Wenn wir eröffnen, soll alles in neuem Glanz erstrahlen“, sagt Bernhard Schlereth über das Deutsche Fastnachtsmuseum in Kitzingen. Damit meint der Vorsitzende der Museumsstiftung nicht nur den 4,4 Millionen Euro teuren Neubau. Auch die Exponate müssen restauriert werden. Denn die Zeit hat Spuren hinterlassen: Schädlinge haben Löcher in die Kleider gefressen oder chemische Ausdünstungen die Stoffe verfärbt.

Im ehemaligen Museum im Falterturm waren gründliche Restaurierungsarbeiten an den Ausstellungsstücken aufgrund der beengten Platzverhältnisse nur schwer möglich. Nach und nach werden jetzt die Kostbarkeiten an den neuen Standort in der Luitpoldstraße gebracht. Die Textil-Restauratorin Christiane Ott-Berger kümmert sich dort um die historischen Faschingskostüme.

Mit viel Geduld näht Ott-Berger in einem Nebenraum des Museums Spannstiche in das weiße Seidengewand der „Bonner Prinzessin“. Das trug früher die „Bonna“, eine Faschingsprinzessin der rheinischen Karnevalshochburg, bis das Stück über Umwege nach Kitzingen kam. „Das Kleid hat einen prima Zustand“, meint die Restauratorin, muss aber dennoch Löcher und aufgegangene Nähte reparieren. Sie ist sechs Wochen lang für das Museum engagiert und flickt, säubert oder erneuert die Montage der Exponate.

„Der Stoff ist wie eine Schallplatte oder Datenträger, man kann sehen welche Tricks der Weber angewandt hat.“
Christiane Ott-Berger Textilrestauratorin

Schon seit zwei Tagen bearbeitet die 55-Jährige aus dem oberbayerischen Landsberg am Lech das handgenähte Gewand aus Bonn mit den goldenen Verzierungen. Ott-Berger bewundert, dass das Kleid mit besonderer Sorgfalt und Kunstfertigkeit angefertigt wurde. „Dies ist eines der schönsten Teile hier“, meint auch Schlereth. Ließe man heute ein solches Kleid herstellen, koste es „mehrere Tausend Euro“. Im Museum soll es eine Schaufensterpuppe tragen und den Besuchern präsentieren.

Außer dem weißen Kostüm, das im Stil des 19. Jahrhunderts verziert ist, hat Ott-Berger noch viel Arbeit vor sich. Die Restauratorin versucht an den Exponaten so wenig wie möglich zu rekonstruieren. Vielmehr geht es ihr darum, die Stoffe zu erhalten und Beschädigungen zu reparieren. Daher verstehen sich Restauratoren als „Konservatoren“, sagt sie.

Einen Riss am Kleid der Bonner Prinzessin hat sie genäht, statt ihn mit Kleber unsichtbar zu verschließen. So bleibt der Stoff haltbar und stabil. Außerdem wird die Restaurierung kenntlich gemacht und fließt damit in die Geschichte des Kleids ein, statt sie künstlich zu kaschieren.

„Der Machart her muss das Gewand aus den Fünfzigern sein“, meint die Fachkundige und deutet auf Hinweise wie Kunstfasern, die auf das ungefähre Alter schließen lassen. Es gibt unzählige Stoffarten – wie ein Detektiv kann die Restauratorin herausfinden, welche Technik angewandt wurde und damit auf Herstellungsort und -zeit schließen. Falls nötig auch mit Lupe und Mikroskop. „Der Stoff ist wie eine Schallplatte oder Datenträger“, meint Ott-Berger, „man kann sehen, welche Tricks der Weber angewandt hat.“

Das Bonner Stück im Museum gefällt der Restauratorin besonders gut: „Es ist sehr liebevoll und aufwendig gemacht.“ In ihrem Leben hat sie schon viele Kleidungsstücke, Teppiche und Vorhänge bearbeitet. Nach ihrem Meister zum Handweber – ein Beruf, den es heute kaum noch gibt – „rutschte“ Ott-Berger 1981 in das Arbeitsfeld des Restaurators. Studiengänge dafür, wie mittlerweile üblich, gab es damals nicht. Daher nahm sie an Kursen und Weiterbildungen teil.

Heute ist sie „total glücklich“ mit ihrer Tätigkeit, auch wenn man damit kaum reich werden kann. Als Freiberuflerin verhandelt sie ihr Gehalt bei jedem Auftrag selbst, manchmal steht es in keiner Relation zum Zeitaufwand. „Fragt mich eine Familie, ob ich ein altes Erbstück restaurieren könne, dann mache ich das unter Umständen auch für etwas weniger Geld. Das ist mir lieber, als wenn das Teil im Keller für immer verschwinden würde.“

Vor allem die Abwechslung erhalte für Ott-Berger den Reiz. Handwerk, Geschichte, Chemie, Physik, Mathematik und Biologie – das alles gehört zu ihrem Beruf dazu. Außerdem noch Fremdsprachen, da viel Fachliteratur aus dem Ausland kommt. Und natürlich braucht die Restauratorin eine ruhige Hand und viel Erfahrung.

Ob sie nicht Angst habe, ein historisches Stück aus Versehen zu beschädigen? „Bisher ist noch nie was passiert“, meint sie. Nur einmal sei bei einem Fächer ein bisschen Kleber abgetropft, der einen Fleck verursachte. Den habe sie mit viel Mühe jedoch fast wieder komplett wegbekommen. Die Besitzerin – ebenfalls eine Restauratorin – war ihr auch nicht böse.

Zu Erfahrung und Fachwissen kommt eine Sammelleidenschaft für Stoffe und Werkzeuge. Viele Textilien sind heute nur noch schwer zu finden, oft recherchiert Ott-Berger stundenlang für ein bestimmtes Stück. Im Ausland ist die Auswahl größer, daher ist sie auch im Urlaub immer auf der Suche und lagert Fundstücke bei sich zu Hause ein. Manchmal warten diese jahrelang auf ihren Einsatz. „Einige Nadeln habe ich schon seit 30 Jahren“, erzählt die 55-Jährige.

Selbst bei Werkzeugen müssen Restauratoren improvisieren und sich diese selber zusammensuchen. Ott-Berger nutzt Skalpelle aus der Chirurgie, feine Nadeln aus Frankreich und sogar einen Stachel von einem Stachelschwein. Dieser hat den Vorteil, nicht so hart wie Metall zu sein und nicht so leicht zu verkleben wie Holz.

Neben Improvisationstalent und Erfahrung brauchen Restauratoren viel Geduld, etwa wenn sie sich stundenlang mit einem Exemplar beschäftigten. Ott-Berger bearbeitet falls möglich mehrere Ausstellungsstücke parallel. „Sich immer nur auf eines zu konzentrieren, ist oft sehr anstrengend.“

Doch abgesehen von der vielen Geduldsarbeit, gibt es auch stressige Phasen. „Notfalls muss man auch 24-Stunden-Schichten schieben“, etwa wenn der Eröffnungstermin einer Ausstellung kurz bevorsteht und noch nicht alle Arbeiten abgeschlossen sind. „Bis jetzt hat es aber immer geklappt“, meint Ott-Berger. So wird es dann bestimmt auch am 11. November sein, wenn das Fastnachtmuseum öffnet und unter anderem das restaurierte Kleid der Bonner Prinzessin zu sehen sein wird.