"Es war ein total verrücktes Jahr", lautet das Fazit von Bernd Lussert. Er meint die Zeit, seitdem das Corona-Virus im März die Welt total verändert und auch den Alltag in den Schulen völlig aus den Angeln gehoben hat. Der Rektor der Mittelschule in der Kitzinger Siedlung blickt im Gespräch mit dieser Redaktion auf turbulente Monate zurück und wird dabei sehr nachdenklich.

"Wir wussten anfangs nicht genau, wo es langgehen sollte", sagt der Rektor. Die Lehrer versuchten mittels einer Lehrer-Cloud, sich auf den Stand der Dinge zu bringen. Teilweise trudelten Informationen bei den Lehrern schneller über die Medien ein als durch die Regierung. Während für andere Schulen und Jahrgangsstufen der normale Unterricht nach Weisung aus München eingestellt wurde, musste für die Jahrgangsstufen eins bis sechs eine Notbetreuung organisiert werden.

Ansagen des Ministeriums sorgen für Kopfschütteln

Teilweise warteten die Verantwortlichen an der Basis auf Weisungen aus dem Kultusministerium, "aber bisweilen kamen auch manche Mitteilungen von fünf Stellen gleichzeitig", skizziert Lussert kuriose Situationen. "Mehr als eine drei bis vier kann ich als Schulnote für den Kommunikationsfluss von der staatlichen Ebene nicht vergeben", bekennt Lussert auf Nachfrage. Diverse Verfügungen von Kultusminister Michael Piazolo, wie die Absage des Distanzunterrichts und zuletzt das Vorhaben des Distanzlernens, sorgen an der Basis für Unverständnis und verursachen nicht nur bei Bernd Lussert Kopfschütteln.

"Du musst alle Mails lesen, um nichts zu verpassen, auch wenn es manchmal vergebene Zeit war", konstatiert der Pädagoge in Leitungsfunktion. Er machte zusammen mit seinem Lehrer-Kollegium aus der Not eine Tugend und sie behalfen sich mit Clouds, oder Besprechungen über private Kanäle. Sie eigneten sich selbst oder gegenseitig Fähigkeiten aus der digitalen Welt an. Denn weder war bislang die Zeit dafür da oder gab es für das Personal entsprechend ausreichende Fortbildungsangebote. "Die digitale Ausbildung für Lehrkräfte ist eine Schmalspur-Angelegenheit", moniert der Schulleiter.

Lehrer betraten Neuland und die Technik kapitulierte

Das Kollegium musste plötzlich im Homeschooling Wissen digital vermitteln und sie wurden gefordert, wenn sie oftmals E-Mails, Anrufe oder Whatsapp-Nachrichten nach Feierabend auf private Adressen erhielten. Es habe sich eine große Verunsicherung eingestellt und zudem hätten oftmals die Software oder ministerielle Plattformen kapituliert. Aber auch an der Hardware mangele es noch. Er präsentiert im Gespräch eine digitale Tafel – "aber dazu fehlt der Laptop", zeigt der Rektor offensichtliche Defizite auf.

"Der Distanzunterricht bildete eine völlig neue Welt", sagt der Rektor. Er sieht aber auch Positives in der Corona-Zeit, hätten doch Lehrer und Schulleitung ihren Horizont erweitern müssen mit digitalen Lernformen und neuer Technik. "Wir können froh sein, eine Ganztagsschule zu sein", erklärt der Rektor, denn dadurch erhalte seine Schule mehr Lehrerstunden zugewiesen. Die Ganztagsschule biete zehn Wochen pro Schuljahr an pädagogischen Freiräumen und dadurch mehr Flexibilität. "Es war schade, denn alles, was schön war, ist weggefallen. Ob Ausflüge, Projekte, Sportunterricht, Berufsorientierung oder Bundesjugendspiel, nichts konnte stattfinden", resümiert Lussert.

Persönliche Begegnung mit Kollegen und Schülern fehlt

Zumindest laste derzeit der Leistungsdruck nicht so auf den Schülern, da in den Corona-Zeiten ohne Präsenzunterricht nicht die gewohnten Lernzielkontrollen und Schulaufgaben gefordert waren. Auch wird der Umfang der Abschlussprüfungen reduziert, was den Schülern den Druck nimmt. Nicht nur Lussert vermisste nach dem Beginn des ersten Lockdowns die persönliche Beziehung zu den Kollegen und Schülern, denn für ihn ist Erziehungsarbeit an seiner Mittelschule noch wichtiger als die reine Wissensvermittlung.

Er bedauert, dass die Lehrer manchem Kind nicht zur Seite stehen konnten, weil sie wegen der Maskenpflicht nicht wahrnehmen konnten, wenn Schüler traurig waren. In dieser Hinsicht weiß er das Wirken der Schulsozialarbeiterin, Katharina Klatte, zu würdigen, die vielen Schülern in prekären Zeiten half.