Zum Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus und nachträglich zum 80. Jahrestag des Novemberpogroms hatte die evangelische Kirchengemeinde Wiesentheid und der Verein Alt Prichsenstadt zu einer Veranstaltung ins evangelische Gemeindehaus Wiesentheid eingeladen. Der Schwerpunkt lag laut Mitteilung auf dem Pogrom, das dieser Übergriff auf die jüdischen Mitbürger  den Übergang von der Diskriminierung und Entrechtung der deutschen Juden zu ihrer systematischen Verfolgung und schließlich Vernichtung markierte. 

Pfarrer Martin Fromm und Ursula Reisinger, die stellvertretende Vorsitzende des Vereins Alt Prichsenstadt, eröffneten den Abend mit einer kurzen Darstellung der geschichtlichen Bedeutung des 9. November 1938 (dem Beginn des Novemberpogroms) und des 27. Januar 1945 (der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch Soldaten der Sowjetarmee). Anschließend wurde in einem Bildvortrag über die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland, speziell in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, berichtet - und über den Ablauf des Pogroms in Unterfranken. Dabei kam das Bildmaterial eines Vortrags zum Einsatz, den der Historiker und Publizist Roland Flade aus Würzburg bei seinem Vortrag zum Jahrestag des Novemberpogroms im Jahre 2018 in Altenschönbach verwendet hatte.

Anschließend wurde der zeitliche Verlauf des Pogroms in der Region nachgezeichnet, und zwar anhand des Weges des vierköpfigen SS-Zerstörungstrupps, der sich am 10. November um 5 Uhr morgens in Kitzingen ”an die Arbeit machte” und nach dem Anzünden der Synagoge in Kitzingen eine Spur der Verwüstung durch den Landkreis zog. In den einzelnen betroffenen Orten (Marktbreit, Mainbernheim, Rödelsee, Großlangheim, Kleinlangheim, Prichsenstadt und Altenschönbach) standen SA-Leute bereit und auch Ortsbewohner waren an der Schändung der Synagogen, der Zerstörung und Verbrennung von deren Einrichtungen und Ritualien sowie der gewalttätigen Ausschreitungen gegen die jüdischen Bürger der einzelnen Gemeinden beteiligt. Die beiden Referenten Werner Steinhauser und Wolf-Dieter Gutsch vom Arbeitskreis Stolpersteine – Erinnern und Gedenken im Verein Alt Prichsenstadt gingen auf die Vorkommnisse in der Stadt Prichsenstadt und in der Gemeinde Altenschönbach ein.

Stellvertretend für die Millionen von Opfern des Nationalsozialismus erfolgte dann ein Totengedenken für die ermordeten 16 jüdischen Bürger von Prichsenstadt und die neun Ermordeten aus Altenschönbach. Jugendliche verlasen die Namen dieser Opfer – unter ihnen Elise Traubel, ein dreijähriges jüdisches Mädchen aus Altenschönbach – wobei sich alle Zuhörer von ihren Plätzen erhoben. Die Gedenkveranstaltung schloss mit dem traditionellen jüdischen Totengebet “Kaddisch”, welches Pfarrer Martin Fromm vortrug.

Mit Stücken aus der synagogalen Musik wurde die Veranstaltung von HemosSaxoBaritöne (Wiesentheid) auf sehr würdige Weise umrahmt. Nach der Veranstaltung bestand für die Gäste noch die Möglichkeit zum Gedankenaustausch und persönlichen Gesprächen bei Wein und Gebäck.