Für die SPD kam es nicht nur vergangenen Wahlsonntag ziemlich dicke – auch die Berichterstattung danach war überwiegend vernichtend: Von „Verzwergung“ war da die Rede, von der „geschrumpften Volkspartei“. Zwei kaum für möglich gehaltene Wahlschlappen empfanden nicht wenige als Desaster. Die SPD als Scherbenhaufen. Eine gebeutelte Partei. Einig waren sich die Kommentare auch, dass Siegmar Gabriel nur deshalb ein Rücktritt erspart blieb, weil Malu Dreyer in Rheinland-Pfalz den Sieg davontragen konnte.

Viel tiefer kann eine Volkspartei kaum sinken. Oder doch? Bundesweit geht es auf die 20 Prozent zu, in manchen Bundesländern auf zehn Prozent. Aus der einst zweitstärksten Kraft ist mancherorts die Nummer vier geworden. Abgerutscht, das Nichts vor Augen. Ratlosigkeit macht sich breit. Warum ist das so? Was sagen die Verantwortlichen im Landkreis? Erklärungsversuche.

Fangen wir mit Zahlen an. Die bekommt man bei der SPD-Kreisverbandsgeschäftsstelle in Schweinfurt. Isabella Walter, Bezirksgeschäftsführerin, hat nachgezählt. Im Landkreis Kitzingen gibt es 22 Ortsvereine. Die Mitgliederzahl liegt bei 373. Das war mal deutlich anders: Für das Jahr 2000 weist die Statistik 642 SPD-Mitglieder aus, für 2006 noch 500. Dazwischen lag eine größere Austrittswelle nach Schröders Agenda, Hartz IV hatte die Partei vor eine Zerreißprobe gestellt.

Der schleichende Rückgang der vergangenen Jahre hat schlichtweg andere Gründe: Überalterung. Weniger nett ausgedrückt: Die Mitglieder sterben langsam weg. Im Gegenzug, sagt Isabella Walter, fehle es an Jüngeren. Was sicherlich kein reines SPD-Problem ist, aber dennoch ratlos macht.

Diese Ratlosigkeit versucht SPD-Kreischef Heinz Galuschka möglichst nicht aufkommen zu lassen. Er sehe, sagt der Marktbreiter fast schon ein klein wenig trotzig, „keinen Niedergang der Sozialdemokratie“. Er verweist darauf, dass „die großen Reformen in der Koalition von der SPD“ stammen würden. Galuschka, seit 1980 in der SPD und seit acht Jahren Kreisvorsitzender, sieht die schlechten Zahlen lediglich als „Momentaufnahme“.

Bei zwei Dingen ist er sich sicher: Zum einen sei die SPD im Kreis „gut aufgestellt“. Und, auch hier kommt ein wenig Trotz und vielleicht auch Selbstmutmachen durch: „Die SPD wird gebraucht!“

Galuschkas Vorgänger heißt Robert Finster. Der ehemalige SPD-Kreischef führt die neunköpfige Kreistagsfraktion an. In die SPD trat er 1969 als glühender Anhänger von Willy Brandt ein. Seit fast 35 Jahren macht der ehemalige Polizeihauptkommissar inzwischen Kreispolitik. Mit seiner „Bestürzung“ hält er nicht hinterm Berg: „Es tut weh“, sagt er etwa mit Blick auf die Halbierung der Stimmen in Baden-Würtenberg. Der Wahl-Frust sitzt tief.

Die SPD sieht Finster in einer „unheimlich schwierigen Lage“, es gebe ein „strategisches Dilemma“. Die bedingungslose Unterstützung von Merkel hält er für falsch, Siegmar Gabriel sei an dieser Stelle zu loyal. Zwar habe er „keine Angst um die SPD“.

Der Blick auf die AfD zeige ihm aber, dass „man um Demokratie jeden Tag kämpfen muss“. Im Landkreis werde dieser Kampf auch in Zukunft geführt: „Wir haben gute Perspektiven für einen Generationswechsel“, betont Finster.

Bernd Moser, von 1997 bis 2008 SPD-Oberbürgermeister in Kitzingen, redet Klartext. Er spricht vom „Versagen der etablierten Parteien“ und dass sich „führende Politiker sehr weit von den Menschen entfernt“ hätten. Man solle „offen sagen, welche Probleme wir haben“, so der 71-Jährige. Hier sei „eigentlich die SPD gefordert“.

Warum im Moment „übelster Populismus“ der AfD zum Erfolg führe, kann er sich nur so erklären: Die handelnden Personen sind zu schwach. „Es fehlen Menschen mit Visionen“, wie sie einst Willy Brandt und Helmut Schmidt hatten. Ein „dringender Wandel“ müsse her. Gerade mit Blick auf Klimaveränderungen und noch größere Flüchtlingsbewegungen gelte es „mit Ausdauer dicke Bretter zu bohren“.

„Kein Niedergang der Sozialdemokratie.“
Kreisvorsitzender Heinz Galuschka über die aktuellen SPD-Probleme

Redet man mit Kitzingens SPD-Ortsvorsitzender Manfred Paul über die Lage, fallen immer wieder zwei Worte: „Klare Linie!“ Die fehlt dem 58-Jährigen auf Bundesebene hinten und vorne. Der „vielstimmige Chor“ sei für die Wähler verwirrend. „Wir haben ein Kommunikationsproblem“. Außerdem besitze seine Partei scheinbar die seltsame Gabe, „die eigenen Erfolge klein zu reden“.

Hier zeigten sich durchaus Parallelen zur Kitzinger SPD. Die inhaltliche Arbeit der verbliebenen vier SPD-Stadträte „im Hintergrund“ stimme – sie müsse nur eben besser verkauft werden, so Paul. Er verhehlt dabei nicht, dass die SPD in Kitzingen seit Jahren „kontinuierlich an Boden verloren“ habe – was durchaus als weitere Parallele zu Berlin angesehen werden kann.