Blut fließt keines, zumindest meistens nicht. Millimetergenau setzt der Arzt das Endoskop an, um dem Krebstumor im Magen-Darm-Trakt ohne äußere Schnitte beizukommen. Alles ist im Detail auf einem großen Monitor zu sehen. Ebenso konzentriert wie der operierende Professor ist Mike Morandin. Als Simultan-Dolmetscher ist der Erfolg des Ärzte-Fachkongresses auch von ihm abhängig.
Der 42-jährige Kitzinger gehört zur Elite der deutschen Dolmetscher. Er leiht seine schöne Stimme nicht nur medizinischen Koryphäen während Live-OPs und Fachtagungen, sondern auch Staatspräsidenten und Schauspielern in ganz Europa und in Übersee. Seit zehn Jahren arbeitet er auch immer wieder live fürs Fernsehen und hat dort die Erfahrung gemacht: "Man muss immer auf alles gefasst sein."
Das galt auch für die Fußball-EM, bei der er den italienischen Trainer Prandelli dolmetschte.


Cesare Prandelli hatte die Herzen der Tifosi im Sturm erobert. Am Sonntagabend aber erlebte seine Mannschaft im EM-Endspiel eine bittere Niederlage. Welchen Eindruck hatten Sie von ihm?
Mike Morandin : Ich fand ihn sehr angenehm. Er und Kapitän Buffon haben sich ja doch sehr positiv und freundlich geäußert. Das waren gute Verlierer. Solche Menschen verdolmetscht man gerne.

Was hätten Sie gemacht, wenn Prandelli zum Beispiel ausfällig geworden wäre?
So etwas kommt zum Glück nur selten vor. Aber live ist live, da kann alles passieren. Und der Dolmetscher hat natürlich die Pflicht, sich an das Gesagte zu halten. Wenn jemand einen Kraftausdruck benutzt, wird er auch wiedergegeben. Man muss sehr diplomatisch sein, darf nichts zensieren, darf aber auch nichts sagen, was nicht gesagt worden ist. Grammatikfehler darf man dagegen ausbessern. Gerade bei Großveranstaltungen im Sport, wo auch oft Hintergrundgeräusche bei der Übertragung stören, muss man sich hundertprozentig konzentrieren und alles andere ausblenden. Jedes Wort muss sitzen.

Werden Sie nie mal unsicher - zumindest kurz?
Man weiß von vornherein: Ich kann jetzt alles super machen oder vor Millionen von Menschen in Sekunden alles in den Sand setzen. Aber daran darf man nicht denken, sonst schüchtert einen das ein. Man muss sich, wie gesagt, komplett auf die Sendung konzentrieren. Natürlich ist eine gute Vorbereitung wichtig. Die gibt einem die nötige Sicherheit, auch um die Persönlichkeit des Redners entsprechend rüberzubringen und Anspielungen zu verstehen. Man braucht nicht nur das Spezialvokabular, sondern muss auch die großen Zusammenhänge kennen.

Den geschichtlichen Hintergrund zum Beispiel?
Ja. Deshalb ist es gut, viel zu lesen, auch fern zu sehen und Filme anzuschauen. Bei Fußball-Events zum Beispiel überlegt man schon vor dem Spiel und währenddessen, was später erwähnt werden könnte. Man macht sich Notizen zum Spielverlauf, über Vorlagen, Torschützen, Spielminuten. Denn bei den Flash-Interviews am Spielfeldrand geht es oft sehr laut zu, da ist es wichtig, sofort zu wissen, wovon die Interviewten sprechen. Man muss bei solchen Veranstaltungen auch spontan sein, denn man erfährt erst unmittelbar vorher, dass der Interviewpartner jetzt bereit steht. Da ist viel Adrenalin im Spiel.

Wo waren Sie eigentlich, während Prandelli sprach und Millionen an den Bildschirmen Ihre Stimme zu seinem Bild gehört haben?
Diesmal saß das Dolmetscher-Team beim ZDF in Mainz. Das ist nicht immer so, man ist auch oft am Ort des Geschehens und sitzt dort in einer Dolmetscher-Kabine. In Kiew wäre das aber zu umständlich gewesen. Im Prinzip ist es egal, wo man sitzt: Nach der Arbeit verlässt man das Fernseh- oder Tonstudio beziehungsweise die Dolmetscher-Kabine oft schweißgebadet.

