Kirchweihen gehören zu den Höhepunkten im Jahreslauf der Gemeinden. Vielerorts ist fast die gesamte Dorfgemeinschaft an der Organisation beteiligt. Es gibt Feste und Umzüge, Aufzüge von Bürgerwehren, Tänze, Kirchweihpredigten. Wegen Corona sind diese Feierlichkeiten nicht wie üblich möglich – viele Kirchweihen werden abgesagt. Geht nur ganz oder gar nicht? Sind womöglich Traditionen in Gefahr? Ein Gespräch mit Kreisheimatpflegerin Susanne Kornacker.

Frage: Im Herbst ist Hoch-Zeit für Kirchweihen. Selbst in den kleinsten Dörfern wird gefeiert. Welchen Stellenwert haben Kirchweihen bei uns in der Region?

Susanne Kornacker: Einen sehr hohen. In vielen Orten hat sich in den vergangenen Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten ein reges Brauchtum um die Festgottesdienste in den Kirchen entwickelt. Sei es, dass Kirchweihumzüge und Bürgerschießen stattfinden, es einen Platz mit Schaustellern gibt oder Kirchweihbäume aufgestellt werden. Es gibt weltliche Kirchweihpredigten, Tänze, Feiern in Festzelten und natürlich die Aufzüge beziehungsweise Auszüge der Bürgerwehren.

Gerade diese Bürgerwehren sind ja eine Besonderheit.

Susanne Kornacker: Diese Traditionen sind gut 400 Jahre alt und werden heute noch in fünf Gemeinden im Landkreis aufrecht erhalten – in Castell, Markt Einersheim, Rüdenhausen, Wiesenbronn und Wiesentheid. In Gehrock und Zylinder nehmen die männlichen Bürger Aufstellung, ziehen durchs Dorf. Das ist natürlich etwas Besonderes. Nach einer ersten Ablehnung wird weiterhin versucht, dass sie in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Unesco aufgenommen werden.

Geht es bei Kirchweihen vor allem um Tradition oder entwickeln sie sich auch weiter?

Susanne Kornacker: In jüngeren Jahren wurde mancherorts das Programm ausgeweitet, zum Beispiel kamen auch touristische Angebote hinzu, wie der Wein-Kulinarische Spaziergang in Iphofen.

Ob für Einheimische oder Gäste – die Kirchweihen gehören zum Höhepunkt im Jahr. Warum sind diese Feiern den Menschen so wichtig?

Susanne Kornacker: Da spielt sicherlich die Gemeinschaft eine große Rolle. In vielen Orten ist nahezu die gesamte Bevölkerung in irgendeiner Form eingebunden. Man bereitet sich lange vor. Die Menschen freuen sich und erwarten die Feierlichkeiten, die meist nicht nur an einem Tag begangen werden, sondern oft sogar bis Dienstag dauern. Zudem ist man sich vielerorts bewusst, dass man mit dem Brauchtum in einer langen Tradition steht. das möchte man in Ehren halten.

Aber nun wird wegen Corona eine Kirchweih nach der anderen abgesagt.

Susanne Kornacker: Ja, die Schlagzeile „Kirchweih abgesagt“ war in den vergangenen Tagen und Wochen öfter zu lesen. Die Gremien müssen sich mit der Frage beschäftigen, ob die Feierlichkeiten während der Corona-Pandemie durchgeführt werden können oder nicht. Emotionale Debatten bleiben nicht aus.

Weil die Veranstalter ihre Kirchweih, ihre Tradition in Gefahr sehen?

Susanne Kornacker: Man muss zunächst mal versuchen, das sachlich zu sehen: Wo man sonst das Gesellige schätzt, wird es in der jetzigen Situation zur Gefahr. Ein Fest, das die Menschen zusammenbringt, wird es heuer nicht geben können, um eben diese Gemeinschaft zu schützen. Vernunft ist angesagt, auch wenn es schmerzt. Das Brauchtum wird davon nicht untergehen. Es ist so tief verwurzelt, dass es dieses Jahr überdauern wird – und hoffentlich im kommenden Jahr umso dankbarer begangen werden kann. Streng genommen, wird die Kirchweih ja auch gar nicht abgesagt.

Warum? So lauten doch die Beschlüsse.

Susanne Kornacker: Weil das Fest tiefer geht. Begangen wird ja der Weihetag der Kirche, auch wenn das viele Leute heute nicht mehr im Blick haben. Die Kirchen wurden mit ihrer Weihe von einem Bauwerk zu einem sakralen Ort. Oft war dieser Weihetag zwar zu einem anderen Zeitpunkt im Jahr, hängt also meist nicht wirklich mit dem heutigen Termin der Kirchweih-Feierlichkeiten zusammen. Es wurde, überwiegend in Bayern, beschlossen, dieses Fest im Herbst symbolisch zu begehen.

Aber den meisten Menschen geht es bei der Kirchweih doch nicht mehr um die Kirchen.

Susanne Kornacker: Trotzdem haben viele Menschen – egal wie intensiv sie ihren Glauben heute noch praktizieren – eine emotionale Bindung an ihre Kirche. Vieles hat man dort erlebt: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen, Gottesdienste, die geprägt haben. Die Glocken geben noch heute, im digitalen Zeitalter, dem Tag Struktur. Und manch einer, der an den Sonntagen eigentlich nicht mehr in den Gottesdienst kommt, geht ab und an in die Kirche und zündet eine Kerze an.

Rückt Corona also den eigentlichen Anlass für die Feierlichkeiten wieder in den Mittelpunkt?

Susanne Kornacker: Natürlich ist es schade, wenn nicht so gefeiert werden kann wie sonst. Aber wenn die Kirchweih dieses Jahr schon nicht in der gewohnten Form stattfinden kann, könnte man versuchen, sich auf den Ursprung des Festes zu besinnen: auf die Bedeutung der Kirche im Ort für sich selbst. Nach gegenwärtigem Stand werden zumindest die Festgottesdienste in den Kirchen stattfinden können. Vielleicht lässt sich ein kleiner Teil der Traditionen trotz Corona in diese „Kirch-Weih“ integrieren, wie mein Kollege Heinrich Stier es mit den Trommlern in Rüdenhausen vorgeschlagen hat. Aber wir müssen uns bei allen emotionalen Debatten darüber im Klaren sein: Das ganze Brauchtum, das sich um die Kirche entfaltet, wird es frühestens im kommenden Jahr wieder geben können. Darauf dürfen wir hoffen. Aber die Kirche wird im Dorf bleiben. Auch dieses Jahr. Daran könnten und sollten wir uns wieder erinnern.