Es gibt sie in Ratssitzungen immer mal wieder: Anträge, dessen Auswirkungen sich erst bei mehrmaligem Hinschauen entpuppen. So geschehen in Prichsenstadt, als in der jüngsten Sitzung ein harmlos wirkender Tagesordnungspunkt seine eigene Dynamik entwickelte. Für die Ausbildungsjahre 2021 bis 2024 soll eine Ausbildungsstelle für Verwaltungsfachangestellte neu ins Leben gerufen werden, personell über dem Bedarf der Stadt. Die Kosten für die dreijährige Ausbildung hatte Kämmerer Marco Kölln mit etwa 46 000 Euro beziffert, inklusive des Gehalts und aller Lehrgänge. Außerdem werde der oder die Auszubildende nach der Ausbildung ein Jahr lang in der Verwaltung beschäftigt. Mit 12:5 stimmte der Rat zu – nach einer durchaus denkwürdigen Diskussion.

Die ersten Wortmeldungen bestärkten Bürgermeister René Schlehr noch in seinem Ansinnen, in die eigene Zukunft zu investieren, wie er selbst formuliert hatte. Zudem sich auch in der Verwaltung der Fachkräftemangel mehr und mehr vergrößert, wie reihum festgestellt wurde. Nicht einverstanden zeigte sich Harald Rückert. Es möge jemand von außerhalb eingestellt werden, der schon ausgebildet sei. "Das ist besser, als wenn wir jemandem im eigenen Stall füttern", bemühte er einen nicht gerade gängigen Vergleich. Dieser "jemand von außerhalb", so Schlehr, müsste sich erst in die Verwaltungsstruktur in Prichsenstadt einarbeiten, "jemand aus dem 'eigenen Stall' lernt unsere Strukturen von Grund auf".

Die Folgen des Antrags

Mit seinem Antrag verwirrte Alexander Schöpfel sowohl den Rat als auch den Bürgermeister. Sollte eine Ausbildungsstelle geschaffen werden, "ist eine halbe Stelle in der Verwaltung künftig wegfallend", lautete der Antrag sinngemäß. Es würde in absehbarer Zeit keine Stelle frei werden, entgegnete Schlehr verdutzt. In der Folge der Debatte musste er Schöpfels Antrag mehrmals nachfragen, um sich und dem Rat dessen Tragweite bewusst zu machen. Die halbe Stelle solle in jedem Bereich der Verwaltung wegfallen, wenn jemand ausscheide, so Schöpfel. "Also auch dann, wenn die Geschäftsleiterin oder der Kämmerer geht?", hatte Schlehr ungläubig nachgefragt. Genau das, sagte Schöpfel, sei damit gemeint.

Je deutlicher die Folgen des Antrages wurden, desto mehr Köpfe wurden im Rat geschüttelt. Im Gespräch mit dieser Zeitung brachte der Bürgermeister ein, dass damit wohl auch die Stelle der Putzfrau gemeint sein könnte. "Die besetzt eh nur eine halbe Stelle. Sollen wir dann das Rathaus selber putzen, wenn sie geht?", so seine rhetorische Frage.

In der Sitzung in der Schulturnhalle vor reichlich Publikum empfahl der Bürgermeister dem Rat, den Antrag Schöpfels abzulehnen, "weil das Unsinn ist". Letztlich kam dieser Antrag gar nicht zur Abstimmung. Denn der Antrag der Verwaltung war das, was im Ratsdeutsch als "weitergehend" bezeichnet wird. Das ist normalerweise mit mehr Geldausgaben verbunden und wird deshalb als erstes entschieden. Mit 12:5 stimmte der Rat zu, eine Ausbildungsstelle in der Verwaltung der Stadt Prichsenstadt zu schaffen.