Bernward Unger, Unterfränkischer Vorsitzender des Bayerischen Apotheker Verbandes, räumt mit einem Irrglauben auf: Dass Apotheken zu den Corona-Gewinnern gehören. Das Gegenteil ist der Fall, viele haben dramatische Umsatzeinbrüche. Der Dettelbacher Apotheker spricht von bis zu 70 Prozent – und er appelliert an die Politik. 

Frage: Es gibt die landläufige Meinung, dass Apotheken zu den Gewinnern der Corona-Krise gehören. Wie geht es den Apotheken in der Pandemie wirklich?

Bernward Unger: Der oft lebhafte Betrieb in den Apotheken täuscht über den teils deutlich rückläufigen Ertrag hinweg: Wir haben in der Apotheke unglaublich viel Information, Beratung und Aufklärung geleistet. Durch die allgemeinen Hygienemaßnahmen sind viele 'normale' Erkrankungen stark zurückgegangen, etwa banale Erkältungen, Magen-Darm-Infekte und auch die Fälle der echten Virusgrippe waren bisher sehr wenig. Eigentlich ja eine erfreuliche Tatsache. Aber die dafür eingesetzten Medikamente wurden daher eben auch nicht benötigt. Außerdem sind viele Leute nicht zum Arzt gegangen aus Furcht vor Corona. Apotheken sind also keine Gewinner der Krise.

Wie viel ist im Schnitt weggebrochen?

Unger: Nach meinem Dafürhalten können das in einigen Bereichen 60 bis 70 Prozent sein.

Antibiotika als Ladenhüter...

Unger: Genau, hier gab es deutliche Einbrüche. Ebenso wie bei Hustenblockern und allgemein bei Mitteln gegen Erkältung, Durchfall und Übelkeit.

Und was ging weg wie nichts?

Unger: Im Prinzip die Hygieneartikel rund um Corona: Handschuhe, Desinfektionsmittel, Masken. Das Problem dabei: Wir in der Apotheke mussten anfangs auch die horrenden und irrwitzigen Einstandspreise bezahlen, die der Markt aufgerufen hat. Als die Preise wieder Normalmaß erreicht haben, sind wir teilweise auf großen Mengen sitzen geblieben und mussten oft unter dem Einstandspreis verkaufen. 

Wie bedrohlich ist dies für die Apotheken?

Unger: Wenn bald Normalität einkehrt, ist dieser Rückgang, der sich dann auch wieder normalisieren wird, nicht so bedrohlich wie die vielen im Raum stehenden Rahmenbedingungen für die öffentliche Apotheke, die sich möglicherweise schon bald dramatisch ändern werden.

Könnte es einen Zeitpunkt geben, ab dem auch Apotheken vom Staat unterstützt werden müssen?

Unger: Der Staat gibt Rahmenbedingungen vor, beispielsweise durch die Apothekenpflicht. Andererseits sägen viele Interessensgruppen an den Pfeilern der inhabergeführten und vollumfänglich selbst haftenden Apotheken. Es gibt derzeit teilweise aber auch Überlegungen, Apotheken gezielt strukturell staatliche Mittel zukommen zu lassen. Aus meiner Sicht hektischer Aktionismus, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist.

Wie hat sich die Stimmung der Kunden in den Apotheken seit Corona verändert?

Unger: Wie wahrscheinlich alle sind auch die Kunden in der Apotheke zunehmend genervt von der allgemeinen Situation, die uns allen nicht gefällt.

Wie sehen die Corona-Sicherheitskonzepte in Apotheken aus?

Unger: Ich behaupte mit breitem Kreuz, wir Apotheker haben das sensationell gut organisiert: Schon ganz früh haben wir Schutzscheiben installiert, Schutzkleidung getragen, interne Ablaufpläne erstellt und Risiken minimiert. Corona-Fälle in den Apotheken sind bislang absolute Ausnahmen.

Hat Corona den Bring-Service verstärkt?

Unger: Ja, schon. Zwar war ein Bring-Service schon vorher für die überwiegende Zahl der Apotheken selbstverständlich, in Corona-Zeiten wurde die Zahl der Botendienste deutlich ausgeweitet. Auch hier hat der Staat wenigstens mit einer kleinen Pauschale etwas finanzielle Unterstützung beigesteuert.

Wie stellen sich die Apotheken auf neue Vertriebswege – etwa Apps – ein?

