Hinter den Kulissen wird weiter geforscht, Informationen werden eingeholt, alte Schriftsätze durchforstet. Die Frage lautet, ob Nikolaus Fey auch weiterhin als Namenspatron für die Wiesentheider Grund- und Mittelschule und für etliche Straßen in Unterfranken in Frage kommt – oder ob seine Vergangenheit eine Umbenennung erforderlich macht. Die Würzburger Kommission für Straßennamen ist zu einem eindeutigen Ergebnis gekommen. Sie empfahl dem Stadtrat, die Nikolaus-Fey-Straße im Stadtteil Heidingsfeld umzubenennen.

Das Argument nach umfangreicher Recherche: Fey ist als überzeugter Nationalsozialist anzusehen. Er habe aktiv an der Ausgestaltung nationalsozialistischer Propaganda-Inszenierungen mitgewirkt und von der NS-Herrschaft persönlich profitiert. Die Kommission sieht in Nikolaus Fey eine Person, die sich eine Vielzahl schwerer Verfehlungen während der NS-Zeit zuschulden kommen ließ. Er habe sich zwischen 1933 und 1945 in verschiedener Weise für den Nationalsozialismus engagiert, sei bei nationalsozialistischen Großereignissen prominent in Erscheinung getreten. Als Beispiel nennt die Kommission die Inszenierung der Florian-Geyer-Festspiele in Giebelstadt, für die Fey bereits 1925 den Text des zentralen Schauspiels geschrieben hatte und die Gauleiter Hellmuth als pompöse nationalsozialistische Feier in Szene setzte. Von 1942 bis 1944 wirkte er in der Regierung des „Generalgouvernements“ in Krakau mit. Fey war dort Referent in der Hauptabteilung Propaganda. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die kulturellen Traditionen des polnischen Volkes auszulöschen, die „Germanisierung“ des Raumes voranzutreiben und mit antisemitischer Propaganda die Shoa zu flankieren. Das haben jedenfalls die Recherchen der Kommission in Archiven und Schriften ergeben.

Ein ganz anderes Bild zeichnet Walter Hahn, der – wie Nikolaus Fey – in Wiesentheid geboren wurde und als junger Rektor hinzugezogen wurde, als es 1972 darum ging, der neuen Schule einen Namen zu geben. „Das war damals überhaupt kein großes Thema“, erinnert sich Hahn.

Kaum kritische Auseinandersetzung

Der damalige Landrat habe die Namensgebung befürwortet. Der sei ein großer Verehrer des Heimatdichters gewesen. Später wurde auch eine Erinnerungstafel am Geburtshaus von Nikolas Fey angebracht. Kritisch hat sich kaum jemand mit der Vergangenheit Feys befasst. „Dieses Thema ist erst in jüngster Zeit aufgekommen“, bestätigt Dieter Krenz, der 28 Jahre lang das Archiv in Wiesentheid leitete. Nach seinem Dafürhalten gibt es Gutes und Schlechtes in den Werken Feys. „Ähnlich wie bei Richard Rother.“ Tiefergehende Recherchen seien mit dem vorhandenen Material in Wiesentheid allerdings auch nie möglich gewesen.

Zeitungsausschnitte, ein Lebenslauf und die Gedichtbände hatte Krenz zur Verfügung. Die Mundartgedichte Feys zeichnen sich durch Tiefe und Humor aus. „Aber er war, gerade in der Anfangszeit, der NSDAP durchaus zugewandt“, sagt Krenz. Es gebe auch einige Gedichte, in denen „Blut und Boden“ verherrlicht werden. Dennoch: Dieter Krenz würde die Schule nicht umbenennen. „Viele haben damals mit dem System sympathisiert“, sagt er. „Weil es gar nicht anders ging.“

Walter Hahn sieht das genauso. Er hat Nikolas Fey etwa fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges kennengelernt. Hahn war 12 oder 13 Jahre jung, als der Heimatdichter einen Vortrag in Wiesentheid hielt. Für 50 Pfennig Eintritt konnte ihm auch der spätere Schulamtsdirektor und Bürgermeister beiwohnen. „Ich erinnere mich an einen älteren, bedauernswerten Menschen“, sagt Hahn. Die Mitschüler hätten sich damals lustig über Fey gemacht. „Das hat mich bedrückt.“

Tatsächlich hatte Nikolaus Fey nach Ende des Weltkrieges mit finanziellen Problemen zu kämpfen. „Bis ins hohe Alter war er gezwungen, seinen Lebensunterhalt mit Vorträgen zu bestreiten“, weiß Dieter Krenz. Bei einem dieser Vorträge, im Kugelfischer Erholungsheim Waldesruh bei Gerolzhofen, erlitt der Wiesentheider Ehrenbürger Nikolas Fey am 19. Juli 1956 einen tödlichen Herzschlag.

Und wie geht es jetzt weiter in der Causa Nikolaus Fey? Einige Gemeinden aus dem Landkreis Würzburg, wie Bergtheim, Estenfeld oder Margetshöchheim, denken schon über eine Umbenennung ihrer Nikolaus-Fey-Straße nach und befragen die dortigen Anwohner. Wiesentheids Bürgermeister Klaus Köhler hat ebenfalls einen Fahrplan. Im zweiten Quartal soll das Thema im Gemeinderat diskutiert werden. Archivarin Karen Rönninger ist bereits am Recherchieren, Köhler selbst kennt die Presseberichte und hat von einem Wiesentheider, der offensichtlich eigene Unterlagen hat, ein Angebot für einen Gespräch bekommen. „Wir kümmern uns“, so Köhler, wissend, dass es alles andere als ein leichtes Thema ist. „Aber wir können es nicht einfach so unter den Tisch fallen lassen“, betont er. Dafür sei die Angelegenheit viel zu wichtig. Schließlich geht es um die Vergangenheit eines Ehrenbürgers – und Namenspatrons einer Bildungseinrichtung, in der junge Menschen im Sinne der Demokratie erzogen werden sollen.