Ihr Gastronomen-Herz ist gebrochen. Dabei ist sie mit Leib und Seele Wirtin, verwöhnt ihre Gäste mit Speis und Trank, aber auch mit dem ein oder anderen Plausch. Inzwischen ist Petra Firnbach weder nach Anstoßen noch nach Smalltalk zumute. Jetzt braucht es klare Worte. „Vergiss mein nicht“ steht auf den Plakaten, die sie vor ihrem Traditionsgasthaus „Rotes Ross“ in Markt Einersheim aufgestellt hat. Dass sie am Montag mit ihrem Team an der Aktion „Gedeckter Tisch“ des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) teilnimmt, war für sie selbstverständlich. Und unausweichlich.

Dem „Roten Ross“ geht es nicht anders als vielen weiteren Gasthäusern, Hotels und Pensionen im Landkreis Kitzingen und in ganz Deutschland. Die Branche lag seit März 2020 insgesamt für sechs Monate brach. Thomas Dauenhauer, der Vorsitzende der Kreisstelle der Dehoga Bayern, kann es nicht nachvollziehen, dass die Wirte seiner Ansicht nach so im Regen stehen gelassen werden. „Die Maßstäbe und Inzidenzwerte, die für Öffnungen in anderen Branchen, wie dem Einzelhandel oder in Baumärkten gelten, müssen auch für das Gastgewerbe gelten.“

Er kämpft seit vergangenem Frühjahr dafür, dass die Gastronomie in dieser Krise nicht vergessen wird. Mit der Aktion „Gedeckter Tisch“ auf dem Kitzinger Marktplatz sowie an weiteren Standorten, unter anderem in Volkach, Dettelbach, Großlangheim, Iphofen und Markt Einersheim, richtet der Verband einen weiteren Appell an die Entscheidungsträger und fordert klare Perspektiven. „Eine Fortsetzung der Politik nach dem Motto ,Ihr bleibt zu, damit andere öffnen können‘ ist für die Unternehmer und Beschäftigten im Gastgewerbe inakzeptabel.“ Schließlich habe er als Kreisvorsitzender nicht nur in seinen eigenen Häusern dafür gesorgt, dass die Hygienestandards stetig nach oben geschraubt und jeder Pandemie-Lage angepasst wurden, sondern auch andere Mitgliedsbetriebe in seinem Zuständigkeitsbereich dabei unterstützt und beraten. „Die Sicherheit von Mitarbeitern und Gästen steht für uns dabei immer an oberster Stelle“, sagt Dauenhauer. Auch Petra Firnbach hat in ihrem „Roten Ross“ stetig nachgebessert. Eine Woche nach Ende der Betriebsferien hatte sich die Frühjahr-Saison 2020 für sie erst mal wieder erledigt. Im Mai durfte sie wieder öffnen. Für das entfallene Ostergeschäft gab es zunächst Ausgleichszahlungen, die sie zum Großteil wieder zurückerstatten musste. Schließlich durfte sie sich in den Sommermonaten über regen Besuch freuen, der kleine Biergarten und die großzügigen Gasträume waren – gemäß der Abstandsregeln – gut gefüllt.

Auch der gesellschaftliche Höhepunkt im Markt Einersheimer Kalenderjahr, die Kirchweih, brachte traditionsgemäß viele Gäste. Knapp sechs Wochen später kam aber schon der nächste Lockdown – der bis heute anhält. „Unsere Novemberhilfen haben wir gerade erst bekommen“, erklärt Petra Firnbach resignierend.

Trotzdem versuchen die Firnbachs, das Beste aus der Situation zu machen. Aus einer verkleinerten Speisekarte suchen sich vornehmlich Stammgäste ihr Essen zum Mitnehmen aus, wirklich kompensieren kann dieses Geschäft die Ausfälle aber nicht. „Das ,To Go‘-Angebot ist eigentlich mehr Kundenbindung. Und ein bisschen Therapie“, gibt Petra Firnbach Einblick in ihr Seelenleben. 175 Essen müssten es schon sein, dass es sich pro Schicht rechnet – dann sind zumindest die Aushilfen bezahlt, die zur Unterstützung in der Küche oder am Empfang gebraucht werden.

