Die Sprachwissenschaftlerin Monika Elias hat sich Gedanken über die Sprache Jugendlicher gemacht. Gerade die Ausdrucksweise von Jugendlichen wird manchmal verdächtigt, den Sprachverfall zu fördern. Unsere Zeitung hat die Referentin Monika Elias dazu befragt.

Warum wird die Jugendsprache von Nicht-Jugendlichen häufig als Hinweis für eine Sprachverarmung unter den jungen Leuten angesehen? Gerade die Wortneuschöpfungen sind doch recht kreativ.
Die Wortneuschöpfungen von Jugendlichen sind oft kreativ und zeigen, dass sie spielerisch und fantasievoll mit Sprache umgehen können. Jugendliche wollen mit manchen Ausdrücken aber auch provozieren und dazu gehören hart klingende ausgrenzende Wörter wie etwa "Opfer" und Vulgarismen wie "fuck". Weitere Kennzeichen von Jugendsprache, die in der Regel mündlich gesprochen wird, sind Auslassungen, Abkürzungen, Zusammenziehungen (ichschwör), Lautwörterkommunikation (argh) und Gesprächspartikel wie ey. Die Jugendsprache wirkt deshalb im Vergleich zur Hochsprache verarmt. Jedoch gibt es gar nicht "die Jugendsprache" und in der allgemeinen Umgangssprache finden sich ebenfalls Abkürzungen, Auslassungen, und so weiter. Die Schriftsprache von Jugendlichen weist zwar tatsächlich zunehmend mehr Fehler auf, jedoch schreiben Jugendliche heute auch viel mehr (etwa auf Facebook, Twitter, SMS). Die Schriftsprache der neuen Medien ist allerdings anders zu beurteilen, sie liegt zwischen der mündlichen und der schriftlichen Ausdrucksweise und ihre Beherrschung ist eine Zusatzkompetenz. Solange Jugendliche die Standardsprache ebenfalls schriftlich verwenden können, ist dies kein Grund zur Sorge.

Zeichen des Sprachverfalls, wachsende Verrohung gar? Warum wird die Jugendsprache gar so kritisch beurteilt?
Jugendliche wollen mit manchen Ausdrücken und Vulgarismen bewusst provozieren und sich von der Hoch- und Erwachsenensprache abgrenzen. Dies ist ein sehr wichtiger Prozess zur Entwicklung der eigenen Identität. Die Jugendlichen gehen dabei aber sehr einfallsreich und kreativ vor. Deshalb sollten die Jugendlichen unter sich so sprechen, wie sie möchten. Wichtig ist aber, dass sie in der Schule spätestens die Standardsprache lernen, damit sie sich zum Beispiel später in Bewerbungsgesprächen gut und verständlich ausdrücken können. Jugendsprache wird nicht nur kritisch beurteilt. Werbetexter versuchen mit einer bewussten vermeintlichen Jugendsprache gezielt die Gruppe der jugendlichen Käufer anzusprechen oder die Käufer, die sich jung fühlen (wollen). Auf Jugendliche wirkt solch eine künstliche Ansprache eher anbiedernd. Meistens benutzen sie diese Begriffe auch gar nicht. So sorgte etwa das Jugendwort des Jahres 2011 "Swag" (für "lässige Haltung"), das die Langenscheidt-Redaktion bekannt gab, bei Jugendlichen eher für Belustigung.

Könnte ein Mensch von 50 Jahren zum Beispiel überhaupt Jugendliche verstehen, wenn sie sich untereinander unterhalten?
Die Jugendlichen unterhielten sich nicht mehr authentisch in ihrer Sprache, wenn ein 50-Jähriger dazukäme und zuhörte. Sie sprächen automatisch eine andere Sprache, die zum großen Teil der 50-Jährige verstünde. Für den Fall, dass dies unbemerkt geschähe, käme es darauf an, in welcher Situation die Jugendlichen sprechen. Jugendliche reden ja nicht mit allen Jugendlichen rund um die Uhr in einer bestimmten Sprache. Sie verwenden wiederum je nach Gruppenzugehörigkeit eine andere Varietät - die Emos reden anders als die Hiphopper etwa, auch wenn eine scharfe Grenze nicht zu ziehen ist. Die speziellen Begriffe würde der 50-jährige wohl nicht alle verstehen.

Kann es also sein, dass Jugendliche ihre eigene Sprache mit eigenen Ausdrücken verwenden, um andere auszugrenzen?
Ja. Jugendliche brauchen diese eigenen Ausdrücke und Ausdrucksformen, um sich von Erwachsenen, anderen Gruppen Gleichaltriger und von Jüngeren abzugrenzen. Sie positionieren sich damit und dies ist ein wichtiger Schritt im Prozess der Identitätsbildung.

Was ist so die neueste Entwicklung bei der Jugendsprache?
In den letzten Monaten wurde in den Medien häufig das so genannte Kiezdeutsch thematisiert. Dabei handelt es sich um defizitären Sprachgebrauch von Jugendlichen, der vor allem in Ballungsgebieten vorkommt. Diese Sprachform gibt es aber schon seit Jahrzehnten, das Komikerduo Erkan und Stefan etwa machte diese Art, gebrochen Deutsch zu reden, vor 20 Jahren in den Medien bekannt. Sie existiert in ganz Europa und ist ein Zeichen dafür, dass Jugendliche sprachlich intensiver gefördert werden müssen. Eine Entwicklung erfuhr auch die Schriftsprache von Jugendlichen in den letzten Jahrzehnten durch das Schreiben von SMS und E-Mails. Es handelt sich dabei eher um Umgangssprache als um die standardisierte Schriftsprache. Kennzeichen für die Internetkommunikation sind so genannte Emoticons wie :-) für ein lachendes Gesicht, Abkürzungen wie LOL (Loughing out loud) oder Inflektive wie *lach*.

Das Gespräch führte Redakteurin Sabine Paulus.