Der erste Eindruck täuscht nicht. Unkraut schießt aus den Fugen der Waschbetonplatten vor dem verschlossenen Eingang zum Kitzinger Bahnhof. Und wer will, kann in diesem Bild Symbolisches entdecken: Über das Pflänzchen der Hoffnung, das noch vor anderthalb Jahren blühte, ist inzwischen Gras gewachsen. Anfang 2019 wurde bekannt, dass der Kitzinger Bahnhof einen neuen Besitzer hatte: Eine Frankfurter Immobiliengesellschaft namens Aedificia hatte das Gebäude und Teile des weitläufigen Umfelds gekauft. Es folgten die Phase der Frühlingsgefühle und eine Art Sommermärchen, beides Kapitel, in denen die Eigentümer ihre Erfolgsgeschichte für den in die Jahre gekommenen Bahnhof erzählten.

Viel ist von dieser Story nicht mehr übrig. Zwei Jahre nach dem vielversprechenden Besitzerwechsel sind die Hoffnungen geplatzt, dass das Gebäude bald wieder voller Leben stecken könnte, dass Menschen ein- und ausgehen oder wenigstens Zuflucht bei Regen und Kälte finden. Von Rucksack-Hotel, Reiseshop, einem Ärztehaus war einst die Rede. Doch die Türen sind immer noch verschlossen. Mehr als Absichtsbekundungen hat der Eigentümer nicht abgegeben – und selbst das in letzter Zeit nicht mehr. Er wollte die Weichen neu stellen. Heute weiß man: Der Zug ist an Kitzingen vorbeigerauscht – mal wieder. Und es wird Zeit und Mühe kosten, ihn wieder in die richtigen Bahnen zu lenken.

Auch im ausgehenden Jahr 2020 ist der Bahnhof nicht zu jener Attraktion geworden, die sich Kitzingens Oberbürgermeister Stefan Güntner an diesem „wichtigen Eingangstor zur Stadt“ wünschte. Die Gespräche, die auch er den Sommer über mit dem Eigentümer führte, mündeten nicht in die erhofften Ergebnisse. Der Bahnhof ist zur Hängepartie geworden, ein Spielball von Geschäftemachern, deren Interessen im Dunkeln liegen. Nur eines scheint klar: An einer raschen Sanierung und Wiedereröffnung des Bahnhofs ist die Aedificia als Eigentümerin nicht interessiert. Vielleicht war sie das nie.

So wird der Richtungsstreit auch im neuen Jahr weitergehen. „Die Situation ist für alle unbefriedigend“, hat Kitzingens OB vor Monaten erklärt. Eine Aussage, die weiterhin aktuell ist. Und noch etwas hat Stefan Güntner im Namen der Stadt gesagt: „Wenn es die Möglichkeit gäbe, würde ich den Bahnhof sofort kaufen.“

Durch die stetige Berichterstattung ist das Thema zumindest wieder stärker ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Die Landtagsabgeordnete Barbara Becker (CSU) hat sich mit Kollegen vor Ort ein Bild gemacht. Vielleicht kommt dadurch der Zug wieder ins Rollen.