Und dann war sie weg. Das bedrohlich ratternde Flutsch-Geräusch des Speichelsaugers hatte Sarina den Rest gegeben. Plärrend stürzte die Kleine vom Zahnarzt-Stuhl direkt in Mamas Arme. Tränen kullerten, gepaart mit herzzerreißendem Wimmern. An eine Zahnbehandlung war überhaupt nicht mehr zu denken. Etliche Male ging das so, eine Belastung nicht nur für Sarina, sondern auch für ihre Mutter.

Panische Angst vor dem Zahnarzt


Wie Sarina geht es vielen Kindern, aber auch Erwachsenen: Sie haben panische Angst vor dem Zahnarzt, ausgelöst etwa durch schlechte Erfahrungen. Manchmal genügt auch der Anblick des Zahnarztes - oder das Geräusch des Speichelsaugers. "Ein Zahnarzt-Besuch ist ja eigentlich nichts Schönes", sagt Dr. Katja Hufnagel. "Der Patient befindet sich auf dem Zahnarzt-Stuhl in einer ausgelieferten Position, das grelle Licht und die fremden Finger im Mund. Angenehm ist das ja nicht", sagt die Zähnärztin. Um diese beklemmende Umgebung in ein anderes Licht zu tauchen, hat Hufnagel Hypnose-Techniken erlernt - und bringt sie in der Praxis zur Anwendung. Das Wohlbefinden wird erhöht, aus Anspannung wird Entspannung - etwa durch Musik. Die eigentliche Behandlung gerät dann in den Hintergrund, der Patient befindet sich in einem Trancezustand, er bekommt die Umwelt zwar mit, sie spielt in diesem Moment aber überhaupt keine Rolle. In Sarinas Fall hat es bestens funktioniert, die Panik ist verflogen. Jetzt, einige Monate später, sitzt der blonde Dreikäsehoch tiefenentspannt auf dem Zahnarztstuhl. "Wann geht's denn endlich los? Und wo ist der Zaubervogel?", fragt Sarina. Ihre Mutter kann sich ein Grinsen nicht verkneifen. "Vor ein paar Monaten wäre das noch unvorstellbar gewesen", sagt sie. Auf der Fingerkuppe des rechten Zeigefingers balanciert Sarina den Zaubervogel, eine klassische Ablenkungs-Taktik. "Bei Kindern ist die hypnotische Behandlung anders als bei Erwachsenen, es geht mehr um Vertrauen, um Routine und um die Berechenbarkeit einer Behandlung", sagt Ärztin Hufnagel.

Keine Bühnenshow


Hypnose in der Zahnarztpraxis - das klingt erst einmal skurril, hat mit einer willenlosen Bühnenshow aber nichts zu tun. "Bei Hypnose gibt es viele Vorurteile, die man erst abbauen muss. Etwa, dass man nicht mehr aufwacht - oder dem Hypnotiseur ausgeliefert ist", sagt Hufnagel. Gerüchte, die auch Sarinas Mutter ins Reich der Legenden verweist. "Ich bekomme die komplette Behandlung mit, es interessiert mich aber nicht, da ich in meine eigene Welt vertieft bin." Auch sie hat es durch die Techniken geschafft, den Zahnarztbesuch ohne Panikattacken zu absolvieren.
Zehn bis 15 Minuten, sagt Hufnagel, werden im Vorfeld einer Behandlung für die Einstimmung benötigt: "Der Patient wird durch Musik und die Stimme des Arztes in einen dissoziierten Zustand gebracht. Mund und Zähne werden sozusagen zur Reparatur abgegeben, während man sich im Inneren an einem wunderschönen Ort befindet und dort zur Ruhe kommt." Aber: Die "Einstimmungs-Kosten" werden von den Krankenkassen in der Regel nicht getragen. In Deutschland steckt die Hypnose-Behandlung noch in den Kinderschuhen, während sie - gerade in Nordeuropa - weit verbreitet ist. Hufnagel musste, um Hypnosetechniken in der Praxis anwenden zu dürfen, einen Kurs besuchen. Auch das sei wohl ein Grund, weswegen viele Zahnärzte Hypnose-Anwendungen scheuten.
Durch die guten Erfahrungen hat Hufnagel einige der Hypnose-Techniken in den regulären Praxisbetrieb übernommen. "Jeder Patient möchte doch beruhigt und ernst genommen werden", sagt Hufnagel. Im Grunde falle nur die zehn bis fünfzehnminütige Einführung weg.
Mittlerweile bringt Sarina die Zahnarzt-Besuche selbst hinter sich. Ihre Mutter bleibt draußen, sitzt im Wartezimmer und blättert in den Zeitschriften. "Das ist sehr entspannend, auch für mich. Und das ganz ohne Hypnose."

Weitere Infos zur Hypnose-Behandlung beim Zahnarzt lesen Sie in der Mittwochsausgabe der Kitzinger