Sie trinken jetzt nur noch Wasser. Alle. Vor dem Zelt steht eine Plastikkiste, darin Saft, Cola, Cappuccino zum Anrühren. Sie brauchen die Sachen nicht mehr. Hassan Hosseinzadeh sagt: "Wir fühlen uns nicht ernst genommen. Das ist hier kein Picknick." Zehn iranische Asylbewerber sind mitten in Würzburg in den Hungerstreik getreten. Sie kämpfen für ihre Anerkennung als politische Flüchtlinge, wollen mit den Verantwortlichen reden. Mit Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU), doch die lehnt ab. Nicht ihr Zuständigkeitsbereich, heißt es in einem Schreiben. Der Montag ist der 15. Tag der Männer ohne feste Nahrung.

Hassan Hosseinzadeh steht vor dem Zelt, ein durchtrainierter Mann. Knapp zwei Meter ist er groß, breites Kreuz, Stoppelbart. Der 34-Jährigen hat den zweiten Dan im Taekwondo, ein Sportler. Jetzt hängen seine Schultern, die Augen liegen in tiefen Höhlen. Sein Deutsch ist gut, vor fünf Jahren floh er aus dem Iran und fast so lange lebt er jetzt in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft vor der Stadt. Hassan Hosseinzadeh ist so etwas wie der Sprecher der zehn hungernden Iraner. Mit ihm reden die Journalisten, Würzburgs Oberbürgermeister Georg Rosenthal war schon da, am Montagnachmittag kamen Margarete Bause und Simone Tolle von den Grünen. Sie wollen, dass die Männer aufhören zu hungern, sich zu schaden und anders für ihr Anliegen kämpfen. Und sie fordern die Sozialministerin auf, ihre "Verweigerungshaltung" aufzugeben.


Zwei mussten schon ins Krankenhaus


Hassan Hosseinzadeh steckt sich eine Zigarette an. "Vielleicht nehmen sie uns ernst, wenn einer stirbt", sagt er. Masoud, rufen sie ihn hier. Das bedeutet der Glückliche. Hassan Hosseinzadeh muss lachen. Zwei der Hungerstreikenden mussten vor dem Wochenende ins Krankenhaus gebracht werden. Während die Grünen da sind, bricht ein Dritter zusammen. Unterzucker, der Kreislauf hat gestreikt. Der 24-Jährige Samander war einer von ihnen. Er blutete aus dem Mund, das Blut sei vom Magen gekommen, sagt Hassan Hosseinzadeh. Samander kam noch vor dem Wochenende zurück. Jetzt liegt er im Zelt, ruht sich aus.

Das Rote Kreuz hat das Zelt Ende vergangener Woche aufgebaut. Aus Folien und Latten haben die jungen Männer eine Art Fußboden gebastelt, darauf stehen Eisenpritschen und Feldbetten. Auf einem liegt Samander. Seine Hose ist ihm längst zu weit, er hebt müde den Daumen, lächelt. Samander hat in Iran in einer Werft gearbeitet. Facharbeiter war er, als er demonstrierte, musste er fliehen. Zurück kann er nicht mehr. Ihm und den anderen drohe in Iran die Todesstrafe, sagen sie.

Bis vor zwei Wochen lebten die jungen Iraner in der Würzburger Gemeinschaftsunterkunft, einer alten Kaserne mit rostigen Stacheldrahtzäunen, dicken Eisentüren und einem Wachdienst. Belastend. Samander nahm Tabletten gegen Depressionen. Ein anderer junger Mann hat Bettlaken aneinander geknotet und sich aufgehängt. Seine Freunde sagen, er habe es nicht mehr ausgehalten. "In der Gemeinschaftsunterkunft stirbt man langsam", sagt Hassan Hosseinzadeh. So fing alles an.


"Sie sind zu allem bereit"


Sie mussten etwas tun und sind zu allem bereit. Das sagt Joachim Schrepfer, ein Allgemeinmediziner aus Würzburg, der sich zusammen mit zwei Kollegen um die hungernden Männer kümmert. Zwei Mal am Tag kommen sie vorbei, das war eine der Auflagen der Stadt, die die Demo bis nach Ostern genehmigte. Joachim Schrepfer untersucht die jungen Männer.

Freiwillig tut er das, ohne Bezahlung. "Ich finde das unterstützenswert, weil sich das Asylverfahren unheimlich in die Länge zieht und die Leute zum Nichtstun verdammt sind", sagt er. Der Arzt sagt, noch gehe es den zehn Iranern erstaunlich gut. Alle zehn haben Bauchschmerzen, Kopfweh und Schwindelanfälle, lebensbedrohlich sei die Situation momentan für keinen, sagt er. Joachim Schrepfer schätzt, zwischen 20 und 25 Tage könne ein junger Mensch ohne Nahrung auskommen. "Ende der Woche wird es kritisch", sagt er. Dann könnte es zu körperlichen Einbrüchen kommen, die Männer müssten stationär behandelt werden. Aber auch dann wollen Hassan Hosseinzadeh und die anderen nicht aufgeben. Sie fordern ihre sofortige Anerkennung als politische Flüchtlinge. Hassan Hosseinzadeh sagt: "Das ist kein Spiel. Wir meinen es ernst."