Der Berufskraftfahrer braucht seinen Führerschein, für den Job und weil er als Alleinverdiener mit zwei Kindern in einer Neubausiedlung auf dem Dorf wohnt. Dennoch wird er sechs Monate ohne die Fahrerlaubnis auskommen müssen. Danach kann er eine neue beantragen.

Genau das wollte der 39-Jährige mit seinem Einspruch gegen einen Strafbefehl verhindern. In der Verhandlung vor dem Amtsgericht betonte  er mehrfach: "Ich brauche meinen Führerschein, sonst bin ich meinen Job los." Und genau so oft wies er die Vorwürfe in dem Strafbefehl zurück, die zu einer Geldstrafe und dem Entzug der Fahrerlaubnis geführt hatten.

"Ich habe sie nicht berührt. Da war nichts."
Angeklagter vor Gericht

Die hatte der Staatsanwalt zu Beginn verlesen. Danach war der Mann Ende Januar 2019 mit einem Auto auf einem Feldweg am Rand einer kleinen Ortschaft im Landkreis unterwegs. Vor ihm liefen eine Frau mit zwei Hunden. Als die Frau das Auto bemerke, rief sie ihre Hunde und stand mit denen am linken Fahrbahnrand. Dann passiert es: Beim Vorbeifahren fuhr ihr der Mann über den Fuß und dann weiter, so die Anklage. Prellungen und Schmerzen waren ebenso die Folgen wie eine Anzeige, Ermittlungen, der Strafbefehl wegen fahrlässiger Körperverletzung und unerlaubten Entfernens vom Unfallort, der Einspruch und jetzt die Verhandlung.

In dieser stellte der Angeklagte von Anfang an klar: "Ich habe sie nicht berührt. Da war nichts." Auch wenn er das mehrfach wiederholte, die Aussage geriet schnell ins Wanken, schon nach dem Auftritt der ersten Zeugin. Die wohnt wie der Autofahrer und die Frau mit den Hunden ebenfalls im Neubaugebiet und hat die Sache vom Fenster aus beobachtet. "Das Auto fuhr hoch, dann hüpfte die Frau zur Seite, hielt sich das Bein und humpelte den Weg wieder zurück." Ihre Nachbarin habe geweint, als sie ihr erzählt habe, dass das Auto sie am Fuß erwischt hat.

Aussage machte in der Siedlung die Runde

Die Zeugin machte ihre Aussage auch gegenüber der Polizei und lieferte damit eine der Grundlagen für den Strafbefehl. Aber nicht nur das: Warum und wie auch immer, die Aussage machte in der Siedlung die Runde. In der Folge wurde die Frau mehrfach beim Spaziergang und auf dem Spielplatz "angemacht" und daran erinnert, dass sie eine Existenz gefährde. Von "Hetze" sprach die zweifache Mutter.

Nach dieser Aussage empfahl der Staatsanwalt dringend, den Einspruch gegen den Strafbefehl zurückzuziehen. Ansonsten könne es erheblich teurer werden. Auch Richterin Patrizia Finkenberger verwies darauf, dass das eher milde Strafmaß im Strafbefehl von einem Geständnis ausgehe.

"Ich danke dir für alles."
Ehefrau des Angeklagten zum Opfer

Soweit war der Angeklagte noch nicht. Auch nach weiteren Unterbrechungen und Rücksprachen mit seinem Anwalt blieb er bei seiner Version. Das änderte sich erst, als als Finkenberger ankündigte, die Verhandlung auszusetzen und die "halbe Siedlung als Zeugen" zu holen. Als dann der Staatsanwalt die vorläufige und sofortige Einziehung des Führerscheins ankündigte, kam die Wende: "Es bleibt beim Strafbefehl", sagte der Mann und gab den Führerschein ab.

"Dann verlieren wir jetzt alles", kommentierte die Ehefrau des Angeklagten als Zuschauerin die Wende und in Richtung des "Opfers" sagte sie: "Ich danke dir für alles." Das allerdings war wohl eher sarkastisch gemeint, lässt aber ein bisschen die Stimmung in der Siedlung erahnen.