Mehrmals am Tag misst Willi Nagler den Zuckergehalt seiner Aroniabeeren mit einem Refraktometer, das auch beim Weinbau zum Einsatz kommt. So kann der optimale Zeitpunkt der Reife – und Ernte – bestimmt werden. "Die Qualität der dunklen Beeren ist gut", sagt Nagler. Der 55-jährige Landwirt aus Eschau (Lkr. Miltenberg) gilt in Unterfranken als Pionier des Arionia-Anbaus. Gerade hat er mit der Ernte begonnen. "Letztes Jahr war aufgrund der Trockenheit eine Katastrophe", sagt Nagler. Die Sträucher sind Flachwurzler und brauchen viel Wasser.

Relativ anspruchsloses Superfood

Die kleinen, schwarzen Beeren gelten als sehr gesund - und daher als Superfrucht. Auf dem Wiesenhof der Familie Nagler wachsen seit 2004 neben Äpfeln, Birnen und Zwetschgen auch Aroniabeeren. Was zunächst mit zehn Pflanzen begann, hat sich zu einem wichtigen wirtschaftlichen Standbein der Naglers entwickelt. Die Anbaufläche beträgt mittlerweile zehn Hektar. "Die Pflanze ist relativ anspruchslos, kommt mit fast jedem Boden zurecht und wird kaum von Schädlingen und Krankheiten befallen", sagt Nagler. 

Die Aronia, auch Schwarze Apfelbeere genannt, ist noch eine Rarität im fränkischen Obstbau. In Unterfranken bewirtschaften bislang fünf Betriebe eine Fläche von etwa 45 Hektar. Außer im Landkreis Miltenberg wird die dunkle Beere noch im Landkreis Kitzingen angebaut. In ganz Bayern bewirtschaften insgesamt 24 Betriebe eine Anbaufläche von 160 Hektar - doppelt so viel als vor fünf Jahren noch. "Der Anbau steigt stetig", sagt Thomas Riehl, Obstfachberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Kitzingen. Allerdings sei der Absatzmarkt auch begrenzt. Das weiß ach Aronia-Pionier Nagler: "Seit Aronia auch in Polen angebaut wird, gibt es bei uns oft eine Überkapazität." Das wirke sich auf den Preis aus.

Wie er zu der vitaminreichen Beere kam? "In der ehemaligen DDR wurde Aronia schon länger angebaut, das habe ich mal im Fernsehen gesehen", sagt Nagler. 1976 war bei Bautzen die erste Plantage errichtet worden mit der Pflanze aus Nordamerika, die dort schon Ende des 17. Jahrhunderts kultiviert wurde. Der Anbau sei relativ unkompliziert, sagt Nagler mit 16 Jahre Erfahrung. Die Sträucher, die bis zu zwei Meter hoch werden, sind frosthart, sogar bis minus 30 Grad. "Nur Unkraut mag die Pflanze nicht." 

Der Name Apfelbeere kommt von den Blüten und Früchten, die dem Apfel sehr ähnlich sind – nur sehr viel kleiner. "Wenn man die Beere roh verzehrt, schmeckt sie auch ein kleines bisschen wie Apfel, nur viel saurer", sagt Nagler. Nur allzu viele Beeren sollte man roh nicht essen. "In den Kernen steckt, wie in vielen anderen Früchten auch, Blausäure", sagt Bernadette Nagler, die am Wiesenhof für die Verwertung der Beeren zuständig ist. "Nur in kleinen Mengen ist der Genuss roh unbedenklich."

Dem Saft sagt man Heilkräfte nach

Gleich nach der Ente werden die Beeren zum Saft gepresst, dem man allerlei Heilkräfte nachsagt. Er enthält viele Vitamine, Mineralstoffe und sekundäre Pflanzenstoffe. Er soll den Blutdruck und den Fettgehalt im Blut senken und das Immunsystem stärken. Auch bei Magen-, Darm-, Leber- und Gallenbeschwerden können die in den Beeren enthaltenen Gerbstoffe hilfreich sein. In Russland und Polen wisse man die Vorzüge von Aronia schon lange zu schätzen, sagt Nagler. Dort sei sie sogar als Heilpflanze anerkannt.

Auch bei der Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veitshöchheim schätzt man die Aronia - als "zu jeder Jahreszeit interessante" Nutz- und Zierpflanze: "Als Bienen- und Augenweide während der Blütezeit im Mai, mit blau-schwarzen Beeren während der Erntezeit im August und mit einer dekorativen Laubfärbung im Herbst", sagt Gartenbauingenieur Hubert Siegler. Daher seiend die Sträucher auch für Hobbygärtner interessant. Siegler rät, verschiedene Sorten anzupflanzen, so gelinge die Befruchtung besser. "Aronia mag keine Staunässe und keine Lehmböden", sagt er. Die Pflege aber sei sei unkompliziert: "Es ist keine sensible Pflanze, daher hat sie eine lange Lebensdauer. Nach einigen Jahren sollte man einzelne starke Triebe bodennah abschneiden, den Strauch somit auslichten." 

Vielfältige Verarbeitungsmöglichkeiten zu Saft, Konfitüre, Likör oder Essig machen die Apfelbeere auch kulinarisch zu einer sehr wertvollen Wildfrucht. "Hobbygärtner sollten mindestens drei Sträucher anpflanzen, wenn sie genügend Früchte für Saft ernten wollen", rät Siegler. Außerdem empfiehlt er, den puren, herben Aroniasaft mit Apfel- oder Birnensaft zu mischen. Und wie erkennt man, ob die Beeren reif sind? "Erntezeit ist, wenn die Früchte fast schwarz sind und die Haut beginnt einzutrocknen." Wer noch mehr Platz für Superfrüchte im Garten hat, dem empfiehlt der Gartenbauingenieur Kornelkirsche, Zierquitte, Kiwibeeren oder Felsenbirne. 

Seminar "Superfrüchte aus dem heimischen Garten"

Die Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau (LWG) in Veishöcheim veranstaltet am Dienstag, 15. September, von 10 bis 15 Uhr ein Seminar zum Thema Wildobst: "Superfrüchte aus dem heimischen Garten". Corona bedingt sind nur noch wenige Plätze frei. Anmeldung per Mail an bay.gartenakademie@lwg.bayern.de Die Teilnahme ist nur nach Bestätigung durch die Bayerische Gartenakademie möglich.
clk