Man kennt sie ja, diese schlecht gemachten Gerichtssendungen im Fernsehen, mit miesen Drehbüchern und respektlosen "Angeklagten" ohne Benehmen, die man in jede beliebige Klischee-Schublade stecken kann. Das ist weit weg, TV eben. Plötzlich spielt so ein Fall aber in der Realität, genauer gesagt im Amtsgericht Kitzingen - und landete auf dem Schreibtisch von Richter Marc Betz. In der Hauptrolle: Ein 55-jähriger Mann und sein Mofa.
Staatsanwalt, Pflichtverteidiger und Richter steht die Fassungslosigkeit ins Gesicht geschrieben, mit welcher Teilnahmslosigkeit und welchem Desinteresse der Angeklagte dem Verfahren beiwohnt. "So ein Verhalten ist wirklich ganz selten", sagte Richter Marc Betz.

Dabei geht es für den 55-Jährigen um eine Menge, beeindruckt wirkt er von der in Aussicht gestellten Freiheitsstrafe aber nicht. Angaben zur Sache? Nein, macht er nicht. "Wenn Sie das sagen, wird's schon stimmen. Ich mach' mich da nicht verrückt", sagte der Mann nach Verlesung der Anklageschrift.

Unter offener Bewährung


Diese hatte es aber in sich: Der 55-Jährige wurde am 15. April diesen Jahres betrunken auf dem Mofa von einer Polizeistreife gestoppt. Die durchgeführte Blutentnahme ergab einen Wert von 1,4 Promille. Das Pikante daran: Nur wenige Tage zuvor ist der Mann wegen Fahrens ohne Fahrerlaubnis zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden, rechtskräftig wurde der Richterspruch am 11. April, also nur vier Tage vor der Trunkenheitsfahrt auf dem Mofa. Er stand also unter offener Bewährung.

"Diese extreme Dreistigkeit und die massive Rückfallgeschwindigkeit sind mir auch noch nicht untergekommen. Die Bewährungsstrafe hat Sie ja überhaupt nicht gejuckt", sagte der Staatsanwalt kopfschüttelnd. Außerdem lautete eine der Auflagen, 120 Sozialstunden abzuleisten. Nach etwa der Hälfte brach der Mann aber den Kontakt ab, reagierte nicht auf Schreiben und erschien nicht zu Terminen. So kam, was kommen musste: Die Staatsanwaltschaft beantragte den Widerruf der Bewährung - was den aktuellen Prozess zur Folge hatte.

Dass der Angeklagte überhaupt zu der Verhandlung gekommen ist, war eine kleine Überraschung. Die Prozessbeteiligten rechneten schon nicht mehr mit seinem Kommen. Kontakt zu seinem Verteidiger hatte er im Vorfeld auch nicht aufgenommen. Dann nahm er doch auf der Anklagebank Platz, wortlos, aber auf die Sekunde genau. Als Richter Marc Betz den Angeklagten unmittelbar vor der Verhandlung erstmals mit seinem Anwalt ("Dies ist Ihr Pflichtverteidiger") bekannt machte, herrschte kurzzeitig Verwirrung. "Nö? Haben Sie Nö gesagt?", fragte Betz irritiert nach. "Schö' hab' ich gesagt", so die lustlose Antwort des Angeklagten.

Höhe der Schulden ist unbekannt


In dieser Schnoddrigkeit setzte sich das gesamte Verfahren fort, auch bei der Frage nach möglichen Schulden machte der Mann den Eindruck, als gehe ihn das alles nichts an. "78 000 Mark, das war mal die Grundforderung. Jetzt sind es 106 000 Euro, oder vielleicht auch 120 000 Euro. Keine Ahnung, das interessiert mich nicht."

Selbst der Pflichtverteidiger glaubte am Ende der Verhandlung nicht mehr daran, dass sein Mandant erneut mit einem blauen Auge davonkommen könnte. "Wie soll man den Angeklagten bestrafen? Es ist schwer, ein konkretes Strafmaß zu fordern - ihm ist ja alles egal", sagte der Anwalt. Deutlicher wurde dagegen der Vertreter der Staatsanwaltschaft, der eine Freiheitsstrafe von acht Monaten forderte - ohne Bewährung: "Eine Freiheitsstrafe ist unumgänglich. Keinem Menschen könnte man in diesem Fall eine Bewährungsstrafe erklären."

Auch Richter Marc Betz ließ früh durchblicken, was den Angeklagten erwarte - trotzdem hat sich dieser keinen Zentimeter auf das Gericht zubewegt. "Es sieht zappenduster aus. Nichts spricht zu Ihren Gunsten, außer vielleicht, dass es sich nur um ein Mofa handelte, die Maximalgeschwindigkeit also relativ gering war", sagte Betz. Das sei aber das Einzige, was als positiv ausgelegt werden könnte. Dementsprechend gestaltete sich auch das Urteil: Sechs Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung, dazu eine 18-monatige Führerscheinsperre.

Auch das nahm der Mann lustlos hin, wünschte der Runde aber noch einen schönen Tag und war Sekunden nach dem Urteilsspruch verschwunden.