„Wir sind keine Leute für die Zeitung. Unsere Kunden sind informiert, dass wir schließen, und sonst braucht das niemand zu wissen“ wehrt Anni Neeser ab. Am liebsten würden sie und ihr Mann Wolfgang an Silvester um 13 Uhr einfach die Metzgerei zusperren, in Ruhestand gehen – nur ja kein Wort zuviel.

Doch so einfach ist das nicht, nach 111 Jahren, wie auf drei weißen DIN-A4-Blättern im Laden zu lesen ist, mit dem sich die beiden bei den Kunden für die Treue bedanken. „Es ist jetzt Zeit“, sagt Wolfgang Neeser, der wie so oft mit einem frischen Stück Fleisch in den Verkaufsraum kommt, es in die Kühlung hängt. Vor zwei Jahren hatte er einen Schlaganfall, „die Arbeit ist zu schwer“.

Über seinen Opa etwas erzählen, der 1903 das Haus in der Rosenstraße gekauft, die Metzgerei eröffnet hat – da zuckt der Mann mit den Schultern. „Als ich auf die Welt kam, war Opa schon zwölf Jahre tot“. Und eigentlich war ein Anderer dazu ausersehen, die Metzgerei zu übernehmen. „Aber mein Onkel ist im Krieg gefallen. Damit es weitergehen konnte, kam mein Vater nach Kitzingen“.

1974 sind Wolfgang und Anni in den Betrieb eingestiegen, den sie seit 1988 führen. Gleich geblieben über all die Jahre ist das Ambiente mit der verglasten Theke, den Regalbrettern links und rechts für Zusatzprodukte, die Fleischerhaken an Wand und Decke. Und, das Markanteste, die Wandfliesen: Weiß, mit Ornamenten und dunkelbraunen Quadraten an jeder Ecke. „In den 1970er und 1980er Jahren war grünlich in Mode. Wir überlegten, umzubauen, haben aber alles beim Alten belassen. Und jetzt sind wir wieder auf der Höhe der Zeit,“ findet Wolfgang Neeser.

Den Kunden jedenfalls ist das kleine Geschäft vertraut, sie schätzen Ambiente, Qualität und Preise. Das Leberkäsbrötchen für einen Euro ist der Renner – war, muss man ab Neujahr sagen. „Man kennt die Leute, teilt Freud und Leid mit ihnen“, sagt Anni Neeser und fügt nachdenklich an: „Die Stammkunden werden weniger, ja – sie sterben langsam aus.“

Die Geschäfte laufen schlechter als in den Hoch-Zeiten vor 30, 40 Jahren. Das Einkaufsverhalten der jungen Leute habe sich total geändert, weil sie jeden Abend bis 20 Uhr einkaufen können, die großen Supermärkte fast alle Metzgereien haben. „Früh um sieben wie früher kommt so gut wie niemand mehr“, sagt Wolfgang Neeser. Hinzu komme, dass die Leute mit dem Auto vor die Türe fahren wollen. „Ich verstehe das, aber das können wir nicht bieten. Und wenn doch jemand hier vorfährt, muss er mit einem Strafzettel rechnen,“ bedauert Anni Neeser.

Die Kitzinger Innenstadt werde weiter ausbluten, der Leerstand zunehmen, befürchtet sie. Auch in der Rosenstraße wird kein neuer Mieter einziehen. „Wir wohnen ja hier, das passt nicht zusammen. Wir räumen auf, und das wars dann,“ so Anni Neeser. Sehr gefreut hat sie sich über eine frühere Stammkundin, die extra vorbeigekommen ist, um sich zu verabschieden. „Sie kann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr selber einkaufen. Aber das wollte sie sich keinesfalls nehmen lassen.“