Michael Schneeberger lief nicht durch Kitzingen – er eilte durch die Stadt. Weil der nächste Termin wartete. Oder weil in wenigen Minuten der Zug ging. Im Zweifelsfall zum Forschen nach Würzburg ins Staatsarchiv, wo Schneeberger nach den vielen Jahren fast schon zum Inventar gehörte. Oder er war auf dem Weg zu Menschen, die in irgendeiner Weise einen Bezug zum Judentum hatten. Die bisher unerzählte Geschichten einem Mann anvertrauten, der zuhören konnte. 

Er schaffte es, Menschen zum Reden zu bringen, die lange geschwiegen hatten. "Die Leut'", wie Schneeberger seine Informanten stets bezeichnete, öffneten sich dem Mann, der seine Lebensaufgabe irgendwie immer sichtbar auf seinen Schultern mit sich trug. Eine Aufgabe, die schwer wog und Schneeberger vielleicht deshalb mitunter ein wenig gedrückt erscheinen ließ.

So sehr Schneeberger die Geschichten und Schicksale anderer fand und öffentlich machte, so wenig stellte er seine eigene Person heraus. Sich in den Vordergrund zu stellen – für ihn bis zu seinem Tod undenkbar. Weshalb es manchmal den Anschein hat, dass es den privaten Michael Schneeberger, der am 6. April 1949 als zweites von sieben Kindern geboren wurde, gar nicht gab. 

Hebräisch gelernt

Früh hatte er sich für die jüdische Religion und Kultur interessiert, noch zu Schulzeiten begann er Hebräisch zu lernen. Nach der Kindheit und Jugend in Kitzingen folgten Wanderjahre in Würzburg, München und Berlin, schließlich der Beitritt zum Judentum. Anfang der 1980er Jahre ging er nach Israel, hielt sich dort in den folgenden Jahren oft und lange auf und bereitete seine Konversion vor. 1985 wollte er endgültig auswandern, erkrankte jedoch schwer. Er blieb in Deutschland, konvertierte 1986 in München und gab seine Emigrationspläne auf.

Nachdem sich die Israel-Pläne zerschlagen hatten, war das Suchende in ihm beendet – sein Leben gehörte nun einer anderen Suche: der nach jüdischem Erbe in Franken und Bayern. Den Antrieb für seine jetzt beginnende unermüdliche Arbeit bezeichnete Schneeberger einmal als "Selbstverpflichtung". Von nun an trieb ihn ein großes Ziel: "Die nächsten Generationen müssen wissen, wie es geschehen konnte, dass Menschen zu Menschen zweiter Klasse wurden." In diese Aufgabe warf sich Schneeberger geradezu hinein. In ihr ging er auf, in ihr hatte er sich endlich gefunden. 

Gedenkbuch der Kitzinger Juden

Dabei ging ihm immer nur um die Sache – niemals um sich. Er vertiefte sich in die Arbeit, sie gab ihm den lange vermissten Halt. Ein sehr beachtliches Gedenkbuch der Kitzinger Juden entstand. 1982 war Schneeberger einer der Gründer des Fördervereins Ehemalige Synagoge , der die Alte Synagoge in Kitzingen wiederbelebte.

In mehr als 30-jähriger Forschungsarbeit ging er dem Schicksal Kitzinger Juden nach, die im Holocaust deportiert, ermordet und vernichtet wurden. Er nahm Kontakt mit Emigranten und den Nachkommen auf, pflegte die wertvollen Verbindungen. 

Mit Nachdruck erinnern

Es war eine Arbeit im Stillen, die selten nach außen strahlte. Vielleicht einer der Gründe, warum Schneeberger zu Lebzeiten kaum die gesellschaftliche Anerkennung bekam, die ihm zustand. Nichtsdestotrotz erreichte er sein Ziel: Mit Nachdruck an die Menschen zu erinnern, die einmal in Kitzingen gelebt haben.

Ohne jegliche institutionelle Förderung widmete sich der Sucher der Recherchen zu zahllosen jüdischen Familien. Es gab viel zu erforschen: Das jüdische Leben in Kitzingen war vielfältig.

Erstmals im 13. Jahrhundert dokumentiert, gab es zunächst nur kleinere, teils private Beträume. 1883 wurde die repräsentative Synagoge zwischen Landwehrplatz und Main feierlich eingeweiht. Bis zur Zerstörung in der Pogromnacht 1938 blieb sie das geistliche und kulturelle Zentrum der jüdischen Gemeinde. Die letzten Kitzinger Juden wurden 1942 deportiert. Die Ruine wurde als Lager für Zwangsarbeiter und für profane Gewerbe zweckentfremdet. Nach Sanierung und Umbau eröffnete die Stadt Kitzingen 1993 das Kulturhaus „Alte Synagoge“ unter der Leitung der Volkshochschule.

Gedenktafel in der Synagoge

Dass gerade hier einer seine Finger ganz besonders im Spiel und einen großen Anteil an dieser Entwicklung hatte, zeigt eine Gedenktafel in der Alten Synagoge. Genau dort wird nun auch die Ausstellung "Der Spurenfinder. Michael Schneeberger und das jüdische Erbe in Bayern" gezeigt. Sie findet in Kooperation zwischen dem Johanna-Stahl-Zentrum und dem Förderverein „Ehemalige Synagoge Kitzingen“ statt. Zu sehen war die Ausstellung bereits im vergangenen Jahr in Würzburg –der Forscher hätte 2019 seinen 70. Geburtstag gefeiert.

Michael Schneeberger starb am 13. Oktober 2014 . Beerdigt ist der Heimat- und Familienforscher auf dem jüdischen Friedhof Würzburg.

Ausstellung : "Der Spurenfinder. Michael Schneeberger und das jüdische Erbe in Bayern“. Eröffnung am 6. September um 11 Uhr, dem Europäischen Tag der jüdischen Kultur. Zu sehen bis 27. September in der Alten Synagoge Kitzingen.