Zu jeder halben und ganzen Stunde kann man vor einem Dachfenster des Wiesenbronner Rathauses ein historisches Glockenspiel beobachten. Die Figuren auf der Ostseite zeigen einen Bauern mit einer Mistgabel und einen Häcker mit einer Hacke ("Karscht"), die aufeinander einschlagen. Das etwa Mitte des 18. Jahrhunderts erschaffene Kunstwerk sollte den Streit zwischen den besser gestellten Bauern und den nicht so betuchten Häckern darstellen.

Der 72-jährige Willi Gebert hat inzwischen die  Aufgabe übernommen, das altertümliche und pflegeintensive massive Uhrwerk mit seinen vielen Stahlseilen und Gestängen im Dachboden des Rathauses am Leben zu erhalten. Ehrenamtlich natürlich. Mittlerweilen kennt der gebürtige Wiesenbronner die gesamte Technik in und auswendig. "Das ganze technische Wissen habe ich mir selbst angeeignet", sagt er stolz. Als gelernter Schlosser hatte er die nötigen Voraussetzungen.

Vor gut 100 Jahren wurde das Uhrwerk repariert

Aus alten Unterlagen und Erzählungen ist bekannt, dass das Uhr- und Figurenwerk gegen Ende des 18. Jahrhundert für lange Zeit außer Betrieb war. Erst im Jahr 1911 hat es der Rothenburger Großuhrenmeister Friedrich Holzöder restauriert und mit einem neuen Uhrwerk versehen. Die entsprechende Rechnung über 380 Mark liegt heute noch in der Gemeinde vor. "Für das Geld würdest du heute nicht einmal mehr ein Zahnrad bekommen", sagt Willi Gebert.

Der Wiesenbronner Altbürgermeister Gerhard Müller erinnert sich noch, dass der Uhrwerksschrank bis zum Jahr 1974 im Vorraum zum heutigen Rathaussaal stand. Gestänge und Seile wurden durch ein Loch in der Decke auf den Dachboden geführt. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg hat der Gemeindediener Georg Wolf die komplizierte Technik aufrecht erhalten. Nach diesem folgte Paul Wilhelm und von diesem hat dann Willi Gebert im Jahr 2007 den Job übernommen.

"Das ging ganz schnell", erinnert sich Gebert. "Der Bürgermeister hat gesagt: 'Du machst das', und schon war ich dabei." Seitdem ist der Dachboden des Wiesenbronner Rathauses sein Reich. Eine verwirrende Anzahl von Gestängen und Zugseilen gehen von dem Uhrenkasten aus in Richtung Dachfenster, hinter dem die Figuren auf einer Scheibe befestigt sind. An einem Dachbalken hängt ein knapp 50 Kilogramm schweres Eisenstück: das Gewicht für das Uhrwerk.

Dank des Tüftlers läuft die Uhr jetzt besser

"Damals war schon einiges zu reparieren", sagt der Tüftler. "Stundenlang war ich oft vor dem gesamten Kunstwerk gesessen und habe gegrübelt, was ich besser machen kann." Die Aufhängung vom Pendel bestand früher aus einem Lederriemen. "Ich habe da ein Kugellager reingebaut und Gestänge in die Gelenke gesteckt. Jetzt läuft's besser." Als echter Handwerker ist er begeistert von seiner Arbeit: "Mir gefällt es halt, wenn die Uhr wieder geht. Und vor allem richtig!"

Vor einiger Zeit ist das Stahlseil des Gewichtes gerissen. Die knapp 50 Kilogramm haben ein richtiges Loch in den Fußboden geschlagen. Hier hat der Schlosser ein Auffanglager unter dem Gewicht errichtet, damit bei einem erneuten Riss des Seiles nicht mehr so viel beschädigt wird.

Die Zeitdarstellung ist sein größtes Problem. "Durch die Hitze im Sommer und die Kälte im Winter verziehen sich die Leitungen. Dadurch geht das Uhrwerk manchmal nach oder vor." So kommen zum üblichen Kontrollgang am Sonntag, nach dem Kaffeetrinken, oft noch weitere Arbeitsbesuche im Rathaus.

Ohne moderne Funkuhr geht's nicht

Was in den schon fast museumsreifen Dachboden des Rathauses überhaupt nicht reinpasst, ist eine kleine, moderne Funkuhr, die auf dem Schrank des historischen Uhrwerks steht. Ein absolutes Muss laut Gebert, für den eine exakte Uhrzeit extrem wichtig ist. Doch da geht es nicht nur ihm so: Beim Gang durch den Ort ist der Blick zur Rathausuhr schon fast gewohnheitsmäßig. "Wenn ich mal was übersehen haben sollte, werde ich sofort von den Bürgern angesprochen: 'Willi, deine Uhr geht nicht richtig!"

Laut dem Wiesenbronner Bürgermeister Volkhard Warmdt ist die Arbeit des engagierten Gemeindemitgliedes ein absoluter Gewinn für das Dorf. "Ich weiß, dass das technisch sehr komplexe Werk bei dem Willi in guten Händen ist!"