Mit einem Eklat endete am Mittwoch die Bürgerversammlung in der TSV-Halle in Prichsenstadt, bei der über den am Sonntag anstehenden Bürgerentscheid zur Kanalsanierung informiert werden sollte: Werner Reuß, Sprecher der Bürgerinitiative (BI) „Gegen den Kanal- und Straßenbauwahn in SKF“, warf der Stadt vor, neben dem Wahlzettel zum Bürgerentscheid fünf weitere Wahlzettel mit unterschiedlichen Variationen in Umlauf gebracht zu haben. Konsequenz des Vorwurfs: Bürgermeister René Schlehr brach die Versammlung ab.

„Sie werfen der Stadt Wahlmanipulation vor“, kommentierte Schlehr entsetzt die Vorwürfe. Seinen prompten Abbruch der Versammlung nach etwa zwei Stunden bedachte mehr als die Hälfte der etwa 70 Bürger mit Beifall.

Missverstanden sah sich – am nächsten Tag – BI-Sprecher Reuß. Seine letzte Aussage habe geheißen: „Es gibt insgesamt sechs verschiedene Muster für ein Bürgerbegehren.“ Dies habe sich auf eine Aussage des BI-Anwalts zu Vorlagen für ein Bürgerbegehren bezogen, so Reuß in einer E-Mail.

Die Erklärung am Donnerstag kam zu spät: Wegen des aus Schlehrs Sicht massiven Vorwurfs einer Manipulation ging der eigentliche Zweck der Bürgerversammlung fast unter: die Bürger wertfrei zu informieren, über was sie da eigentlich abstimmen dürfen. Die Forderung der BI, gleichberechtigter Partner auf dem Podium zu sein, hatte der Bürgermeister abgelehnt.

„Nennen Sie Namen und bringen Sie Fakten.“
Bürgermeister René Schlehr zu BI-Sprecher Werner Reuß

Am Sonntag (10 bis 18 Uhr) stehen zwei gegensätzliche Entscheide zu den drei Straßen Schloß-, Kirch- und Freihofgasse an: Kanalneubau in offener Bauweise (Ratsbegehren) oder Sanierung im Inliner-Verfahren mit einer Entwässerung in eine Grube hinter dem Eichsee (BI). Fakt sei, dass für beide Varianten keine genaue Kostenaufstellung existiere, alle bislang genannten Zahlen seien Schätzkosten, betonte Schlehr.

Auch seien noch nicht alle Varianten abschließend geprüft worden. „Wir haben die Vorgaben des Landratsamtes und des Wasserwirtschaftsamtes zu erfüllen, also werden wir auch alle Varianten gegenüberstellen, um eine gemeinsame Lösung zu finden, die wirtschaftlich, sinnvoll und machbar ist“, so Schlehr weiter.

Geschäftsleiter Jens Reuß brachte Licht in die wahltechnischen Hintergründe des Bürgerentscheids, für das er sich durch 4000 Seiten Kommentare gearbeitet habe. Erreiche ein Bürger- oder Ratsentscheid 20 Prozent der gültigen Stimmen der Wahlberechtigten, sei er kommunalrechtlich einem Stadtratsbeschluss gleichgesetzt. Nehmen beide Entscheide diese Hürde, entscheidet die Stichfrage, bei der sich der Wähler für einen der beiden Entscheide entscheiden soll.

In der erwarteten Grundsatzdebatte kauten Ratsmitglied Wolfgang Brosche, Freihofchef Richard Gebert und BI-Sprecher Reuß die hinlänglich bekannten Argumente erneut durch, ohne dass es neue Erkenntnisse gegeben hätte oder dass der Bürgermeister hätte Stellung beziehen müssen. Dafür zog sich Reuß den Unmut sowohl vom Bürgermeister als auch einer Reihe seiner Mitbürger zu – etwa durch die Aussage, ihm habe ein Gutachter gesagt, dass er wegen des Untergrundes niemals einen neuen Kanal in der Altstadt bauen würde.

Schließlich verwies Schlehr Reuß in die Schranken: „Lassen Sie es sein, dauernd davon zu reden, was Ihnen zugetragen wurde oder was Sie gehört haben, nennen Sie Namen und bringen Sie Fakten.“ Gutachten habe es schon genug gegeben, befand nicht nur Schlehr.

Doch jetzt ist ein weiteres Schreiben eines Gutachters aufgetaucht. Dieses Mal von der katholischen Kirche und präsentiert von Kirchenvorstand Franz Asbeck. Demnach werde von einem Kanalneubau abgeraten, weil dabei die Kirche Schaden erleiden werde. Schlehr verwies darauf, dass die Kanäle vor 60 Jahren gebaut worden seien, „mit der heutigen Technik ist es sehr wohl möglich, Schäden gar nicht erst auftreten zu lassen“. Gleichwohl nehme er auch dieses Gutachten ernst.