte Reinhold Hohm dem Sitzungspräsidenten wenige Minuten später zu. Und Norbert Schober machte jene Ansage, die ihm bis heute in Erinnerung ist. Eine Bombendrohung sei eingegangen, teilte er Akteuren und Gästen mit. Er forderte alle auf, ruhig und diszipliniert den Saal zu verlassen. Wenige Minuten zuvor waren zwei anonyme Anrufe im Dekanatszentrum eingegangen. Wie Karl-Heinz Bareiß, zu der Zeit Schatzmeister, damals gegenüber dieser Zeitung sagte, hatte zunächst eine Frau angerufen und mit einem Bombenanschlag gedroht. Um 21 Uhr sollte die Bombe detonieren. Sofort wurde die Polizei informiert, während die Zuschauer sich nichts ahnend über die Darbietung zweier Straßenkehrer auf der Bühne amüsierten. Da die Inspektion unweit des Dekanatszentrums liegt, waren die Beamten schon vor Ort, als wenig später ein zweiter Anruf einging. Diesmal meldete sich ein Mann und wollte wissen, ob die Polizei schon da sei. „Das Publikum hat großartig auf die Information über die Bombendrohung reagiert“, erinnert sich Norbert Schober. Alle seien ruhig und diszipliniert nach draußen gegangen. Ein Teil der rund 400 Gäste kam im Jugendhaus unter, die meisten warteten trotz Schneefalls und Kälte im Freien vor dem Dekanatszentrum. Währenddessen durchkämmten Beamte den Saal. Auch Hunde seien im Einsatz gewesen, erinnern sich die Teilnehmer. Gefunden wurde glücklicherweise nichts. Zur angekündigten Detonationszeit um 21 Uhr blieb es ruhig – wobei die Gäste auf der Straße zur Sicherheit ein Stück vom Gebäude abrücken mussten.

Alle Beteiligten seien sehr gefasst geblieben, berichtet auch Zeremonienmeister Franz Hildebrand rückblickend. Er war erst im Jahr zuvor bei der KiKaG aktiv geworden, seine zweite Session hatte er sich völlig anders vorgestellt. „Das vergesse ich nie“, sagt er über den Abend des 19. Januar. „Da bleiben Dir Sachen im Kopf...“ So wie die Unterhaltung zwischen einem Paar, das mit anderen Gästen frierend vor dem Dekanatszentrum stand. „Der eine hat zum anderen gesagt: Einer von uns muss heim, damit auf jeden Fall noch jemand für die Kinder da ist, wenn doch etwas passiert.“ Die meisten Besucher aber hätten sich entschieden, nicht nach Hause zu gehen.

Wie fast alle anderen Anwesenden war Norbert Schober davon ausgegangen, dass nichts passieren würde. Was sich zum Glück auch bestätigte. Nach etwa einer dreiviertel Stunde kehrten alle ins Dekanatszentrum zurück, die Sitzung wurde fortgesetzt. Akteure wie Walter Vierrether absolvierten ihre Auftritte. „Das war schon ein Akt“, sagt Vierrether über den dann doch nicht ganz unbeschwerten Auftritt. Die jungen Tänzerinnen, die noch wenige Minuten vorher mit Tränen in den Augen beieinander gestanden hatten, schwangen auf der Bühne tapfer die Beine im Takt. „Die taten mir richtig leid“, sagt Franz Hildebrand. Noch heute lobt er Norbert Schober dafür, wie souverän dieser die schwierige Situation meisterte, wie schnell er es schaffte, wieder für gute Stimmung zu sorgen. „Wir haben unter dem Motto ‘jetzt erst recht? weitergemacht“, erinnert sich Schober. Allerdings nur an diesem einen Abend. Die anderen KiKaG-Sitzungen der Session wurden abgesagt, stattdessen ein Friedensgebet abgehalten. Wolfgang Bötsch, der in diesem Jahr den Schlappmaulorden erhalten sollte, wurde außerhalb einer Sitzung ausgezeichnet.

Bedrohung

Die Bombendrohung in der Prunksitzung der Kitzinger Karnevalsgesellschaft war nicht die einzige im Jahr 1991 in der Kreisstadt. Auch die Marshall-Heights wurden bedroht. Nach diesen Vorfällen verschärfte die Polizei den wegen des Krieges schon bestehenden Objekt- und Personenschutz noch einmal, die US-Army bewachte ihr Wohngebiet rund um die Uhr. Die Polizei nahm die Terrorandrohungen sehr ernst, wie der damalige Polizeichef Rudolf Spirk betonte. Wichtige Aufgabe war es dabei auch, der Bevölkerung zu vermitteln, dass man Ruhe bewahren solle. Spirk erklärte, es gebe keinen Grund zur Beunruhigung. Wenige Tage nach der Bombendrohung im Dekanatszentrum vermutete er gegenüber dieser Zeitung, es habe sich dabei um einen besonders schlechten Scherz gehandelt. (len)