„Das darf so nicht weitergehen“, sagt auch Thomas Dauenhauer. „Wenn vergleichbare Branchen, wie der Einzelhandel, wieder öffnen dürfen, muss es auch im Gastgewerbe wieder losgehen – und zwar so, dass die Betriebe wirtschaftlich arbeiten können.“

Um diese Forderung zu bekräftigen, sind am Montag, zur besten Mittagessen-Zeit, Michael Seufert, Karin Molitor-Hartmann und Kilian Dauenhauer zum Kitzinger Marktplatz gekommen. Der stellvertretende Vorsitzende der Kitzinger Dehoga-Kreisstelle hat zusammen mit der Wirtin aus dem Hotel und Gasthaus Benediktiner in Münsterschwarzach und dem Konditormeister im Café Kehl in Dettelbach ein Gästebett vorbereitet und einen Tisch gedeckt. Sie verteilten farbenfrohe Päckchen mit Vergissmeinnicht-Samen an die Passanten, die regen Anteil an der misslichen Lage der Gastronomie nahmen.

Auch Oberbürgermeister Stefan Güntner ist mit seinen beiden Stellvertretern Manfred Freitag und Astrid Glos vorbei gekommen, um seine Solidarität zu zeigen. „Manche Maßnahmen sind einfach nicht sinnführend“, findet er. „Die monatelange Schließung der Gastronomie gehört dazu.“ Und Tourismusreferent Walter Vierrether weiß ebenfalls um die Bedeutung der Wirtshäuser und Hotels für den Fremdenverkehr in der Großen Kreisstadt. „Gastronomie und Tourismus bedingen sich gegenseitig“, betont er.

Es wird ihn freuen, dass sich unter anderem auch der Bayerische Hof im Herzen der Kitzinger Altstadt mit einem gedeckten Tisch an der Dehoga-Aktion beteiligte, ebenso wie viele weitere Gastronomen aus dem Landkreis. Ihnen allen geht es – vor dem Treffen der Ministerpräsidenten am Mittwoch – vor allem um eines: Öffnungsperspektiven. Dabei sehen die zumindest für Petra Firnbach nicht nur rosig aus. „Wir wären froh, wenn wir zu Ostern wieder öffnen dürften“, sagt sie. „Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob wir das stemmen können.“ Schon vor Corona sei es schwierig gewesen, Aushilfen für die Arbeit im Betrieb zu finden, in dem Ehemann Jürgen zusammen mit Sohn Ralf für die Spezialitäten aus der Küche verantwortlich zeichnet und die anderen beiden Söhne, Erik und Matthias, regelmäßig am Zapfhahn stehen. „Jetzt haben sich die Familien unserer Aushilfen daran gewöhnt, dass sie die Abende oder Wochenenden zusammen verbringen können. Wer weiß, wie viele das auch weiter genießen möchten?“

Zudem hätten sich viele andere (Neben-)Jobs suchen müssen und kämen nun schlichtweg nicht zurück ins „Rote Ross“. Trotz allem wünscht sie sich, dass sie ihre Türen bald wieder öffnen, die Gäste bewirten und mit Freude plaudern kann. Am liebsten über ein anderes Thema als Corona.

Aktion „Gedeckter Tisch“

Von der Nordsee bis zur Zugspitze haben am 1. März deutschlandweit Hoteliers und Gastronomen einen gedeckten Tisch bzw. ein gemachtes Bett als stillen Protest auf einen öffentlichen Platz aufgestellt, um im Vorfeld der nächsten Bund-Länder-Gespräche am 3. März auf die verzweifelte Situation der Betriebe und die momentane Perspektivlosigkeit aufmerksam zu machen.

Im Landkreis Kitzingen haben sich das Café Kehl und das Akzent-Hotel Franziskaner in Dettelbach, der Patrizierhof in Großlangheim und das „Rote Ross“ in Markt Einersheim beteiligt. Die zentrale Aktion fand auf dem Marktplatz in Kitzingen statt, zudem deckten Gastronomen auf dem Volkacher Marktplatz den Tisch. (jvo)

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version des Artikels enthielt die Information, dass Familie Firnbach als Betreiber des „Roten Rosses“ in Markt Einersheim die Novemberhilfen noch nicht erhalten hätten. Diese sind just am 1. März, am Tag der Veröffentlichung dieses Artikels, eingegangen. Entsprechend wurde der Inhalt des Textes angepasst.