Die Begeisterung steht den Schülern des Steigerwald-Landschulheim-Gymnasiums Wiesentheid immer noch ins Gesicht geschrieben. Vor knapp zwei Wochen sind sie von einem Schüleraustausch mit ihrer ukrainischen Partnerschule in Nowograd-Wolhynsk zurückgekehrt. Die Stadt befindet sich im Westen der Ukraine, gut 600 Kilometer entfernt vom umkämpften Osten des Landes. „Manche Eltern hatten da schon Bedenken“, sagt Martina Schenk, die als Lehrerin den Schüleraustausch begleitet hat.

Trotzdem machten sich Anfang April acht Schüler auf, die 1500 Kilometer entfernte Partnerschule in der Ukraine zu besuchen, drei davon kommen von der Partnerschule im tschechischen Liberec und verbringen selbst gerade ein Gastschuljahr am Gymnasium in Wiesentheid. 23 Stunden benötigten sie für die Fahrt mit dem Bus nach Nowograd-Wolhynsk.

„Das Leben dort war eigentlich ganz normal“, erzählt der 16-jährige Tobias Rückel, „aber es wurde schon über die Kämpfe geredet.“ Er und seine Mitschüler verbrachten die neun Tage in der Ukraine bei Gastfamilien.

Was sie alle besonders faszinierte, war die Gastfreundschaft, die ihnen entgegen gebracht wurde. „Selbst auf der Straße wurden wir den Leuten vorgestellt und alle waren total nett und freundlich zu uns“, sagt Jonas Schellhorn. Die Gasteltern riefen sie auch unterwegs an und fragten, ob alles in Ordnung sei und sie Hunger hätten, erinnert sich der 16-Jährige. Das Essen in der Ukraine ist anders als daheim in Unterfranken – vier warme Mahlzeiten am Tag mit viel in Teig Gebackenem und Schmand. „Aber es war klasse!“, sagt Jonas.

„Es wurde schon über die Kämpfe geredet.“
Tobias Rückel, Schüler

Die kulturellen Unterschiede durften die Wiesentheider Schüler auch bei der Feier des Osterfestes erleben. Ob beim Bemalen der Ostereier, die viel liebevoller verziert werden als in Deutschland – oder beim ukrainisch-orthodoxen Ostergottesdienst, der viele Stunden lang dauerte und in der typisch prunkvollen orthodoxen Kirche gefeiert wurde.

Schön, aber als etwas befremdlich, empfanden die unterfränkischen Schüler die Begrüßung an der Schule in Nowograd-Wolhynsk. Sie wurden mit einem Festakt empfangen, Schüler standen Spalier mit Fahnen und es wurde für sie getanzt – alles nur für die deutschen Gäste. „Das hatte fast schon was militärisches“, sagt Constantin Appold, „aber wir haben uns sehr über den Empfang gefreut.“

Wie arm das Land doch teilweise ist, merkten die Schüler beim Besuch der örtlichen Berufsfeuerwehr. „Wir sind selbst bei der Feuerwehrjugend, so was gibt es bei uns nicht“, sagt Tobias betroffen. Uralte Feuerwehrautos, keine moderne Arbeitskleidung und der Kommandant verdient umgerechnet 50 Dollar im Monat. Die unterfränkischen Jungfeuerwehrleute waren geschockt und nachdenklich.

Nachdenklich hinterließ sie auch der Besuch in der Hauptstadt Kiew. Neben kulturellen Sehenswürdigkeiten besichtigten die Wiesentheider auch den Majdan mit den Gedenkstätten. Auf diesem Platz kamen vor gut einem Jahr bei Unruhen etwa 70 Menschen ums Leben. Also kein Blick in eine lang vergangene Geschichte, sondern auf ein gerade erst geschehenes Ereignis – ein bedrückendes Erlebnis für die Schüler. „Neben dem Stadion von Dynamo Kiew sind noch Reste der Barrikaden zu sehen“, erzählt Constantin.

Die Opfer des Euromajdan würden auch in Nowograd-Wolhynsk wie Helden verehrt, sagt er. Die blutige Gegenwart und jüngste Vergangenheit bestimmen zwar nicht das Leben in der 56 000-Einwohner-Stadt, doch sind die Kämpfe immer wieder Thema. Bei einem Treffen mit Einwohnern, die an den Kämpfen im Osten teilgenommen hatten, erfuhren die Schüler, dass dabei etwa 50 Bürger gestorben sind.

Das alles hat den jungen Unterfranken aber nicht die Freude am Besuch in der Ukraine genommen, im Gegenteil. „Ich will im Sommer wieder in die Ukraine reisen“, sagt Constantin. Und die 14-jährige Agatha Heinold – selbst Halb-Ukrainerin – ist begeistert von dem kulturellen Austausch zwischen den Ländern: „Ein Schüleraustausch ist etwas, was man erlebt haben muss.“