Jeden Abend um 19 Uhr wird ein Gottesdienst aus der Wiesentheider Mauritiskirche live über das Internet gesendet. Bereits seit der Premiere am 16. März, kurz nach dem Lockdown, existiert dieses Format, das wegen der Corona-Pandemie eingeführt wurde und erstaunlich gut angenommen wird. Mitte August ging der 150. Gottesdienst über das weltweite Netz hinaus, zum Teil auch ins Ausland.

Es war ein kleines Jubiläum. „Für uns ist es eigentlich schon Normalität geworden“, sagt Pfarrer Peter Göttke, der als Dekan in der Pfarreiengemeinschaft St. Benedikt ist. An das Ein- und Ausschalten des Sendeknopfes jeden Abend in der Sakristei haben sich die Gottesdienstleiter sich gewöhnt.

Ein Team mit zwölf Hauptamtlichen, Priestern, Diakonen, Laien, dazu Lektoren und Freiwillige aus den insgesamt 14 Pfarreien, bestreitet im abendlichen Wechsel die rund 45 Minuten. Zu diesen gehört Wiesentheids Kirchenpfleger Paul Schug, der dafür sorgte, dass die entsprechende Technik im Gotteshaus installiert wurde. Schugs Sohn Jonas, der eine Webagentur betreibt, sorgt für den technischen Ablauf.

Gute Zugriffszahlen

Die Zahlen sprechen für sich. Etwa 2800 Zugriffe auf die Sendungen erfolgten zuletzt in acht Tagen, ein Erfolg. Oft sprächen einen auch Nutzer an, die derzeit das Angebot über den Bildschirm einem persönlichen Gottesdienstbesuch vorziehen, berichten Dekan Göttke und Kirchenpfleger Schug. Zwischen 250 und 400 Zugriffe registriert „Technikchef“ Jonas Schug pro Tag. Live um 19 Uhr verfolgten es gar nicht unbedingt so viele, später und am nächsten Tag werde das Angebot gerne noch geklickt. Zum Vergleich: Ins Gotteshaus dürften aktuell wegen der Auflagen durch die Pandemie etwa 90 Gläubige.

Der Spitzenwert betrug übrigens 1024 Zugriffe auf einen Gottesdienst, zwischen 600 und 700 Besucher habe man mehrmals gezählt, sagt Jonas Schug, der die Werte abrufen kann. Die Anzahl der Nutzer lasse sich feststellen, es seien beileibe nicht immer die gleichen. Rückmeldungen kommen aus ganz Deutschland, aus dem Ausland wie Südafrika, Kanada, den USA. „Das sind zum Teil ehemalige Wiesentheider, die gerne mal wieder in die für sie vertraute Kirche blicken. Für sie ist es so ein bisschen Heimat“, erzählt Kirchenpfleger Paul Schug.

Die Vorsicht regiert

Manche schauen es sogar im Urlaub, so Dekan Göttke. Er stellt fest, dass zu den seit einiger Zeit auch für Besucher offenen Gottesdiensten nicht so viele Gläubige in die Kirche selbst kommen. „Man merkt, die Leute sind vorsichtig. Eine ganze Reihe von Älteren haben sich von den Kindern ein Tablet oder einen Computer einrichten lassen und schalten das ein.“

Ein Stamm-Zuschauer bei den Live-Stream-Gottesdiensten ist Hermann Hadwiger aus Großlangheim. „Meine Frau und ich, wir schauen es fast immer. Wir haben es uns wie ein Ritual angewöhnt, damit unseren Arbeitstag zu beenden. Es ist sehr abwechslungsreich, weil immer ein anderer die Predigt hält. Zum Abschluss des Tages sind es Gedanken und Impulse, die man mitnimmt.“ Als Konkurrenz zum Gottesdienst in der Kirche empfindet es Hermann Hadwiger nicht, das habe einen anderen Wirkungsbereich.

Die Kirche der Zukunft?

Dekan Göttke sieht an der modernen, bis vor kurzem eher ungewöhnlichen Form viel Positives. Man erreiche auf diesem Weg auch Menschen, die nicht in die Kirche kommen würden. Und wenn jemand nur zehn Minuten in den Livestream schaue, denke er auch an Gott. Ob es die Kirche der Zukunft ist, lasse sich schwer sagen. Göttke rechnet damit, dass Corona und damit auch die Übertragung der Botschaft Christi aus der Wiesentheider Kirche ins Netz noch eine Zeit bleiben wird. „Solange es sich anbietet und wir es können, machen wir weiter.“

Dazu gibt es auch die „normalen“ Messen. Einige Hochzeiten, die im Frühjahr aufgrund der Pandemie verschoben wurden, stehen außerdem an, wie auch die Erstkommunion. Die wurde in der Pfarreiengemeinschaft auf September und Oktober verlegt.