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MÜNSTERSCHWARZACH

Alle Jahre wieder kam Helmut Kohl ins Kloster nach Münsterschwarzach

Alle Jahre wieder kam Helmut Kohl ins Kloster nach Münsterschwarzach. Er schätzte nicht nur die Benediktiner, sondern auch die Region. Dafür gab es mehrere Gründe.
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_ Foto: Bundeskanzleramt

Auf Helmut Kohl konnte man sich verlassen: Urlaub am Wolfgangsee, Fastenkur in Bad Gastein und weihnachtlicher Besuch in der Abtei Münsterschwarzach. Er schätzte Rituale und auch das fränkische Benediktinerkloster. Alle Jahre wieder seit 1982 außer 1989 – dem Jahr der Wiedervereinigung – erhielt die Klosterpforte einen Anruf oder ein Fax aus dem Bundeskanzleramt: Helmut Kohl wolle mit seinem innersten Führungszirkel und einigen Vertrauten zum weihnachtlichen Betriebsausflug in das Kloster reisen. Für etwa zwei Stunden war es dann das Machtzentrum der Bundesrepublik. In dem Tross von etwa 30 Personen befanden sich Politiker mit klangvollen Namen und nicht geringem Einfluss, beispielsweise Wolfgang Schäuble, Eduard Ackermann und Horst Teltschick. Wer dabei war, gehörte zum „Küchenkabinett“ des mächtigsten Mannes der Bundesrepublik.

Bruder Manuel hatte Helmut Kohl – der am 16. Juni im Alter von 87 Jahren gestorbenen ist – und seine Vertrauten in Schwarzach zu betreuen. Der Benediktiner hatte den Kanzler abzuschirmen vor allzu aufdringlichen Journalisten. Da wollte etwa ein Reporter des „Stern“, der Kohl nicht sonderlich gewogen war, 1988 unbedingt ein Foto vom Regierungschef und seiner Gruppe in der Abteikirche machen. Der Kanzler sei sehr ungehalten darüber gewesen und habe mit dem Abt gesprochen, der schließlich das Fotografieren untersagte. Der „Stern“ habe sich dafür „gerächt“ mit einem knappen, ironischen Bericht unter der Überschrift „Wasser und Wein“, so der Mönch.

Auf dem Militärflughafen in Kitzingen traf die Besuchergruppe stets ein. Der Kanzler selbst reiste von dort aus mit der hellblauen Mercedes-Limousine und dem legendären Chauffeur Eckhard Seeber an, die Übrigen mussten mit einem Bus vorlieb nehmen. Vor der Klosterpforte warteten schon die fränkischen Parteifreunde, Postminister Wolfgang Bötsch und Michael Glos, und natürlich Abt Fidelis Ruppert, den Kohl besonders schätzte. Oft war der Pfälzer sofort umringt von Schülern des Egbert-Gymnasiums, die von dem Besuch Wind bekommen hatten und Autogramme erhielten.

Besinnlich haben für die Politiker die Weihnachtsferien beim Mittagsgebet um 12 Uhr mit den Mönchen im Münster begonnen. Dieses Chorgebet wurde dem Kanzler zuliebe gesungen mit Orgelbegleitung, was sonst in der Adventszeit unüblich ist. Anschließend stärkte sich die Gruppe bei einer Jause. Dabei durften Blaue Zipfel und der Apfelmost aus der Klosterkelterei nicht fehlen.

„Recht zwanglos und ganz normale Leute waren die hohen Politiker. Es hat ihnen gefallen, mit uns sprechen zu können“, sagt Bruder Manuel und verrät auch, dass Bruder Hugo oft mit Kohls Chefsekretärin Juliane Weber bei einer Zigarette einen Plausch hielt. Vielleicht rührt daher die Einladung von 1985 an 20 Mönche, ins Kanzleramt zu kommen.

Kohl liebte das Bad in der Menge – ohne Begleitschutz. Nach dem Klosterbesuch fuhr die Mannschaft oft nach Würzburg zu einem unangekündigten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt. Dann ging es normalerweise über Miltenberg nach Amorbach in die ehemalige Abteikirche. Man traf dort auf die Fürstin von Leiningen, der Besitzerin des Klosters, und lauschte einem Konzert mit der berühmten Orgel. Der Weihnachtsausflug klang aus mit einem Abendessen in einem Frankfurter Feinschmeckerlokal.

