Jetzt ist es raus. Werner May atmet tief durch. Er wirkt zwar nachdenklich, aber auch erleichtert. Soeben hat der 50-jährige Etwashäuser seinen Rückzug aus der größten Kitzinger Stadtratsfraktion, der Unabhängigen sozialen Wählergruppe (UsW), verkündet. "So wie bis jetzt geht es einfach nicht mehr weiter!"

Auf diese Nachricht hätte Oberbürgermeister Siegfried Müller (UsW) sicher gern verzichtet. "Ich bedauere das sehr, habe aber gleichzeitig auch Verständnis", stellte Müller gestern gegenüber der "Kitzinger" fest. May will sich künftig als fraktionsloser Rat "für das Wohl der Stadt einsetzen". Auch sein Amt als 2. Bürgermeister möchte er "weiter mit vollem Einsatz ausfüllen", betont das langjährige Vorstandsmitglied des TV Etwashausen. Dem Verein UsW wird May ebenfalls die Stange halten - anders als der Fraktion.

Diese verkleinert sich durch Mays Abdankung auf sieben Sitze plus OB. Damit bleibt die UsW zwar mitgliederstärkste Gruppe. Der Zerfall in zwei Lager - ein OB-nahes und ein oppositionelles um Karl-Heinz Schmidt und Rosmarie Richter - ist aber deutlich spürbar. Und bei Abstimmungen im Stadtrat auch sichtbar.

Weitere Austritte?


Ob May weitere Stadträte folgen? Sicher ist, dass nicht nur der Wirtschaftsreferent den Gedanken an einen Austritt seit längerem mit sich herumtrug. Peter Lorenz, der wie May als gemäßigter Stadtrat gilt, sagte gestern gegenüber der "Kitzinger", er werde der Fraktion erhalten bleiben, auch wenn er den fehlenden Konsens nicht gut finde. Weder dem Oberbürgermeister noch dem Verein wolle er jedoch durch einen Austritt ein "negatives Signal" geben.

Das möchte eigentlich auch Werner May nicht. "Im Verein werde ich bleiben. Und mein Austritt aus der Fraktion hat nichts mit dem Oberbürgermeister oder der Verwaltung zu tun - die werde ich weiterhin unterstützen. In Zukunft eben als Fraktionsloser." Ob er sich vielleicht auch einer anderen Fraktion anschließen wird? "Vorerst sicher nicht", antwortet May.

Wahlkrimi mit Folgen


Rückendeckung aus den eigenen Reihen verliert OB Müller durch die Entscheidung seines 2. Stellvertreters auf jeden Fall. Erst vor elf Monaten war Werner May zum 2. Bürgermeister gewählt worden, nachdem Kathleen Regan (Freie Wähler) ihr Mandat niedergelegt hatte. Das Rennen um den 1. Stellvertreterposten hatte damals in einem wahren Abstimmungskrimi Klaus Christof (KIK) gemacht, Siegfried Müllers größter Widersacher. Werner May hatte zunächst nur sieben Stimmen bekommen - obwohl die UsW neun Mitglieder im Stadtrat hat. Mindestens zwei haben den eigenen Mann also nicht gewählt.

Spätestens seit dieser Zeit ist bei der UsW einiges nicht mehr im Lot. "Ich habe nach dem Wahlabend mit allen UsW-Fraktionsmitgliedern gesprochen und gefragt, wer mich nicht gewählt hat und warum", erzählt May. Der verheiratete Vater zweier Töchter kann die richtige Antwort bis heute nur erahnen. Das und "die vielen Unstimmigkeiten in der Fraktion" haben ihn zum Rückzug bewogen.

Vor vier Jahren, als die UsW nach ihrem eindrucksvollen Wahlsieg nicht nur den Oberbürgermeister, sondern auch die größte Fraktion stellte, schien der Himmel noch voller Geigen zu hängen. Doch rasch stellte sich heraus, dass nicht alle den Sprung aus der Opposition hinein in die kommunalpolitische Mitverantwortung gehen konnten oder wollten. Immer öfter bekam OB Müller als Chef der Verwaltung harte Worte auch aus den eigenen Reihen zu hören - Kritik, die offensichtlich nicht alle UsW-Räte als berechtigt empfanden. Ein Riss ging durch die Fraktion.

Ende vergangener Woche hatte bereits UsW-Stadtrat Erwin Müller erklärt, dass er sein Ratsmandat zurückgeben möchte. Der 66-Jährige sagt: "Die Gesundheit geht vor." Nach den Nieren habe nun auch das Herz Probleme gemacht. Auf ärztlichen Rat hin müsse er "Ballast abwerfen" und Aufregung vermeiden. Für Erwin Müller, der sich keinem UsW-Lager zuordnen lassen wollte, wird wohl der auf Zusammenarbeit bedachte neue UsW-Vereinsvorsitzende Manfred Marstaller in den Rat kommen.

Bis zur nächsten Kommunalwahl sind es noch fast zwei Jahre. Dass Müller, 56, bis dahin wieder auf ungeteilte Rückendeckung seiner UsW zählen kann, scheint aktuell kaum vorstellbar. Der OB selbst will die Lage derzeit nicht kommentieren - "wir werden erst intern darüber sprechen" - und Werner May sagt dazu auch nichts mehr. Er gibt jedoch einen Hinweis auf sein eigenes Befinden: "Ich glaub', ich schlaf' jetzt wieder ruhiger."