Da war der „Kindheitstraum“, eines Tages einen Mercedes zu fahren. Und da war diese Anzeige im Internet: Ein 500er, unter 10 000 Euro. Verlockend. Der 26-Jährige greift zum Telefon. Was er da von dem Zwischenhändler in Frankfurt hört, klingt gut.

Wenig später macht sich der 26-Jährige zusammen mit einem gleichaltrigen Kumpel auf den Weg in die Main-Metropole. Mit dem Geld und der festen Absicht, den Kindheitstraum genau an diesem Frühsommertag im Jahr 2014 wahr werden zu lassen.

Der Weg führt den Käufer in einen Frankfurter Hinterhof. Nicht unbedingt vertrauenserweckend, aber dann stand es: das Traumauto. Ein Problem gab es allerdings noch: Der Verkäufer wollte kein Geschäft von privat zu privat. Weil das Gewährleistungen mit sich gebracht hätte. Der Auto-Deal sollte als gewerblicher Verkauf über die Bühne gehen – und ohne Rechnung.

Der Zufall wollte es, dass der Kumpel des 26-Jährigen ein Nebenher-Gewerbe angemeldet hatte. Es bedurfte zwar einiger Überredungskünste, doch nach einer dreiviertel Stunde willigt der Kumpel ein, als gewerblicher Käufer aufzutreten.

Fahrzeugbrief, Fahrzeugschein und Geld wechselten die Besitzer, der Heimfahrt im Traumwagen steht nichts mehr im Weg. Nach der Zulassung im Kitzinger Landratsamt fährt der 26-Jährige stolz mit dem neuen Gefährt umher, um jedoch recht schnell festzustellen: Er hatte den Spritverbrauch unterschätzt. Weshalb die Idee reift, den Traum doch nicht auszuleben und das Auto – schweren Herzens – nach nur einem Sommer wieder zu verkaufen.

Ein neuer Interessent ist schnell gefunden, zusammen mit seiner Partnerin begutachtete dieser im Herbst 2014 den Wagen und zahlt 2000 Euro an. Bei einem zweiten Termin taucht der Interessent mit drei Freunden auf, die ebenfalls noch mal einen Blick auf den Mercedes werfen – dann geht das Geschäft über die Bühne. Der Mann zahlt 9250 Euro, glaubt an den in der Anzeige beschriebenen „Top-Zustand“ und daran, dass die nächste Hauptuntersuchung erst Mitte 2016 fällig ist.

Frohgemut tritt der neue Besitzer die erste Fahrt an – die fast tragisch endet: Bei 200 Stundenkilometern platzt auf der Autobahn ein Reifen, mit Ach und Krach kann der Mann das Auto unter Kontrolle bringen und auf dem Standstreifen anhalten.

Was folgt, ist der Gang zum Anwalt: Weil der Wagen scheinbar doch keinen „Top-Zustand“ hatte, der geplatzte Reifen vorher geflickt und auch der TÜV längst abgelaufen war, forderte der neue Besitzer eine umgehende Rückabwicklung.

„Es war eine Verkettung von Zufällen!“
Der 26-jährige Angeklagte über seine Traumauto-Geschichte

Darauf lässt sich der 26-Jährige auch ein. Weil jedoch ein Teil des Geldes bereits ausgegeben war, die Anwälte ihr Können bezahlt haben wollten und schließlich neben Abschleppkosten auch ein größerer Batzen Geld für Reparaturen an dem Mercedes draufgingen, musste der junge Mann einen Kredit über 14 000 Euro aufnehmen.

Und noch etwas passierte: Weil der 26-Jährige von dem enttäuschten Käufer angezeigt worden war und einiges dafür sprach, dass er von dem TÜV-Betrug und dem geflickten Reifen wusste, landete er zusammen mit seinem Kumpel – der seinen Namen für den Kauf in Frankfurt hergegeben hatte – auf der Anklagebank.

Dort können die Angeklagten nun ihre Leidensgeschichte („Eine Verkettung von Zufällen!“) erzählen und glaubhaft machen, dass letztlich der ganze Stress von dem ominösen Hinterhof-Verkäufer ausgegangen war. Nach dem hatten die jungen Männer übrigens Monate später bei einem weiteren Abstecher nach Frankfurt vergeblich gesucht.

Der gefälschte TÜV-Stempel, der geflickte Reifen – das ging alles nicht von den Angeklagten aus, sondern von dem vorhergehenden Verkäufer. Weshalb das Verfahren denn auch von Strafrichter Bernhard Böhm am Mittwochmorgen eingestellt wurde.

Wäre noch die Frage zu klären, was aus dem „Traumwagen“ geworden ist: Den hat der 26-Jährige durch den TÜV gebracht und fährt ihn immer noch – weil er sich nicht traut, ihn noch einmal zu verkaufen.