Die zwei Papierunterlagen sind blütenweiß. Außerdem warten auf dem Holztisch in der Küche: ein Babyflaschenwärmer, mehrere winzige Spritzen, etliche Wattetupfer und -stäbchen.

Igel sind Insektenfresser. Die neu geborenen, noch blinden Igelbabys werden normalerweise von der Mutter gesäugt. Was aber, wenn es keine Mutter mehr gibt? Damit die Babys nicht verhungern, flößen Herbert und Gudrun Martin aus Gerbrunn bei Würzburg ihnen mit winzigen Pipetten eine cremeweiße, flüssige Spezialnahrung ein. „Die 60 Euro pro Pfund sind zwar ein Wort, aber damit kriegen wir auch ganz kleine Igel durch.“ Die etwas älteren Igelkinder, deren Stacheln schon zu pieksen beginnen, bekommen einen Brei aus gemixtem Katzennassfutter und Fencheltee.

Gegessen wird in Etappen. „Alle gleichzeitig – das ginge nicht!“, sagt Herbert Martin und lacht in seinen Bart hinein. Wenig später wird klar, warum. Gudrun Martin bringt den Korb mit den Kleinsten herein. Fünf Mini-Babys, kaum fingerlang, wuseln durcheinander. Ihre Augen sind noch geschlossen, aber die Beinchen zappeln wie wild.

„Ich nehme zuerst Grün hinten“, sagt Gudrun Martin und zeigt auf ein Baby, das sie mit einem grünen Punkt auf den Stacheln am „Bobbes“ markiert hat. Sie und ihr Mann greifen in den Korb. „… und ich den Drachen“, antwortet Herbert Martin. Woher der Spitzname stammt, ist offensichtlich: Der Winzling ist so aktiv wie die Fabelwesen Grisu und Ohnezahn zusammen. Die Martins lachen. „So klein sie sind, so unterschiedlich sind sie auch! Vom Wesen her, aber auch optisch: Da gibt es helle und dunkle, fast schwarze und Albinos…“

„Drachenkind“ hat ordentlich Hunger. Die Spritzentülle, in die Herbert Martin eine spezielle Welpenaufzuchtsmilch gefüllt hat, leert der Kleine rasch. „Du willst wohl noch ?nen Nachschlag…“ Nach ein paar Minuten läuft die Spezialmilch – Kuhmilch vertragen die Tiere nicht – seitlich aus dem Igelmäulchen heraus. „Na, jetzt bist du wohl satt, Kleiner“, meint der Igelfreund, und als Antwort gähnt der Zwerg herzhaft. Er kuschelt sich in die Hand des Menschen – seine Stacheln sind noch ganz weich – und harrt der Dinge, die da kommen.

Martin greift nach einem Wattestäbchen und streicht damit sanft über das kleine Bäuchlein. „Drachenkind“ streckt alle Viere von sich und lässt den Menschen dann auch regungslos seine kleine Blase massieren. Nach einiger Zeit pinkelt er. „Siehste, geht doch“, murmelt Martin und wischt seinen Schützling trocken. „Anfangs funktioniert die Verdauung der Babys noch nicht. Wir müssen nachhelfen, damit Blase und Darm sich entleeren.“ Akribisch notiert das Rentner-Paar, wie viel und wann jeder der Kleinen gegessen und „gemacht“ hat.

Gerade mal 18 Gramm wog der „Drache“, als er vor ein paar Tagen in Gerbrunn einzog. Vermeintliche Igelfreunde hatten die Igelmama eines Nachts im Würzburger Ringpark entdeckt und sie „vorsorglich“ in den Wald gebracht. Gudrun Martin schüttelt den Kopf, wenn sie die Geschichte mit einer Mischung aus Sarkasmus und Entsetzen erzählt: „Sie haben die Igelmama in den Wald gefahren, damit sie dort vom nächsten Greifvogel gepackt wird. Und an ihre Jungen haben die Leute gar nicht gedacht. Die wären qualvoll verhungert, wenn nicht aufmerksame Passanten sie gefunden hätten.“ Schicksale wie dieses kennen die Martins zuhauf. Ab Juli, wenn die Setzzeit beginnt, klingelt ihr Telefon viele Male täglich. „Die Anrufe kommen von überall her: aus Haßfurt, Coburg, Nürnberg, Bamberg, Aschaffenburg, sogar aus der Türkei, aus Frankreich und Marokko hatten wir schon welche.“ Die Martins nehmen pro Jahr nicht nur selbst mehrere Hundert Igel auf – dieser Tage zum Beispiel zwei Babys aus Bad Kissingen, deren Mutter und Geschwister beim Mulchen getötet wurden –, sondern verweisen auch auf wohnortnähere Pflegestellen und geben Tipps zur Rettung und Pflege. „Igel sind nachtaktive Wildtiere. Es ist ganz normal, dass sie nachts auf Futtersuche herumlaufen – ihr Bewegungsradius beträgt bis zu drei Kilometer. Sie einzusperren ist Tierquälerei und verboten.“ Gudrun und Herbert Martin gehen jeweils auf die 70 zu. Seit 30 Jahren betreiben sie ihre Igelstation, ebenso lange kennen sie die Auswirkungen von Schlafmangel, denn während der Sommer- und Herbstmonate ist alle zwei bis vier Stunden Füttern angesagt. „Wir machen das wirklich gern, aber mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer. Und wir haben ja auch nur unsere Rente.“ Etwa 5000 Euro gehen pro Jahr für Futter, Heizkissen und Wärmeboxen, Desinfektionsmittel und Material für die Außengehege drauf. Anfang des Jahres war das Geld coronabedingt so knapp, dass die Martins schweren Herzens erwogen, die Station zu schließen. „Doch nach einem Pressebericht kamen so viele Spenden, dass der Betrieb heuer auf jeden Fall noch gesichert ist. Dafür sagen wir herzlichen Dank.“

Info: Die größte Gefahr für Igel ist der Mensch, der Kellerschächte oder andere Fallgruben nicht absichert oder seinen Garten zu sehr aufräumt, so dass dort kaum mehr Insekten leben und es kaum Unterschlupfmöglichkeiten gibt. Igel sind keine Vegetarier, sondern Insektenfresser (Spinnen, Würmer, Schnecken.. ); Obst fressen sie nicht.

Igelhilfe Martin in Gerbrun: Tel. 0931/ 30489608, Spendenkonto: VR-Bank Würzburg, IBAN: DE03 7909 0000 0005 3623 26 (VZ Igelhilfe)