Unger: Apps sind schon vorhanden und werden von vielen Apotheken angeboten, wir wehren uns keinesfalls gegen die Zeichen der Zeit. Dennoch ist auch das gute alte Telefon nicht zu verachten, oftmals gibt es doch Erklärungs- und Beratungsbedarf, sei es zu Rabattverträgen, Dosierung und bei frei verkäuflichen Arzneimitteln stellt sich im persönlichen Gespräch oft heraus, dass ein anderes Mittel wesentlich zielführender ist.

Wie liefen bisher die Masken-Ausgaben ab?

Unger: Die Maskenausgabe über die Apotheken zu organisieren war alternativlos. Meiner Meinung nach hätte es sonst niemand auf die Reihe gebracht, mit gerade mal vier Werktagen Vorlauf an etwa 30 Millionen Menschen rund 100 Millionen Masken zu verteilen, schon gar nicht die Krankenkassen. Wobei die Ausgabe des Großteils der Masken an ganz wenigen Tagen bewerkstelligt wurde.

In den Apotheken sollen künftig auch Schnelltests möglich sein – wie ist der Stand der Dinge und wie sehen Sie das?

Unger: Eine Möglichkeit, die vom Prinzip her durchaus sinnvoll und begrüßenswert ist. Aber die ständig wechselnden Schnellschüsse aus der Hüfte des Bundesgesundheitsministers sind mittlerweile eine Zumutung. Die Rahmenbedingungen sollten ordentlich mit allen Beteiligten festgezurrt werden und die Politik muss ihre Zusagen einhalten.

Wie ist die Apotheken-Dichte im Landkreis Kitzingen. Wie viele Apotheken gibt es überhaupt?

Unger: Der Landkreis Kitzingen ist ein absoluter "Ausrutscher" in der Statistik: Durch die (Wieder)eröffnung zweier Apotheken hat hier die Apothekendichte natürlich zugenommen. Das ist aber nur eine regionale Momentaufnahme. Insgesamt gibt es in Deutschland derzeit nur noch etwa 21 500 Apotheken, in Bayern sind es gut 3400 und im Landkreis Kitzingen 25. Übrigens ist die Apothekendichte in Deutschland auch deutlich niedriger als im EU-Durchschnitt: In der EU sind es 32 Apotheken pro 100 000 Einwohner, in Deutschland 23.

Muss man generell von einem Apotheken-Sterben sprechen? Oder von einer Apotheken-Krise?

Unger: Sterben klingt immer sehr dramatisch. Aber die Zahl der Apotheken sinkt immer schneller, die Zahl der selbständigen Apothekenleiter noch deutlicher.

Wie wirken sich Online-Apotheken aus?

Unger: Online sind wir alle! In vielfältigster Art und Weise. Jeder kann per Mail oder App auch in der Apotheke vor Ort bestellen und bekommt die Lieferung oft noch am gleichen Tag. Der Versandhandel trägt natürlich zum Rückgang der Apothekenzahl bei. Dabei muss unterschieden werden zwischen denen in Deutschland, die sich an die Gesetze halten und denen zum Beispiel aus Holland, die ständig, ungeniert und ungestraft geltendes Recht brechen. Besonders dreist dabei, ausländische Versandapotheken müssen so gut wie keine der vielen gesetzlich vorgeschriebenen Pflichten erfüllen, suchen sich nur die lukrativen Dinge heraus. Kontrolle? Fehlanzeige! Der deutsche Staat darf nur bis zur Grenze, Holland kontrolliert nicht, weil es sich nicht einmal um Apotheken handelt, sondern eher um Logistikzentren.

Drei Gründe, warum es sich lohnt, Apotheker zu sein...

Unger: Es  ist toll, wenn man Menschen direkt und hautnah helfen kann. Sei es ein nicht funktionierender Insulin-Pen oder eine Beratung wegen einer akuten Erkrankung. Die Vielfältigkeit unserer Arbeit ist tatsächlich keine Arbeit, sondern Berufung, die Spaß macht!

Wie sieht's mit Nachwuchs aus?

Unger: Der ist schwer zu finden. Vor allem wollen immer weniger Apotheken auch übernehmen.

Noch ein Blick voraus: 2022 soll das elektronische Rezept eingeführt werden – was verändert sich dadurch?

Unger: Wir begrüßen die Einführung des elektronischen Rezepts, wenn es die Arzneimittelversorgung von Patienten vereinfacht und sicherer macht. Allerdings muss der Patient immer die Hoheit über seine Verordnung haben und sich jederzeit aussuchen können, ob, und in welcher Apotheke er das Rezept einlöst. Wir sehen die Gefahr, dass mit elektronischen Rezepten ein regelrechter Handel betrieben wird. Dem muss sowohl gesetzlich als auch technisch ein Riegel vorgeschoben werden.