Die Reise nach Franken hatte sich herumgesprochen. Insofern seien die Ausflüge auch öffentlichkeitswirksam gewesen, mutmaßt Bruder Manuel. „Auch das Ansehen unseres Klosters hat davon profitiert.“ Viel wurde gerätselt über den Grund der weihnachtlichen Visite. Man spekulierte, Kohl mache Exerzitien oder habe Grund zum Beichten. Eine Karikatur in der Main-Post vom 20. Dezember 1995 zeigt Kohl im Mönchsgewand vor der Klosterpforte mit den Worten: „Für unsere Nation ist es wichtig, dass ich und der liebe Gott alljährlich in uns gehen.“

Tatsächlich war es eine Reise in die Vergangenheit, zumal Kohl nicht nur verwandtschaftlich mit Franken verbunden war. Im August 1945 hatte er für ein dreiviertel Jahr eine landwirtschaftliche Lehre in Düllstadt gemacht. Oft habe er damals die Abtei besucht. Hart sei seine Zeit als Lehrling gewesen, liest man in seinen Erinnerungen. Von den Zugochsen, mit denen er manchmal pflügen musste, habe er für die Politik gelernt. „An den Umgang mit sturen Ochsen habe ich mich in meinem ferneren Leben noch oft erinnert gefühlt.“ Als Kohl 1998 abgewählt wurde, endeten die Besuche in Münsterschwarzach. Nur einmal 2004 am Tag nach dem 60.

Geburtstag seines Gefolgsmannes Michael Glos, der in Castell gefeiert wurde, besuchte der Ex-Regierungschef mit seiner zweiten Ehefrau das Kloster. Schon etwas gebrechlich sei er da gewesen, erinnert sich Bruder Manuel Witt. Auch daran, dass Nachfolger Gerhard Schröder einmal in Münsterschwarzach gesichtet worden sei. Allerdings nicht im Kloster, sondern in der gegenüberliegenden Gaststätte.

Im Buch „Mainfränkische Sommerbilder: Impressionen aus dem Herzen Deutschlands“, das 1994 im Echter Verlag Würzburg erschien, hat auch der Pfälzer einen Beitrag hinterlassen. Darin erinnert er sich unter anderem, was die Abtei für ihn bedeutet hat: „Meine Liebe zu Münsterschwarzach ist bis heute geblieben [...] Wenn ich in die Mittagshore nach Münsterschwarzach komme, fällt alle Hektik von mir ab. […] Schließlich hat Münsterschwarzach für mich auch eine stark menschliche Komponente. Hier lebt und wirkt ein Abt (Fidelis Ruppert, 1982 bis 2006, Anmerkung der Redaktion), ich möchte sogar sagen ein Prachtexemplar von einem Abt, mit dem ich seit vielen Jahren freundschaftlich verbunden bin. So gibt es viele Gründe, jedes Jahr einmal nach Münsterschwarzach zu kommen, um Stunden der Besinnung und Einkehr zu erleben und Kraft zu schöpfen.“

Helmut Kohl und der Landkreis Kitzingen

Verwandtschaftliche Beziehungen: Helmut Kohl, zu dessen Gedenken am 1. Juli erstmals ein europäischer Staatsakt im Europaparlament in Straßburg stattfinden wird, hatte in vielerlei Hinsicht eine innige Beziehung zum Landkreis Kitzingen. Neben den regelmäßigen Abstechern nach Münsterschwarzach gab es eine ganze Reihe weiterer Besuche im Landkreis. In Kitzingen gab es beispielsweise verwandtschaftliche Beziehungen zu den Familien Ley (Löwenapotheke) und Lorenz (Malergeschäft). Die Unterschrift des Bundeskanzlers findet sich denn auch im Goldenen Buch der Stadt. Vor der Bundesstagswahl im Dezember 1990 war Kohl bei einer Wahlkampfveranstaltung in Kitzingen und trug sich bei diesem Anlass auch in das Goldene Buch ein.

Schlappmaul-Orden: Kohl und die Kitzinger Karnevalsgesellschaft (KiKaG) sind sich mindestens zweimal begegnet. 1997 waren die Vertreter Norbert Schober und Peter Ley beim Karnevals-Empfang des Bundeskanzlers Helmut Kohl in Bonn eingeladen. Sie übergaben dem Kanzler einen Orden. Es sollte nicht der einzige bleiben, den Kohl aus Kitzingen bekam. Im Jahr 2000 machte die KiKaG den Kanzler zum Schlappmaul und verlieh ihm den entsprechenden Orden. Der kam dafür aber nicht – wie sonst üblich – nach Kitzingen. Die Kitzinger Narren überreichte den Orden in Berlin. Kohl und Glos: Beim Kreisbürgerfest der CSU in Prichsenstadt im Mai 2002 sprach Helmut Kohl vor 2000 Besuchern. Im dortigen Rathaus trug er sich ebenfalls ins Goldene Buch ein. Möglich gemacht hatte den Besuch der damalige Vorsitzende der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Michael Glos. Er hatte den Alt-Bundeskanzler in seine Heimatgemeinde eingeladen. Bei der Gelegenheit besuchte man neben Brünnau auch Gerolzhofen, wo Kohls Eltern von 1921 bis 1928 lebten. (lsl/fw)