Direkt nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine hat das evangelische Gemeindezentrum in Wiesentheid mit Pfarrer Martin Fromm an der Spitze Deutschkurse für Ukrainerinnen ins Leben  gerufen, die aus ihrer Heimat geflüchtet sind. Dabei kooperiert die Kirchengemeinde mit zwei ehemaligen Lehrern des Steigerwald-Landschulheims Wiesentheid und dem ehemaligen Rektor der Volksschule Wiesentheid Heinz Dürner. Um den Geflüchteten schnellstmöglich Hilfe anzubieten und alle Modalitäten klären zu können, trafen sie sich anfangs im "Kuhstall" von Familie Liebald in Wiesentheid.

Das Steigerwald-Landschulheim Wiesentheid hat eine Partnerschule in Nowograd-Wolynsk in der Westukraine. Bis zum Ausbruch des Krieges gehörte die Stadt mit ihren 56.000 Einwohnern zu den größeren Wirtschaftsstandorten der Region. Ein Bus mit 34 Müttern und 57 Kindern kam über diese Partnerschule nach Wiesentheid.

Die Geflüchteten werden in drei Kursen unterrichtet

Seit Mitte März bekommen sie immer mittwochs zwei Stunden Deutschunterricht im Gemeindezentrum Wiesentheid. Außerdem gibt es dank dem hohen Engagement von Rudolf Baumgarten, einem pensionierten Studiendirektor des örtlichen Gymnasium, einen Intensivkurs. So konnte der Unterricht in drei Gruppen differenziert werden: in Anfänger, die noch nie zuvor Deutsch und Englisch gelernt haben, eine Mittelgruppe, die in der Schule Englisch hatte, und Fortgeschrittene, die sowohl Kenntnisse in Englisch als auch in Deutsch haben.

Für berufstätige Ukrainerinnen hält den Unterricht Birgitt Löser, Grundschullehrerin mit der Zusatzqualifikation "Deutsch als Zweitsprache". Insgesamt schwankt die Zahl der Teilnehmenden, auch wegen Corona oder wegen Heimatbesuchen in der Ukraine. In normaler Besetzung umfasst die Gruppe zwischen 20 und 24 Frauen und Männer.

Es gibt zu wenige Dozenten, deshalb helfen sie hier gerne

Zum Lehrerteam gehören nicht nur Rudolf Baumgarten und Birgitt Löser, sondern auch Heinz Dürner, ehemaliger Rektor der Volksschule Wiesentheid, und Ulrich Wantzen, der früher Fremdsprachen am Wiesentheider Gymnasium unterrichtete. Die Verantwortlichen wissen noch nicht genau, wie lange sie diese Kurse fortführen werden. Sie wissen aber, dass es zu wenige Dozenten für Integrationskurse vom Jobcenter gibt. Deshalb hilft das Gemeindezentrum ehrenamtlich aus.

Lebendig, enthusiastisch und mit viel Engagement vermitteln die Lehrer verschiedene Inhalte. Es geht nicht nur um deutsche  Grammatik und Satzbau oder um Medienkompetenzen, sondern auch ums Einkaufen im Supermarkt, um soziale Kontakte knüpfen, um Verkehrsschilder und das Ankommen in einem fremden Land. Um Dinge also, die in keinem klassischen Lehrbuch für Migrantinnen stehen.

Darüber hinaus helfen die Lehrkräfte dabei, Formulare für das Jobcenter auszufüllen, Informationen zu bestimmten Fristen zu geben und schulpflichtige oder nicht-schulpflichtige Kinder bestmöglich unterzubringen. So gibt es während der Deutschstunde eine Kinderbetreuung, die von der Vertrauensfrau des Kirchenvorstands, Marlene Fechner, organisiert wird. Fünf bis sechs Kinder werden hier ehrenamtlich betreut.

Eine App hilft allen Beteiligten, Sprachbarrieren zu überwinden

Sprachbarrieren versucht man, mithilfe einer Übersetzer-App zu überwinden. Dabei wird erst alles in Deutsch eingesprochen und dann auf Ukrainisch übersetzt. Über einen Lautsprecher können die Worte von allen Teilnehmerinnen empfangen werden. Manchmal werden Unklarheiten auch direkt besprochen. Das Unterrichtsklima bewerten die Teilnehmerinnen als sehr positiv, die Stimmung ist gut, es wird gelacht. Trotzdem sind alle mit Blick auf Corona vorsichtig, tragen Maske, wenn der Abstand mal nicht eingehalten werden kann. Außerdem findet der Kurs nach Möglichkeit draußen statt. Für die Geflüchteten sind es oft die ersten Schritte in einem neuen Leben, das sie sich nicht ausgesucht haben. 

Nachgefragt bei drei geflüchteten Frauen

Natalija Ivasechko (40): Am 20. März kam ich mit meinen drei Kindern Kristina (15), Maolina (4) und Stas (12) mit dem Bus aus der Region Kiew nach Wiesentheid. Ich war sehr traurig und hatte Angst, meine Heimat zu verlassen. Noch dazu musste ich meine drei Berufe hinter mir lassen: Lehrerin, Kindergärtnerin und Buchhalterin. Glücklich bin ich aber nun, hier sein und am Deutschkurs teilnehmen zu dürfen. Hier sind alle wirklich sehr nett und verständnisvoll.
Olena Charinska (33): Ich fuhr am 9. März mit meinen zwei Kindern Anastasia (14) und Ivan (6) mit dem Bus von Nowograd-Wolynsk nach Wiesentheid. Es waren insgesamt zwei Busse mit 90 Menschen, nur Frauen und Kinder. In der Ukraine war ich Anwältin und Lehrerin für angehende Anwälte. Der Deutschunterricht macht mir sehr viel Spaß, und ich kann viel lernen. Es sind gute Lehrer hier. It’s very, very, very nice! Aber wir leben immer noch sehr in Angst und sind wegen der Sicherheit nach Deutschland gekommen.
Antonia Kalinichenko (34): Ich bin mit meinen drei Kindern Anastasija (4), Elina (3) und Yegor (1) aus der Region Kiew geflüchtet, und wir kamen mit dem Bus hierher. Vorher war ich Chemikerin. Ich bin sehr traurig und lebe in Angst wegen des Krieges. Von dem Deutschkurs kann ich viel lernen.
Quelle: eigene Recherchen