Die Idee, Denkmäler an einem Tag im Jahr zu öffnen und der Bevölkerung den Zugang zu ihnen zu ermöglichen und zwar kostenlos, wurde im Jahr 1984 in Frankreich das erste Mal umgesetzt. 1991 rief der Europarat offiziell die „European Heritage Days“ aus. Deutschland beteiligt sich seit 1993 immer am zweiten Septembersonntag mit dem „Tag des offenen Denkmals“ an dieser europäischen Initiative, die inzwischen ganz Europa aufgegriffen hat. Das Interesse ist überall groß und scheint noch zu wachsen.

In Deutschland wird dieser Aktionstag von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz koordiniert. Zählte man in den Jahren nach der Einführung etwa zwei Millionen Besucher bei etwas mehr als 1000 teilnehmenden Kommunen und rund 3500 geöffneten Denkmälern, so stiegen die Zahlen bis heute kontinuierlich: auf rund 8000 geöffnete Objekte, 3500 beteiligte Kommunen und mehr als vier Millionen Besucherinnen und Besucher. Damit ist der Tag des offenen Denkmals bei weitem die größte Kulturveranstaltung hierzulande. Und so wird sie auch als das bedeutendste Schaufenster für die Denkmalpflege gewertet.

Diese jährliche Großveranstaltung weckt Interesse für unser kulturelles Erbe, indem sie historische Bauwerke neu erlebbar macht, grundlegende Informationen vermittelt und somit Interesse und Einblick in die gesellschaftliche Relevanz, Bedeutung und die Vielgestaltigkeit der Denkmalpflege entwickelt. Hierfür steht auch das jeweilige Motto der Denkmaltage; es zeigt das ganze Spektrum und den Aufgabenbereich der Denkmalpflege unter verschiedenen Blickwinkeln auf. Vielleicht erinnern sich noch manche an ein Motto der letzten Jahre.

Das Motto in diesem Jahr ist Sein und Schein

Auch Stadt und Stadtheimatpflege Kitzingen beteiligen sich jährlich an diesem Aktionstag. Themen waren etwa Alte Bauten – neue Chancen, Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal, Vergangenheit aufgedeckt: Archäologie und Bauforschung, unbequeme Denkmäler, Moderne: Umbrüche in Kunst und Architektur. Dieses Mal lautet das Motto: Sein und Schein in Geschichte, Architektur und Denkmalpflege.

Im engeren Sinne ist damit ein Phänomen der Architektur des Barock angesprochen: Scheinarchitektur, optische Täuschung, Illusion, Wahrnehmung und Perspektiven; ein konkretes Beispiel wäre die Kirche St. Mauritius in Wiesentheid oder Räume Balthasar Neumanns in der Würzburger Residenz. Im weiteren Sinne zeigt das Thema jedoch eine grundsätzliche Betrachtungsmöglichkeit von Architektur, die epochenübergreifend ist.

Was ist Original und was darf verändert werden?

Da geht es um Fragen wie: Was ist echt, was ist Originalsubstanz? Wie ist die Materialität beschaffen? Welche handwerkliche Technik versteckt sich unter einer Oberfläche? Was wurde zurückgebaut, überbaut oder angebaut? Was darf verändert werden, was muss erhalten bleiben? In welchem Verhältnis steht der Schein zum Sein? Diesen Fragen wird am Sonntag auch beim Kitzinger Rundgang vom Schmiedel-Haus über die Rathauserweiterung in der Kaiserstraße 17 zur evangelischen Stadtkirche nachgegangen (Treffpunkt um 15 Uhr an der Schmiedel-Villa).

Was mich aber, gleichsam übergreifend im Zusammenhang mit dem Tag des offenen Denkmals, interessiert, ja umtreibt, ist die Frage nach dem so großen Interesse der Bevölkerung an dieser Veranstaltung. Wie kommt es, dass an einem einzigen Tag Millionen Menschen sich auf den Weg machen, um Denkmäler zu erleben? Ist das eine Modeerscheinung, ein Hype, eine neue Bewegung wiedererwachenden bildungsbürgerlichen Interesses? Oder: Ist es eine Suche nach Wurzeln, nach Werten in einer Zeit der Unsicherheit?

Was ist echt, was ist sinnlich berührbar? Was hat tatsächlich etwas mit mir zu tun, mit meiner Geschichte, meiner Herkunft, meiner kulturellen Prägung und Erziehung? Was gibt Orientierung, was erdet, was hat Bestand? Solche Fragen sind für den Menschen relevant. Häuser können Antworten auf solche Fragen geben. Die Denkmalpflege als Teil der Heimatpflege muss und kann hier ihren Beitrag leisten.

Architektur, Baukultur und Heimat gehören zusammen. Der Begriff Heimat hat Konjunktur, er wird gerne gebraucht, von allen gesellschaftlichen Gruppierungen und Parteien, von rechts außen bis links außen, von der Wirtschaft und der Politik. Er wird eng, sich abschließend, populistisch, ja rückwärtsgewandt verstanden und ebenso auch sehr weit, so offen, so frei, dass man kaum noch Konturen erkennt. Ein Begriff als Spiegel einer pluralen Gesellschaft mit hoher Gegenwartsrelevanz! Martin Wölzmüller, Gründungsvater und Wegbereiter für Verein und Stiftung „Kulturerbe Bayern“, sieht Heimat als Entfaltungsraum für Gemeinschaftssinn und Individualität. Für Stabilität und Kreativität. Für Bewahrung und Gestaltung. Für Überliefertes und Neues.

Die hohe Bauqualität ist nicht vom Himmel gefallen 

Unbenommen können wir das auf die Architektur beziehen. Wir finden in Deutschland, in Bayern und konkret hier in Kitzingen ein hohes Maß an historischer baulicher Qualität vor. Diese Qualität ist nicht vom Himmel gefallen, sie wurde mühsam über Jahrhunderte von Baumeistern geschaffen und sie ist noch erhalten durch Befolgung der Regeln der Landesplanung, des Bauplanungsrechts, des Bauordnungsrechts und vor allem des Denkmalschutzgesetzes sowie wohlüberlegter Gestaltungsordnungen, wenn auch oft mit großem Widerstand.

Versuchen wir das Niveau zu halten, es liegt in unserer Verantwortung. Wir kennen gute und schlechte Beispiele, auch in Kitzingen. So soll uns der Tag des offenen Denkmals aufzeigen, dass man sich nicht des überlieferten Erbes entledigen darf zugunsten kurzlebiger Ziele und Moden. Zurecht bezeichnet Wölzmüller den Umgang mit materiellen wie immateriellen Gütern unserer Heimat als Indikator für die kollektive Vernunft einer Gesellschaft.

Harald Knobling ist seit 2013 Stadtheimatpfleger in Kitzingen und sieht seine Aufgabe vor allem darin, Traditionen hochzuhalten und zu bewahren. Der promovierte Kunsthistoriker, geboren 1952 in Bad Königshofen, berät Stadt und Denkmalschutz beim Umbau und der Sanierung historischer Bauten. Knobling unterrichtete rund 35 Jahre als Kunstlehrer am Armin-Knab-Gymnasium und ging 2018 in Ruhestand.