Um 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Nishanti und Werner Müller stehen auf. Ihr Tagesbeginn in Markt Einers heim ist geprägt von den Vorbereitungen für den Schulbesuch der beiden Mädchen Madu und Samanthi. Sie gehen ins Egbert-Gymnasium in Münsterschwarzach. 17 Kilometer entfernt.
"Während der Schulzeit stehe ich jeden Morgen um 5.30 Uhr auf", berichtet die Mutter und hat in der Küche schon am frühen Morgen alle Hände voll zu tun. Zwar stehen Madu (17 Jahre) und ihre kleine Schwester Samanthi (11) alleine auf. "Aber im Winter kann das schon einmal schwer fallen", weiß die Mutter.
Die beiden Schülerinnen sind längst groß genug, um sich selbst fertig zu machen. Sie bereiten sich auch ihr Frühstück selbst zu. Abwechselnd gibt es ein leckeres Müsli oder ein Brot mit Kakao oder Tee. Gleichzeitig wird das Pausenbrot fertig gemacht. Wird es zeitlich knapp, übernimmt das auch die Mutter.
Sie mischt sich ansonsten nicht ein, lässt ihre Mädchen gewähren.
Kurz nach 6.30 Uhr schaut Vater Werner erstmals auf die Uhr und erinnert, dass in fünf Minuten der Bus geht. Und damit ist nicht der Schulbus gemeint. Zunächst einmal geht es in den Familienbus. Werner Müllers Tageslauf beginnt nämlich mit einer kurzen Fahrt vom Wohnort Markt Einersheim zur Bushaltestelle in der Bahnhofstraße in Iphofen. Hier rollt Minuten später der richtige Schulbus an - und der wartet nicht.
Für die beiden Mädchen ist eines ganz wichtig: Bei Regenwetter sollte der Bus pünktlich erscheinen, denn eine Unterstellmöglichkeit gibt es für die Schüler nicht.
Madu hat sich an den allmorgendlichen Ablauf nach sechs Jahren längst gewöhnt und Schwester Samanthi geht auch schon das zweite Jahr aufs Gymnasium. Da beide das Egbert-Gymnasium besuchen, werden auch die frühmorgendlichen Vorbereitungen verständlich. Zwar ist der Bus gerade einmal 20 Minuten unterwegs und die Schülerinnen stehen viel zu früh vor dem Schultor, doch anders als in geordneter Reihenfolge ist die Ankunft der insgesamt 868 Schüler des Gymnasiums nicht zu bewältigen. Die Schüler aus der Gegend um Iphofen gehören zu den ersten Ankömmlingen. Noch nicht einmal die Schulweghelfer sind um kurz nach 7 Uhr da.

Die Fahrt kostet richtig Geld


Immerhin: Die 20-minütige Busfahrt am Morgen hat auch ihre guten Seiten. Die Geschwister unterhalten sich mit Schulfreundinnen, Samanthi hat ihren MP3-Player dabei, Madu geht vor Schulaufgaben auch noch mal den Stoff durch.
Der Schulbesuch in Münsterschwarzach ist zwar kostenfrei, nicht aber die Fahrt dorthin. "Samanthi kann noch kostenfrei fahren, aber für Madu kosten die Busfahrten richtig Geld", berichtet Vater Werner, der den Verzicht des Staates auf Schulbuskostenübernahme als "Bildungsvermeidung für entfernter wohnende Schulkinder" einstuft. Es gebe schließlich auch Familien, die sich die tägliche Busfahrkarte nicht leisten könnten.
Auf Nachfrage bestätigt das Landratsamt die Kostenfreiheit bis zur 10. Klasse. Danach gebe es eine Kostenerstattung, wenn die gesammelten Karten am Ende eines Schuljahres vorgelegt werden. Erstattet wird der Betrag, der über einen Eigenanteil von 420 Euro hinausgeht - soweit nicht Voraussetzungen für eine vollständige Kostenübernahme bestehen.
Die Sechserkarte, die Madu für 20 Euro löst, reicht gerade einmal drei Tage für die Fahrt nach Münsterschwarzach und zurück nach Iphofen. Hinzu kommen die privaten Fahrten zur Bushaltestelle oder eine Fahrt mit dem Bus nach Markt Einersheim. "Vergessen dürfen wir nichts, weder zuhause noch in der Schule", erzählt Madu. Ganz klar: Ohne fehlende Unterlagen können die Hausaufgaben nicht erledigt werden. Und zwei Mal am Tag fährt keiner von ihnen von Markt Einersheim nach Münsterschwarzach.
Der Schultag ist auch so schon lang genug für die beiden. Sie verlassen die Wohnung um 6.45 Uhr und kehren oft erst um 17.30 Uhr nach Hause zurück. Und dann stehen noch die Hausaufgaben an. Für Freizeit bleibt da nur noch wenig Raum. "Auf Sport und Freunde treffen müssen wir weitgehend verzichten", beklagt denn auch Madu. Solche Vorhaben sind zwangsläufig aufs Wochenende vertagt. Die meisten Freunde haben dafür Verständnis, manche allerdings nicht.
Beide gehen frühzeitig ins Bett, kommen aber dennoch öfter mal müde in die Schule. Kommt der Schulbus früher zurück und zuhause ist niemand erreichbar, geht Madu auch schon mal zu Fuß von Iphofen nach Hause. Das geladene Handy ist daher eines der wichtigsten Utensilien, auch wenn der Unterricht einmal frühzeitig endet und die Mutter eine der Töchter in Münsterschwarzach abholen muss.

Der innere Wecker


Der geregelte Ablauf hinterlässt auch an den Wochenenden und in den Ferien seine Spuren. "Wir wachen auch dann ohne Wecker um die gleiche Zeit auf", berichtet Madu. Ein gutes haben Wochenende und Ferien aber schon. Die Mädchen drehen sich einfach nochmal um und schlafen wieder ein.
In der Schule liebt Madu Sprachen, weniger Latein, dafür aber Englisch, Spanisch und am meisten Französisch. Nach dem Abitur in zwei Jahren will sie studieren, am liebsten etwas mit Sprachen. Ihre Schwester bevorzugt den Sport. Wie in einem großen Unternehmen gibt es im Egbert-Gymnasium eine längere Mittagspause mit Kantinenessen, Suppe, Hauptgericht und Nachtisch. Freistunden kann Samanthi als Studierzeit oder Freizeit nutzen, Madu hat in der Kollegstufe andere Möglichkeiten.
Als der Bus in den Busbahnhof in Münsterschwarzach einrollt, werden bei Samanthi beim gleichzeitigen Sonnenaufgang Erinnerungen an die Ferien mit Schwimmbadbesuchen und Radfahren wach. Die Geschwister gehören zu den ersten, die ihr Gymnasium an diesem Morgen erreichen.
Wenige Minuten später rollen die Schulbusse im Minutentakt und bringen Hunderte von Schülern zum Unterricht. So früh wie bei den beiden Mädchen aus Markt Einersheim klingelte aber wahrscheinlich bei keinem der Wecker.