Monate lang bekam eine Witwe (81) in Kitzingen fast täglich Besuch von einem hilfsbereiten 35-Jährigen, den sie kurz nach dem Tod ihres Mannes beim Einkaufen in einem Supermarkt kennen gelernt hatte. Zuwendung sieht anders aus, urteilte gestern ein Richter in Würzburg. Die einsame Witwe sei "ausgenutzt und ausgenommen" worden.

Der Familienvater, der bereits elf Vorstrafen zur Verhandlung mitbrachte, ist wegen Körperverletzung, Bedrohung und einem Verstoß gegen das Waffengesetz zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Vieles von dem, was dem Kosovo-Albaner in einer umfangreichen Anklageschrift vorgeworden wurde, war, so Richter Thomas Behl, zwar "moralisch verwerflich", aber "noch nicht strafbar".

Bewährung gab es vor allem deswegen, damit der Angeklagte seinem Opfer bis Jahresende einen Betrag von 1 500 Euro zur Wiedergutmachung zahlen kann. Jeden, auch den geringsten Kontakt zu der Witwe, hat das Gericht dem 35-Jährigen untersagt, er solle die Frau in Ruhe lassen. "Wenn mich die Frau anruft und sagt, dass sie bedroht wurde, sind Sie ganz schnell drinnen im Knast", warnte Richter Behl den Angeklagten.

Dass der Mann die alte Dame, wie sie schon beim Ermittlungsrichter ausgesagt hat, bestohlen und betrogen haben soll, war bei der Verhandlung plötzlich nicht mehr eindeutig zu klären. Alles lag in einer Grauzone zwischen freiwillig geschenkt und "auf Druck herausgeben": Die Zeugin kam, als ihr frühere Aussagen vorgehalten wurden, vielleicht altersbedingt ins Schwimmen, vielleicht tat es ihr aber auch leid, dass der Ex-Helfer jetzt auf der Anklagebank saß. Inzwischen rufe sie ihn schon wieder regelmäßig an und lade ihn in ein Cafe ein, behauptete er.

Vieles bleibt ungeklärt


Ob der 35-Jährige für seine angeblich schwer kranke Mama auf dem Balkan zum Kauf teurer Medikamente die Witwe um ein 1 000 Euro- Darlehen gebeten, aber nichts davon zurück bezahlt hatte oder ob es sich bei dem Betrag, wie der Angeklagte behauptet, um eine freiwillige Zuwendung der inzwischen 82-Jährigen handelte, war nicht mehr aufzuklären. Auch nicht, ob die Zeugin, als die Trauer noch frisch war, dem Zufalls-Bekannten eine goldene Kette schenkte oder ob er sich die einfach genommen hat. Gleiches galt für einen Gang zum Geldautomaten, mit EC-Karte und Pin-Nummer der Witwe, wo er erheblich mehr abgehoben haben soll, als er sollte.
Bis zu zehn Mal am Tag habe ihn die Frau angerufen, stöhnte der Angeklagte nachträglich. Und als er dann wegen seines Berufs nicht mehr so häufig vorbei kommen konnte, habe ihn die Frau vermutlich aus Hass angezeigt, unterstützt von einer Bekannten. Das habe er nun davon, dass er die Witwe, die seiner Meinung nach Hilfe brauchte, behandelt hat, als wäre sie seine eigene "Mutti".

Er sei mit ihr in die Sauna nach Bad Windsheim gefahren und regelmäßig in Kitzingen zum Grab ihres Mannes, wo er ihr, wenn sie weinte, Mut machte und sagte "Kopf hoch, Leben muss weiter gehen". Er habe die Frau auch zu weit entfernt wohnenden Verwandten gefahren und dort wieder abgeholt.

Mit der flachen Hand ins Gesicht


Bei Prozessbeginn hat der Handwerker alles bestritten, nach einer vom Gericht angeregten Pause gab er einiges zu: Zum Beispiel, dass er der 81-Jährigen bei einem Wortwechsel im Pkw mal mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen hat. Ein Auge sei danach blau gewesen, so die Frau bei ihrer Anzeige bei der Polizei. Gestern relativierte sie: "So blau war es auch wieder nicht".

Gestanden hat der Angeklagte auch eine massive Drohung. Als er mal nicht bekam, was er wollte, soll er darauf hingewiesen haben, dass er Kontakte zur Frankfurter Mafia habe. "Die erschießen Dich durchs Fenster und werfen Dich dann in den Main" sagte er. Die Rentnerin nahm das sehr ernst, da sie wusste, dass der Mann fünf Jahre "wegen was größerem"" gesessen hat.

Beim Verstoß gegen das Waffengesetz gab es nichts zu bestreiten. Ein Butterfly-Messer hatte die Polizei in seinem Pkw gefunden. Das lag dort schon lange, so der Angeklagte, zum Schutz vor Autoräubern, wenn er nach Serbien fuhr.

Die meisten Vorstrafen des Angeklagten stammen vom Amtsgericht Kitzingen. 2001 war er vom Landgericht Würzburg wegen versuchter räuberischer Erpressung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt worden. Zusammen mit einem Handwerksmeister aus Dettelbach und einem arbeitslosen Türken aus Kitzingen hatte er damals versucht, in Würzburg den Alleininhaber des Modekonzerns s. Oliver zu erpressen. Die Männer hatten von dem Firmen-Chef 3,5 Millionen Mark gefordert. Wenn er nicht zahle, werde sein Haus am Stadtrand von Würzburg in die Luft gejagt und zwar mit den Bewohnern, hatten sie gedroht.

"Morgen Dein letzter Tag"


Mit einer scharfen Waffe hatte der Verurteilte damals auf die Haustüre des Erpressten geschossen. Am nächsten Tag sagte ein Anrufer, der Hausherr solle sich die Haustüre genau anschauen. Das klang nach einer weiter gehenden Drohung, nach dem Motto: "Beim nächsten mal treffen wir dich". Nach dem 16. Anruf aus einer öffentlichen Telefonzelle im Raum Kitzingen hatte die Polizei die Erpresser ermittelt und festgenommen.
Ihr Auftraggeber sei, erwähnten die Anrufer, "Dombrowski." Damit wollten sie den Eindruck erwecken, dass die Russen-Mafia hinter der Erpressung stehe. Und um dem ganzen noch einen internationalen Anstrich zu geben, hat mal der Türke und mal der Kosovo-Albaner angerufen. Mit so deutlichen Sätzen wie "Lebben is kurz, morgen dein letzter Tag".
Der Dettelbacher Handwerker hielt sich beim Telefonieren zurück, weil er befürchtete, das Opfer könne ihn an der Stimme erkennen. Er hatte wiederholt für S. Oliver Arbeiten ausgeführt. Dass die Erpressung im Versuchsstadium stehen blieb, lag, so die Richter damals, ausschließlich daran, dass der s.Oliver-Chef bereits beim ersten Anruf Zahlungen verweigerte und die Polizei einschaltete.