Was ist das für eine Kabine?
Das sind meist mobile, schallisolierte Container, zwei Meter auf einsfünfzig, in denen es vor allem im Sommer extrem heiß werden kann. Die installierten Ventilatoren kann man nämlich nicht sehr hoch stellen, sonst hört man die Originalstimme nicht mehr gut.

Wie lange sitzt man denn durchschnittlich in so einer Dolmetscher-Kabine?
Kongresse zum Beispiel können den ganzen Tag oder auch mehrere Tage dauern. Dann braucht es Dolmetscher-Teams. Mehr als 30 Minuten Simultan-Dolmetschen schafft ein Einzelner nicht. Spätestens nach dieser Zeit wird man von einem Kollegen abgelöst und hat dann eine halbe Stunde Pause. Ähnlich wie bei Pilot und Copilot lässt man den anderen aber auch in der Pause nicht ganz allein.

Sind alle Ihre Einsätze live?
Bei Talkshows gilt: Nicht alle werden unmittelbar live übertragen. Manchmal liegt der Sendetermin auch später. Wir nennen das "live on tape": Die Sendung ist live, ihr Mitschnitt wird aber erst später gezeigt. Ansonsten spricht man live. Im Fernsehen muss es natürlich am schnellsten gehen, der zeitliche Versatz muss so kurz wie möglich sein. Am besten ist man zeitgleich mit dem Redner fertig. Da geht es um jede Silbe - statt "Betrieb" sagt man "Werk" und so weiter.

Ein guter Dolmetscher muss zuhören können, gleichzeitig verstehen und übersetzen - wie schafft ein Mann dieses Multitasking?
(lacht) Das ist eine Begabung. Es ist schon ein bisschen gemein, dass Männern diese oft abgesprochen wird. Es gibt viele gute männliche Dolmetscher.
Welche Voraussetzungen braucht man - außer der Begabung?
Man muss sehr belastbar und möglichst wenig stressanfällig sein. Fachkongresse haben zwar vielleicht kein Millionenpublikum, aber auch da muss jeder Terminus genau stimmen. Ein Problem ist, dass die Berufsbezeichnung 'Dolmetscher' nicht geschützt ist. Wer sicher sein will, einen guten Dolmetscher zu bekommen, kann sich an den Berufsverbandes "aiic" wenden. Dessen rund 300 Mitglieder haben alle eine universitäre Ausbildung.

Sind Sie manchmal neidisch auf andere Menschen mit einem weniger stressigen und berechenbareren Job von 8 bis 16 Uhr?
Dass Dolmetschen so unberechenbar ist, das ist ja auch das Tolle! Man lernt ganz unterschiedliche Menschen kennen, befasst sich mit sehr spannenden Themen.... Wenn ich zum Beispiel für einen Kongress in den USA gebucht werde, kann ich mich immer noch wie ein Kind freuen. Die Realität ist natürlich, dass man vor allem Flughafen, Hotel und Kongresszentrum sieht. Aber ich genieße es trotzdem. Man lernt nie aus! Außerdem bleibe ich geistig rege - ein Kandidat für Alzheimer bin ich nicht, hoffentlich!

Welche außergewöhnlichen Persönlichkeiten haben Sie durch Ihre Arbeit kennen gelernt?
Zum Beispiel habe ich mal einen echten Exorzisten gedolmetscht. Und bei einer Talkshow habe ich einen ganz neuen Eindruck von Christy Turlington bekommen; die kennt man sonst vor allem als Model, doch sie engagiert sich auch für eine Mütter-Hilfsorganisation. Interessant waren auch die Menschen, die kürzlich zum Kronjubiläum der Queen in einer Talkshow über Monarchie sprachen. Oder die Leute in der Sendung zum Thema Mafia... So dumm sich das anhört: Ich fühle mich manchmal ein bisschen privilegiert, dass ich überall Mäuschen sein darf.

Sind Sie, der beruflich immer so viel reden muss, auch privat eine Quasselstrippe?
Eher nicht. Ich habe sogar Tage, an denen ich richtig mundtot bin. Ich bleibe dann gern mal im Off, um mich zu erholen. Ich hoffe, dass meine Familie und meine Freunde das dann verstehen.

Wen würden Sie richtig gern mal dolmetschen?
Den Dalai Lama! Das würde mich einfach mal faszinieren!