Der Arbeitskreis Ge(h)wissen hat am Tag der Deutschen Einheit vor dem Rathaus in Kitzingen zur traditionellen Demonstration für Demokratie und Menschenrechte und gegen Intoleranz eingeladen. Rund 100 Zuhörer verfolgten die Ausführungen von Landrätin Tamara Bischof, die sich keinen besser geeigneten Anlass als den Tag der Deutschen Einheit für die Demonstration vorstellen konnte. Er gelte der Zeit, als eindrucksvoll bewiesen wurde, dass eine Revolution wie in der ehemaligen DDR auch ohne Gewalt erfolgreich sein könne.

Sie erinnerte sich an ein Unbehagen, das sich bei den Montagsdemonstrationen verbunden mit der bangen Frage einstellte, ob der weitere Verlauf friedlich bleibe oder ob es Tote und Verletzte gebe. Schließlich hätten es die Menschen in der DDR vor 30 Jahren erreicht, frei und selbstbestimmt zu leben. Bis sie selbst erste persönliche Kontakte zu Verwandten in der DDR hatte, habe sie Päckchen gepackt ohne die Empfänger zu kennen und habe mit dem Fernglas durch den Zaun geschaut.

Landrätin: Demonstrationen sind unterwandert 

Inzwischen gebe es wieder Demonstrationen, wie Fridays for Future oder gegen Corona-Beschränkungen. Die Landrätin begrüßte es, dass Bürger für ihre Rechte einstehen, sah aber kritisch, dass diese Demonstrationen von anderen Gruppen unterwandert seien.

Vor 20 Jahren wurde in Iphofen der Arbeitskreis Ge(h)wissen als Reaktion auf rechtsextreme Umtriebe gegründet. Als 2013 eine Demonstration Rechter in Kitzingen vom Landratsamt verboten, vom Verwaltungsgericht aber erlaubt wurde, seien 70 Demonstranten rund 700 Gegendemonstranten gegenüber gestanden. Inzwischen hätten Erwachsene erkannt, dass auch Jugendliche etwas zu sagen haben. Die Landrätin rief nachdrücklich zur Wahlbeteiligung auf, um so einen Beitrag zur Demokratie zu leisten.

Güntner: Corona-Demonstranten vermengen vieles

Oberbürgermeister Stefan Güntner dankte für die Eindrücke zu diesem Gedenktag. Er bekannte, damals andere Schwerpunkte gesetzt zu haben. Mit Blick auf die Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen unterstrich das Stadtoberhaupt, dass dabei viel vermengt werde, was nicht zusammen gehöre. Er kenne niemanden, der sich durch die Maske beeinträchtigt fühle. Güntner begrüßte weiter, dass Gerichte die Einschränkungen genau beobachten.

Als Integrationsbeauftragte würdigte Astrid Glos, dass mit der Demonstration ein Zeichen gegen Intoleranz und Rassismus gesetzt werde. Die Unterteilung nach Rassen sei wissenschaftlich überhaupt nicht zu belegen und daher eine willkürliche Unterscheidung von Menschen mit dem Zweck, diese auszugrenzen. Heute kenne man den modernen Begriff der ethnischen Säuberung. Ausgrenzungen erfolgten – bewusst oder unbewusst – durch Äußerungen, die auch in alltäglichen Geschichten vorkommen. Für diesen Alltagsrassismus gebe es viele Beispiele. Mit 107 Nationen bezeichnete sie die Stadt Kitzingen als bunt mit einer Vielzahl an Akteuren, die sich für diese Menschen einsetzen.

Möhrlein: Es droht ein Verlust der bürgerlichen Mitte

Für die Arbeiterwohlfahrt (AWO) sprach Gerald Möhrlein. Er unterstrich, dass rechtsradikalen Tendenzen entgegengearbeitet und die Sensibilität in der Bevölkerung gestärkt werden müsse, um friedlich und in Solidarität zusammenleben zu können. Er beklagte einen drohenden Verlust der bürgerlichen Mitte, wenn gegen Corona-Maßnahmen demonstriert werde. Er forderte: Haltung zeigen, nicht wegsehen, wachsam sein und energisch handeln, wenn Gewalt gegen Hilflose ausgeübt wird.

Pfarrer Hanjo von Wietersheim, der die Demonstration leitete, machte mit Blick auf Flüchtlingsaufkommen im Jahr 2015 und den Umgang damit deutlich, in welch gutem Land wir lebten und wie leicht wir anderen von unserem Überfluss abgeben könnten. Das sei eine gute und wichtige Erfahrung.

Richard Roblee begleitete die Demonstration mit der Posaune und seiner Stimme musikalisch.