Vermutlich wüsste man nichts von der Lebensleistung eines Sprachforschers aus Sommerach hätte nicht eine Wissenschaftlerin ihre Doktorarbeit aus Zagreb (Kroatien) in den Winzerort geschickt. Sie ist zwar in Kroatisch geschrieben, doch eine englische Zusammenfassung lässt aufhorchen: Was da Jahrhunderte lang im Verborgenen schlummerte, entpuppt sich als Schatz der türkischen Sprache.

Wörterbuch war bis dato unbekannt

„Ausgehoben“ hat ihn die Turkologin Marta Andriæ beim Durchforsten des Nachlasses des ehemaligen Pfarrers Georg Adam Büttner in der ostkroatischen Bischofstadt Djakovo. Sie stieß auf ein handgeschriebenes, bis dato unbekanntes deutsch-türkisches Wörterbuch. Es stellte sich als so bedeutsam heraus, dass darüber ihre Dissertation entstand und das Wörterbuch gleich mit abgedruckt wurde.

Der Verfasser der Wörtersammlung, Georg Adam Büttner, wurde 1714 in Sommerach als Sohn eines Küfers geboren. 1733 trat er ins Priesterseminar von Würzburg ein, fünf Jahre später erhielt er die Priesterweihe. Nach ersten Seelsorgestellen in Frankenwinheim, Ebenhausen und als Hauskaplan des Freiherrn von Rotenhan trat er 1743 die Aufgabe seines Lebens an: Der Würzburger Bischof Friedrich Karl von Schönborn sandte ihn nach Zemun, das früher Semlin hieß (heute ein Stadtbezirk von Belgrad).

Büttner war ein Sprachtalent

Wegen seines Sprachtalents war Büttner der richtige Mann. Er sprach Latein, Italienisch und Französisch. Türkisch kam für den Sprachbegabten wohl zwangsläufig hinzu. Wahrscheinlich, vermutet Marta Andriæ, kam er mit geringen türkischen Sprachkenntnissen nach Zemun. Mit Hilfe von Büchern und durch Zuhören konnte er ein Wörterbuch zusammenstellen – auf hohem Niveau. 1748 wurde Büttner zum Generalvikar seiner Diözese Sirmium ernannt – obwohl der gebürtige Sommeracher lieber einfacher Pfarrer geblieben wäre.

Zemun war damals multikulti

Zemun, heute Stadtteil des serbischen Belgrad und in der NS-Zeit ein berüchtigtes Judenlager, war damals multikulti. Seit 1739 galt es aufgrund seiner Lage unmittelbar gegenüber Belgrad als wichtige Grenzfestung zwischen dem Osmanischen Reich und dem größtenteils christlich geprägten Habsburger Kaiserreich auf dem Balkan. Neben Türken und deutschsprachigen Bewohnern lebten dort Serben, Bosnier, Mazedonier und Armenier. In der Grenzstadt tummelten sich auch Schmuggler, Diebe, Sklavenhändler und soziale Außenseiter. „Das gesamte Milieu war nicht angenehm und leicht, doch es war anregend für den polyglotten Büttner“, schreibt Marta Andriæ. Es kam vor allem seinem Interesse an Sprachen entgegen.

3700 handschriftliche Einträge

Zwischen Donau und Save entstand neben der Seelsorgearbeit sein 125-seitiges „Türkisches Wörter-Buch oder Dictionarium seu Vocabularium“. Es enthält 3700 handschriftliche Einträge: in alphabetischer Ordnung beginnend mit „Aal“ und endend mit „Zwibel, kleine“. Die türkischen Ausdrücke sind in lateinischen Buchstaben, die erst seit 1928 offiziell benutzt werden, wiedergegeben und nicht in den damals üblichen arabischen Schriftzeichen.

Büttner konnte sich an deutsch-türkischen Nachschlagewerken orientieren, die es im 18. Jahrhundert in Westeuropa schon gab. Doch etwas Vergleichbares zu seinem Wörterbuch existierte nicht. „Büttners Wörterbuch ist einzigartig für Kroatien“, stellt Marta Andriæ fest.

Geschrieben wie gesprochen

Er schrieb die türkischen Worte so auf, wie sie in Zemun ausgesprochen wurden, vermischt auch mit dem Istanbuler Dialekt. Die übersetzten Wörter waren eine Hilfe im gesellschaftlichen Miteinander und für die seelsorgerischen Aufgaben. Insgesamt „gewinnt man aus seinem handschriftlichen Nachlass den Eindruck, dass er von einem disziplinierten, talentierten und begeisterten Sprachforscher, der mehrere Sprachen beherrschte, verfasst wurde“, glaubt die Autorin.

Wenig Persönliches ist über den fleißigen Geistlichen überliefert, der es ablehnte, Bischof zu werden. Er war nicht frei von zeitbedingten Vorurteilen, etwa wenn er ins Türkische übersetzt: „Francken seyen bei weytem gescheiter alß die Türcken.

“ Doch respektierte er auch die Gefühle anderer Bewohner durch Zurückhaltung bei kirchlichen Handlungen in der Öffentlichkeit.

Seinen Schwestern hinterließ er nichts außer den Aufzeichnungen

Ein Nachruf aus Zemun beschreibt den Generalvikar Georg Adam Büttner als anspruchslos und großherzig den Ärmsten gegenüber. Bei seinem Tod 1779 lebten noch seine beiden unverheirateten Schwestern, die bei ihm wohnten. Er hat ihnen nichts hinterlassen – außer seine handschriftlichen Zusammenfassungen.

Marta Andriæs Veröffentlichung: „Rukopisna ostavština na turksom jeziku sveæenika Gjure Adama Büttnera“ auf deutsch: Der handschriftliche Nachlass in türkischer Sprache des Priesters Georg Adam Büttner, Zagreb 2015; 366 Seiten mit Abbildungsteil.

Die Grenzstadt Zemun

Im Mittelalter war Zemun, zwischen Save und Donau gelegen, eine eigenständige Stadt an der Südgrenze des Königreiches Ungarn. Sie wurde aber an Bedeutung stets von Belgrad übertroffen. Dies war auch während der Zugehörigkeit zum Osmanischen Reich von 1541 bis 1718 so. Ab 1739 war Zemun Grenzort und Zollstation zwischen der Habsburger Donaumonarchie und dem Osmanischen Reich. Nach Auflösung der Militärgrenze gehörte Zemun zur Gespannschaft Syrmien des Königreichs Kroatien und Salwonien. Durch einen Vorstoß österreichisch-ungarischer Truppen in Richtung Belgrad am 28. Juli 1914 erfolgte der erste Angriff des Ersten Weltkriegs. Ab 1918 gehörte die Stadt zum Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen, das sich ab 1929 Königreich Jugoslawien nannte. Im Zweiten Weltkrieg wurde es von den Deutschen okkupiert. Zu dieser Zeit befand sich auf dem Gebiet des jetzigen Messegeländes das berüchtigte KZ Sajmište. Seit 1945 ist Zemun als Stadtbezirk Teil der serbischen Hauptstadt Belgrad. EH